Ich kann mir das nicht leisten

Was kostet schon die Welt? … Oh. Okay. Dann nehm ich eine kleine Cola.

Wenn wir die Worte hören, dass sich jemand etwas nicht leisten kann, gehen wir erstmal vom finanziellen Aspekt aus. Manchmal bangen Menschen auch um ihr Ansehen oder ihre Position bei anderen Menschen, wenn sie diese Worte verwenden und damit etwas verweigern, dass ihnen eventuell schaden könnte. Und selten stellt das jemand infrage. Es scheint wohlüberlegt zu sein, wenn Menschen für gewisse Dinge kein Geld ausgeben möchten – selbst wenn sämtliche Finanzierungsangebote es möglich machen könnten. Es wird eventuell auf ein besseres Angebot gewartet und verglichen, um das Passende für die individuelle Situation zu finden. Denn nicht immer ist für alle nur eine Sache richtig.

Es kostet mich zu viel.

Über diese Worte musste ich in den letzten Tagen öfter nachdenken. Denn sie bedeuten dasselbe. Ich habe sie jedoch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Als ich mit dem Herzenskind auf Reisen ging. Mit Sack und Pack in den Zug, zwei Stunden Reisezeit für ein gemeinsames Wochenende mit einer befreundeten Familie. Drei Kleinkinder, drei Erwachsene. Ein guter Betreuungsschlüssel. Ich spürte bereits in den Vorbereitungen, dass ich immer angespannter wurde und so viele Fragen in mir aufkamen. Ich brauchte ein paar Sicherheiten. Die Vorfreude überwog jedoch. Sie trieb uns an und besonders am Tag der Abreise wurde mein Herzenskind von seinen Gefühlen gänzlich überrollt. Ich bereite ihn sehr dosiert auf solche Dinge vor. Gerade Reisen kann ich meistens erst einen Tag vorher konkret erwähnen – denn dann kann es nicht schnell genug losgehen. Ich war körperlich an diesem Tag nicht besonders fit, arrangierte mich schon seit einiger Zeit mit unklaren Schmerzen und etwas in mir hätte am liebsten alles abgesagt. Komfortzone. Sicherheit. Doch ich ertappe mich schon dabei und finde den Weg heraus aus den Zweifeln und Unsicherheiten. Denn ich möchte auch unserem Herzenskind Abwechslung bieten und für ihn sind solche Abenteuer immer noch besser auszuhalten, wenn ich dabei bin. Der sichere Hafen und so. Manchmal gar nicht so leicht, wenn man die Sicherheit erstmal selbst in sich suchen muss.

Mit jedem Mal, an dem wir eine Reise planen – und sei es nur ein Wochenende bei unserem Familien – wird meine Aufregung weniger. Ich weiß immer mehr, was ich wirklich mitnehmen muss und somit werden die Vorbereitungen überschaubarer. Dieses Mal war alles unbekannt und ich hatte nur wenig Stauraum und Kapazitäten, was mit kann. Doch alles klappte prima. Mein Herzenskind kuschelte sich während der Zugfahrt an mich und erzählte mir, wie toll er Zugfahren findet. Oh ja, das finde ich auch. Vor allem jetzt ist so vieles einfach möglich, was beispielsweise vor zwei Jahren undenkbar war. Immer wieder breitet sich bei diesen Gedanken große Dankbarkeit und Demut in mir aus.

Dieses gemeinsame Wochenende war schön und wir durften herausfinden, einen längeren Zeitraum mit Menschen zu verbringen, die wir sonst nur mal in größeren Abständen für ein paar Stunden gesehen haben. Spannend war eben auch, wie mein Herzenskind mit dem täglichen Kontakt zu anderen Kindern auskommt. Die beiden Geschwister haben ein anderes Naturell und bringen Lautstärke mit, die für mein Herzenskind meistens eine Herausforderung darstellt. Aber er sorgte gut für sich, konnte damit umgehen. Am dritten von vier Tagen spürte ich dann bei ihm, dass es genügt. Seine Stimmung kippte und er wurde gereizter – mein Zeichen, dass es für ihn reicht. Auch ich war erschöpft – denn jeden Tag wachte ich mit Verspannungen und Kopfschmerzen auf, fühlte mich übermüdet. Sogar Migräne flog mal vorbei – mein Zeichen, dass ich mir zu viel zugemutet habe.

Es kostet mich zu viel.

Für andere vermutlich unvorstellbar, unverständlich, dass mich so ein Ausflug körperlich und mental so herausfordert. Während ein Teil in mir das total gerne will – raus aus der Komfortzone, was erleben – erinnert mich der andere Teil immer wieder daran, dass ich dafür eigentlich kaum Ressourcen habe. Meine Haut ist durch vier Jahre Schlafmangel hauchdünn und reizoffen, wie nie. Dass ich um meine feinen Antennen und die krasse Reizoffenheit weiß, hilft mir enorm in der Alltagsplanung. Damit ich nicht ständig über meine Grenzen gehe. An diesem Reisewochenende bin ich mal wieder sehr über meine Grenzen gegangen. Auch wenn wir viele Erfahrungen gewinnen konnten und innerlich beide sehr daran gewachsen sind, hat es mich dennoch viel gekostet. Eine dauerverspannte Schulter-Nacken-Partie mit fortwährenden Kopfschmerzen hat mich nicht nur daran erinnert, dass ich mich mehr kräftigen sollte – sondern dass dies schon immer meine Problemzone war. Immer, wenn es zu viel für mich wurde, meldete sich mein Körper an dieser Stelle. Und an diesem Wochenende, mit täglichen körperlichen Beschwerden, saß ich wieder zwiegespalten da: Denn eigentlich bin ich froh, die Zeichen meines Körpers deuten zu können und bin dankbar, wie schlau er doch ist. Doch andererseits empfinde ich mich als kaum belastbar, denn das, was anderen kaum Probleme bereitet, setzt mir so dermaßen zu. Statt mich aber im Selbstmitleid zu verlieren, überlege ich, wie ich noch besser für mich sorgen kann, mich innerlich mehr stärken kann, damit solche vermeintlich einfachen Abenteuer mich nicht ständig so viel kosten.

Am Ende brauchten wir zwei Tage, um das Abenteuer zu verarbeiten. Um unsere Nervensysteme wieder zu regulieren. Die Verspannungen und Kopfschmerzen ließen allmählich nach. Wir tankten neue Energie für die nächsten (kleineren) Abenteuer. Denn wer mit so empfindsamen Nervensystemen durch das Leben geht, empfindet schon einen normalen Einkauf als abenteuerlich.

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