
Der Herbst leuchtet an diesem Morgen in seinen schillernden Farben. Die Morgensonne erhellt unsere Wohnung. Ich blicke aus dem Fenster und sehe, wie mit jedem Windstoß die Blätter von den Bäumen geweht werden. Die Kastanie, die sich in den letzten zwei Wochen in ihrer vollen Pracht mit orangenen Blättern zeigte, legt nun täglich immer mehr ihr schönes Kleid ab. Es zieht mich innerlich nach draußen.
Veränderung. Jeden Tag, wenn ich aus dem Fenster blicke. Veränderung. Jeden Tag, wenn ich auf mein kleines Herzenskind schaue. Und momentan steht in diesem kleinen Menschen wohl wieder eine große Entwicklung an. Ein Entwicklungssprung, der seine gesamte kleine Welt auf den Kopf zu stellen scheint. Das würde mich wohl auch frustrieren, verunsichern und traurig machen, wenn die Welt, wie sie gestern noch war, plötzlich eine andere zu sein scheint.
Ähnlich geht es uns ja auch seit Beginn des Jahres. Auch die Welt für die Erwachsenen steht noch Kopf – auch wenn wir uns doch erstaunlich an die Umstände einer Pandemie gewöhnt haben. Nun, wo die Maßnahmen und Beschränkungen wieder angezogen werden, spüre ich auch, dass es mich frustriert. Die Gewohnheiten der letzten Wochen und Monate werden wieder durchbrochen. Meine gewohnten Einkaufsziele steuere ich zur Zeit kaum an, da die Umstände draußen es für mich wenig angenehm machen. Ich verstehe, welchen Sinn und Zweck die Maßnahmen verfolgen, doch erfüllt es mich nicht mit größter Freude, mich während eines gesamten Aufenthaltes in der Innenstadt mit einem Schutz zu bewegen. Mit Kindchen in der Trage. Körperlich und geistig erschöpft.

Abwägen. Jeden Tag aufs Neue. Ich sehe die Verfassung meines Minimenschleins. Wo so viel Frust und Kummer entsteht, wenn etwas nicht nach seiner Vorstellung verläuft. Wo Nächte sehr unruhig sind, weil alles in diesem kleinen Köpfchen verarbeitet werden will. Wo wieder viel gestillt wird, weil der sichere Hafen in Zeiten des inneren Sturms ganz wichtig ist. Ich sehe, wie ihn bereits sein gewohntes Umfeld mit diesem Entwicklungssprung herausfordert. Wie viel er durch seine Emotionen begleitet werden muss. Ausflüge halte ich in Grenzen. Die, die wir machen, fordern ihn bereits ordentlich heraus. Und mich ebenso.
Sie haben im Moment nichts mehr zu geben, höre ich meine Therapeutin sagen, als ich ihr meinen Kummer eröffnete, dass über meinen Alltag hinaus nicht mehr viel möglich ist. Dass mich intensive Gespräche, Ausflüge, Einkäufe, geplante Reisen, sehr fordern. Ihre Haut ist noch dünner als sonst. Wie recht sie hat. Dieser kleine Mensch bringt mich an die Grenze, an die ich dringend kommen musste in meinem Leben. Diese Erschöpfung, diese Verzweiflung, diese Müdigkeit.. sie sind die notwendigen Bremsen, die mich in meiner kleinen Blase halten. Meine Familie. Mein Wohlbefinden. Nur das hat zur Zeit oberste Priorität. Es schmerzt mir noch, das komplett anzunehmen. Gerade weil ich es doch jahrelang niemals so ganz geschafft habe. Für alles und jeden da sein, für alles und jeden verausgaben. Schmerzen? Ach komm, Tablette rein. Verspannungen? Ach komm, Tablette rein. Ich habe nicht sehr auf meine Grenzen geachtet. Erst die Migräne hat mich wirklich ausgebremst. Jetzt erkenne ich schon viel früher, ob es nicht doch zu viel wird, wenn ich etwas plane. Dann höre ich bereits auf mein Bauchgefühl. Natürlich habe ich immer den kleinen mahnenden Finger vor Augen, der mich daran erinnert, auch meine Komfortzone zu verlassen, Gewohnheiten zu durchbrechen und mich hin und wieder auch zu überwinden.
Doch wo nicht viel zu holen ist, kann ich auch nichts finden. Und genau das hat mir meine Therapeutin nochmal ganz deutlich gesagt. Das brauchte ich.
Sicher. In meinem Alltag übernehme ich mich auch immer noch etwas. Oft bleibt mir -gefühlt- keine andere Wahl. Wenn ich häufig allein bin mit dem Minimenschlein. Dann nagt auch immer wieder das schlechte Gewissen an mir, ob er etwas verpassen könnte – nur weil ich eben gerade nicht so leistungsfähig bin.
Doch auch da beruhigt mich mein Profi. Ich bin für mein Kind da, ansprechbar und bin mit ihm immer in Verbindung. Und gerade diese Verbindung braucht er so sehr, so viel. Da diese Verbindung stets und ständig aufrecht erhalten bleiben muss, ist meine Leitung eben leider oft für andere Teilnehmer besetzt. Unsere kleine Familie ist im steten Wandel gefordert, das Netzwerk aufrecht zu erhalten. Für viele von außen ist es vielleicht nicht immer nachvollziehbar, warum wir so mit uns beschäftigt sind. Mittlerweile mag ich diese Beschreibung überhaupt nicht mehr – sie klingt so abwertend. Denn eigentlich ist es für Menschen, wie der Herzmensch und ich es sind – die immer gerne für andere da sind und sich oftmals hinten anstellen- schon eine tolle Sache, wenn wir es schaffen, uns nur mal um uns zu kümmern. Ist doch schön, wenn Menschen es schaffen, auch mal für sich zu sorgen, wenn sie bisher fast nur damit beschäftigt waren, für andere mehr Sorge zu tragen.

Abwägen. Immer und immer wieder. Es zieht sich in einigen Bereichen momentan durch mein Leben. Was ist jetzt gerade wichtig? – frage ich mich fortlaufend. Und dann bleibt die Küche erstmal unaufgeräumt, wenn ich in der Zeit eher eine Pause machen kann. Und dann trägt das Kindchen eben den ganzen Tag einen Schlafanzug, wenn es nicht umgezogen werden will. Und dann gibt es mal das Gemüse aus’m Supermarkt, weil der Gang über den Wochenmarkt zur Zeit einfach zu müßig ist. Es schmerzt, wenn manche Gewohnheiten und Routinen nicht so aufrecht erhalten bleiben, weil sie mir in dieser ständigen Zeit von Unruhe und Veränderung eine gewisse Sicherheit geben. Doch meine Sicherheiten habe ich direkt vor mir: Die beiden Herzmenschen, die mein Leben so aufgerüttelt haben und neu ordnen. Meine Anker. Meine ganze Liebe.
