Ein anderes Leben

Ich stehe unter der Dusche und lasse das warme Wasser über meinen müden Körper laufen. Tränen fließen und werden eins mit dem warmen Strahl, der aus dem Duschkopf über mein Gesicht strömt. So viele Gefühle.

Bilder in meinem Kopf. Seit ich wach wurde an diesem Morgen blättere ich Erinnerungen in meinem Gedächtnis durch. Warum nur ist alles wieder so präsent?

Es fühlt sich an, wie ein anderes Leben. Ich hatte bereits eine Familie – und für mich zerbrach alles mit dem Tod meines Sohnes. Es war ein Kapitel, in dem ich nicht weiter schreiben kann. Zu Ende. Neuer Abschnitt.

Ich sehe die Bilder der Beerdigung meines Sohnes. Ein kleines Büchlein mit Fotografien und passenden Texten, vom Bestattungsinstitut liebevoll gestaltet. Eine Erinnerung an den bisher schlimmsten Tag meines jungen Lebens. Doch sie helfen zu begreifen. Dass er wirklich gestorben ist. Dass wir diesen kleinen Menschen wirklich zu Grabe getragen und der Erde übergeben haben. Ich sehe diesen kleinen Sarg und denke daran, dass wir extra etwas früher zur Trauerfeier kamen, um ihm noch etwas mitzugeben. Eine Haarsträhne legte ich in seine kalte Hand – denn er spielte zu Lebzeiten immer in meinen Haaren, um einschlafen zu können. Eine Packung TicTacs bekam er mit auf seine Reise – denn diese teilte er gerne mit anderen. Ich sah seinen kleinen Körper und wie sehr er sich nach zehn Tagen bereits verändert hatte. Schnell den Sarg wieder schließen – die ersten Gäste zur Trauerfeier kamen bereits. So viele Menschen nahmen damals Anteil und Abschied. An diesem Tag zeigte sich deutlich, wieviele Verbindungen wir hatten.

Ich sehe das Foto, auf dem ich mit meinem Partner neben dem Sarg sitze und habe das Gefühl, da sitzt eine völlig andere Person. Meine Hand sucht seine. Ich wollte Verbindung, suchte Halt. War dankbar für die vielen Umarmungen nach der Beisetzung, die mir zeigten, dass wir noch da sind, am Leben sind. Denn ich fühlte mich leer, verloren, wie eine Hülle. Da haben viele Menschen Tränen vergossen, die ich an diesem Tag nicht weinen konnte. Und dabei bin ich doch die Mutter. War. Nein, bin. Mein Kind ist tot – doch ich bin immer noch seine Mutter.

Ich denke an die geheime Trauung mit meinem Partner. Einen Monat nach der Beerdigung unseres Kindes. Nur wir beide. Ich sollte den Namen unseres Kindes tragen, waren seine Worte. Es fühlte sich alles richtig an damals. Gab mir Halt. Alles wollte ich behalten, was noch da war. Die Reaktionen unseres Umfeldes waren gemischt, doch für uns war es richtig so.

Einige Monate später war ein weiteres Kind eine Idee. Hochemotional wie ich war, biss ich mich an diesem Gedanken fest. Ich dachte, es könnte Linderung verschaffen, eine neue Aufgabe, einen neuen Sinn. Nach einem gemeinsamen Nachmittag mit anderen verwaisten Eltern im geschützten Rahmen war uns klar: Wir sind noch jung. Wir können nochmal Kinder bekommen. Das gab mir Hoffnung.

Doch irgendwann verlor ich diese Hoffnung. Ich verlor die Liebe für meinen Exmann. Ich fühlte mich leer in seiner Gegenwart, konnte die Schwere kaum aushalten, die uns umgab. Ich flüchtete mich in Aufgaben. In Begegnungen. Die mir positive Gefühle gaben. Die mich wieder Leichtigkeit spüren ließen. Und wollte nicht mehr zurück in diese Schwere. Immer öfter verließ ich mein Zuhause, die Stadt, die Umgebung, in der mein schwerkrankes Kind starb. Es erdrückte mich, denn an jeder Ecke lauerten Erinnerungen. Ich wollte raus aus der Trauer, denn ich durfte erfahren, dass es all dieses Schöne im Leben wirklich noch gab. Wir überlegten noch, gemeinsam umzuziehen – der letzte Funken Hoffnung. Bei ihm. Nicht bei mir. Denn eigentlich war ich gedanklich schon weg. Ich machte mir was vor. Und ihm. Wochenlang arbeitete es in mir und dieser Drang zu gehen, wurde immer größer. Ich fühlte mich schuldig ihm gegenüber. Unseren Familien gegenüber. Immerhin bedeutete die Trauung, dass wir gemeinsam dadurch gehen wollen, zusammenhalten. Und ich warf es einfach so weg. Der Schritt zu gehen, war schwer. Das auszusprechen, was mir lange Zeit im Kopf herum ging. Meinem Gefühl zu folgen und nicht dem Verstand. Seine Mutter fasste es toll zusammen: Ganz einfach gesagt – einer hat noch Gefühle, der andere nicht. Wo keine Gefühle mehr sind, kann man nichts erzwingen. Trennt euch. Vielleicht ja auch nur auf Zeit. Das werdet ihr doch sehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits mit sämtlichen Worten und Erklärungen versucht, einem sehr rational denkenden Menschen meine Beweggründe nahe zu bringen. Ich redete mich um Kopf und Kragen. Sagte Dinge, die die Wunde noch größer machten bei ihm – und die ich rückblickend bereue. Ich war nicht in der Lage, einfach auszuhalten und dafür einzustehen, was für mich wichtig war. Ich suchte die Fehler im Außen. Ich versuchte mir im Außen zu erklären, warum es für mich nicht mehr passte. Dabei war etwas in mir noch nicht bereit, nicht reif genug. Ich war viel zu wenig mit mir verbunden und suchte die Bestätigung im Außen. Heute blicke ich anders darauf.

Ich erinnere mich an die Zeit nach meinem Auszug. Ein aufregender Sommer. Ich durfte mich wieder richtig spüren. Das Leben. Viele schöne Erlebnisse und Begegnungen ließen mich aufatmen nach einer so schweren Zeit. Ich fand eine Wohnung, eine passende Arbeit und freute mich auf meinen Neuanfang. In dieser Zeit unterstützte mich ein alter Bekannter. Auch er hatte eine Trennung hinter sich und wollte auch seine Arbeit neu überdenken. Wir halfen uns gegenseitig, machten uns die Zeit des Umbruchs leichter. Vergessen werde ich nicht die Begegnung mit meinem Exmann einige Wochen nach meinem Auszug. Ich war gerade mit meinem Bekannten eine Runde spazieren und wir liefen uns über den Weg. Dass es für ihn so aussah, als hätte ich einen neuen Partner, kann ich mir denken. Während wir gerade noch über einen Scherz lachten, ging er mit versteinerter Miene an uns vorbei. Es war furchtbar und ich fühlte mich schuldig. Wie sehr muss ich ihn in dieser Zeit verletzt haben. Wie egoistisch muss ich auf andere gewirkt haben. Denn am Ende ist doch der Partner, der geht, immer erstmal der Schuldige. Vor allem nach unserer Geschichte. Und bei all dem schlechten Gewissen und den Schuldgefühlen war ich dennoch froh, diesen Weg für mich zu gehen. Ich durfte innerlich sehr daran wachsen.

Ich spürte, wieviel mir innerlich ganz oft im Weg stand. Wieviel ich aufzuarbeiten hatte und fand den Weg zu meiner ersten Therapeutin. Endlich konnte ich mit jemandem sprechen, der emotional nicht in alles involviert war. Eine objektive und fachliche Sicht auf alles ebnete mir einen ganz neuen Weg. Nach meinem Auszug fand ich den Mut für so viele Dinge, die ich mir eine ganze Weile nicht zutraute – vor allem aus Angst vor der Reaktion meines Umfeldes. Ich hatte solche Angst vor Ablehnung. Heute weiß ich, was das für eine tiefe Wunde in mir ist.

Und heute morgen war alles wieder so präsent. Die Erinnerungen, die Gefühle. Ich spürte wieder diese Schuldgefühle, diese Reue in mir. Wollte ich doch immer vermeiden, andere mit meinem Verhalten zu verletzen, habe ich in dieser Zeit wohl olympische Höchstform angenommen. Ich sehe es nun schon aus einem anderen Blickwinkel: Ich wusste und konnte es damals nicht besser. Auch mein Umfeld hat sich so verhalten, wie sie es zu diesem Zeitpunkt am besten konnten. Es war eine so wahnsinnig emotionale Zeit. Ich war fragil und ließ mich mehr von meinen Gefühlen leiten, als ich das bitte dato in meiner Erinnerung jemals tat. Mittlerweile sind fast sieben Jahre vergangen, seit ich mein altes Leben hinter mir ließ. Mit der Scheidung einige Zeit später konnte ich noch weiter damit abschließen. Zumindest auf dem ersten Blick. Denn es gibt immer mal wieder Momente, wie heute, in denen ich zurückblicke und wieder voll in der Vergangenheit hänge. Und da ich mit dem Blick zurück jetzt verbinde, dass ich wohl noch etwas daraus lernen darf, frage ich mich, womit ich innerlich nun abschließen und Frieden finden darf.

Es ist mein altes Leben. Mein altes Ich. Das Kapitel ist vorbei. Nichts daran kann ich mehr ändern. Nur im Jetzt kann ich etwas verändern. Und vielleicht ist es, dass ich endlich wahrhaftig mit meiner Vergangenheit Frieden schließen darf. Dass ich mich jetzt nicht mehr ständig vor meinen inneren Richter zerre und mich dafür strafe, was ich früher getan oder nicht getan habe. Ich darf verzeihen – allem voran mir. Und das ist die größte Herausforderung für mich.

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