Overload

Ich stehe auf und spüre die Müdigkeit in meinem Körper. Es war zu warm letzte Nacht. Viele Unterbrechungen durch mich, durch Herzenskind. Ich muss zur Toilette. Ach erstmal schnell alle Fenster auf und lüften – frische, kühle Luft tut so gut. Meine Kopfhaut juckt, meine Haare sind fettig – ich muss sie waschen heute. Oder doch Duschen? Jetzt nicht, weil Herzenskind momentan wieder mehr ängstlich aufwacht und direkt nach mir ruft. Erstmal schnell Zähne putzen, ein bisschen kaltes Wasser ins Gesicht – das gibt schon ein frischeres Gefühl. Schon ruft mein Kind nach mir, will nochmal stillen, schläft nochmal ein. Fenster zu, es ist etwas zu frisch. Handgriffe in der Küche machen, wie jeden Morgen. Fällt mir heute alles so schwer. Kaum Antrieb. Ich setze mich mit meinem morgendlichen Getränk nochmal aufs Sofa, sende meiner Freundin eine Nachricht. Lese noch kurz was online. Kindchen ruft wieder nach mir und klingt ängstlich, weil hatte wohl einen Alptraum. Ich gehe auf ihn ein, besänftige ihn, helfe ihm bei Übergang in den Tag. Frühstück, Bildschirmmedien. Kindchen hat eine Idee, was wir machen können – Bilder ausdrucken und anmalen. Herzenskind malt dabei sein erstes Auto und ich platze vor Stolz. Wir basteln sogar spontan was. Er ist fertig mit malen, widmet sich dem Tablet. Ich räume die Küche auf, schneide Gemüse für die Suppe zum Mittag. Hey, ich hab eine Idee was ich kochen kann und dann auch noch was Gesundes – ich bin stolz auf mich. Meine Hände sind schwer, mein Kopf, meine Augenlider. Diese Müdigkeit, diese Antriebslosigkeit, wie ein schwerer Klotz. Komm das schaffst Du schon. Während die Suppe kocht, biete ich Herzenskind eine Runde Spiel mit kinetischem Sand an und wir sind ganz vertieft für eine Weile. Danach möchte er wieder etwas Videos schauen. Gut, ich rätsele ein wenig Sudoku, bis ich die Suppe fertig machen kann. Herzmensch schläft noch vom Nachtdienst, die Waschmaschine stelle ich lieber später an, damit er davon nicht wach wird. Aber die muss auf jeden Fall noch trocknen, denn wir brauchen die Wäsche für morgen – da wollen wir wegfahren. So viel packen, an so viel denken. Hab mir schon eine Liste geschrieben, damit ich nichts vergesse. Denn Herzenskind und ich bleiben länger weg, Herzmensch fährt nach einer Nacht wieder nach Hause. So der Plan.

Nach dem Mittagessen spiele ich mit Herzenskind eine Weile im Zimmer. Wir lachen zusammen und es tut so gut. Die Zeit vergeht und ich spüre allmählich, dass ich sehr müde werde und eine Pause brauche. Ich kommuniziere das, sehe die Enttäuschung bei meinem Kindchen und frage ihn, wieviele Unfälle wir noch machen, bis wir eine Pause auf dem Sofa machen. Wir einigen uns und der Übergang klappt relativ gut. Kindchen schaut oder spielt was am Tablet, ich lege mich daneben und höre entspannende Musik, schließe etwas die Augen. Ich muss ja irgendwie heute Abend durchhalten, denn Papa hat Nachtdienst. In der Zwischenzeit ist die Wäsche fertig geworden, die ich nach dem Mittagessen mit Kindchen gemeinsam angestellt habe. Noch flott auf der Terrasse aufhängen, dann trocknet das auf jeden Fall noch heute. Ich versuche Herzenskind dazu zu bewegen, mit raus zu kommen für einen Moment, denn er möchte nicht allein sein, aber die Wäsche ist auch wichtig. Wir gehen gemeinsam runter und bleiben sogar länger draußen, denn er findet eine Beschäftigung. Ich spüre die heiße Mittagssonne und stelle einen Schirm auf. Die Sonne brennt. Um mein ungepflegtes Haar zu verstecken, mache ich mir eine Tuch um die Haare. Irgendwann kommt Herzmensch hinzu. Viele Autos fahren vorbei, Motorräder, LKW – alles direkt an der Terrasse vorbei. Es ist laut. Es ist heiß. Die Luft stickig und ich kann schlecht atmen. Ich hole meine Sonnenbrille und Gehörschutz, denn es ist zu viel. Ich spüre die Wärme am Kopf, die sich unterm Tuch staut. Meine Kopfhaut juckt immer noch, ich wollte doch noch Haare heute waschen. Am liebsten duschen und rasieren – ach nee, mein Rasierhobel ist kaputt. Ich spüre die Wassereinlagerungen, das Gewicht, das sich seit einiger Zeit bei mir angesetzt hat und fühle mich unwohl. Mein Kreislauf schwächelt etwas, ich muss mich hinsetzen. Kindchen spielt mit Sand und Wasser. Herzmensch will mir was erzählen, aber ich kann mich kaum konzentrieren. Schon will Kindchen wieder rein. Halt, erst Füße abspülen, die sind voller Sand. Unterhaltung unterbrochen. Merk Dir, was er erzählen wollte und frag nochmal in einem passenden Moment nach. Ich bin müde, so sehr. Am liebsten würde ich schlafen. Muss noch packen, an so viel denken. Herzmensch erzählt seine Geschichte und ich hoffe, dass Kindchen nicht von oben gleich nach mir ruft. Wir gehen hoch. Herzmensch isst, ich kuschele mit Kindchen aufm Sofa und wir aklimatisieren uns von der Hitze. Herzmensch kommt herein, ich bitte ihn schon mal die Reisetaschen von unten mitzubringen, wenn er gleich nochmal runter geht. Kindchen will nun nochmal im Zimmer spielen. Jetzt eine Zugstrecke bauen. Mir rattert der Kopf, was noch alles gemacht werden müsste. Will mein Mann nochmal schlafen vorm Nachtdienst? Ich werde unruhig, noch mehr als eh schon vorm Verreisen – denn es macht mich jedes Mal nervös. Jetzt noch mehr, denn mir fällt es wahnsinnig schwer, klar zu denken. Aber ich muss ja an alles denken! Ich brauche Absprachen. Ich sage Kindchen, dass ich mit Papa sprechen muss, wie es jetzt weitergeht. Ich spüre, dass ich genervt bin, denn ich muss meistens alles überblicken und wünsche mir, dass er besonders jetzt mehr mitdenkt. Aber er kann nicht, es fällt ihm schwer – besonders mit Nachtdienstgehirn. Ich habe Verständnis dafür. Ich muss eben reden, Bescheid geben, wenn ich ihn brauche. Fällt mir manchmal schwer. Und jetzt, wo ich mit der Depression und Erschöpfung trotzdem noch irgendwie den Alltag aufrechterhalte, bin ich nicht immer sehr verständnisvoll. Verhalte mich schroff, genervt. Kann das nicht so freundlich rüber bringen, wie ich eigentlich möchte. Mein Herzmensch reagiert ebenfalls genervt und dann wird er noch vom Kindchen angemacht. Haussegen hängt schief. Ich spreche es an, will es klären. Seine Wunde zeigt sich, meine Wunde zeigt sich – und wir pieksen mal wieder fröhlich hinein. Ich bitte um Verzeihung und versuche es beim nächsten Mal anders zu machen. Ach ja, wenn man im Stress ist, zeigt sich oft die unschöne Seite und vor allem jene, die sich in der Kindheit eingeprägt haben.

Ich will packen. Meine Herzmenschen spielen in der Zeit, denn Kindchen mag momentan nicht gerne allein sein (noch weniger als sonst). Im Schlafzimmer laufen die Tränen. Alles entlädt sich, die Anspannung fließt mit jeder Träne aus mir heraus. Ich will keinen Streit, ich mag keinen Frust oder angespannte Stimmung – halte ich gerade sehr schlecht aus und ich habe keine Kraft, mir für den Familienfrieden eine fröhliche Maske aufzusetzen. Hallo Depression! Ich denke an den nächsten Tag, was geplant ist. Herzmensch muss früh nach dem Nachtdienst aufstehen – für ihn meistens sehr schwer. Es soll sehr warm werden. Wir wollen am frühen Nachmittag losfahren. In eine Region voller stressigen Verkehr. Es besteht die „Gefahr“, dass Kindchen während der Fahrt einschläft und damit bis nachts aufbleibt. Zu viele Faktoren, die unsere sensiblen Nervensysteme stressen. Das kann nur anstrengend werden. Ich überlege, ob es einen anderen Weg gibt. Mir fällt was ein. Ich unterbreite den Vorschlag meinem Herzmenschen. Ein Anruf meinerseits bei den Schwiegereltern, ob Abholung möglich wäre mit einer Übernachtung, um am übernächsten Tag morgens entspannter loszufahren. Somit wäre ich entlastet, denn jemand mit mehr Ressourcen, als wir sie gerade haben, kann die Fahrt übernehmen. Herzmensch wäre ebenfalls entlastet. Alles kein Problem – was bin ich erleichtert. Ich erzähle Herzmensch, dass alles klar geht. Auch wenn wir uns sichtbar versöhnt haben, hängt spürbar noch was in der Luft. So schnell können wir beide es nicht abschütteln.

Herzmensch legt sich nochmal schlafen vorm Nachtdienst. Ich spiele noch etwas mit Herzenskind, spüre aber langsam Hunger. Merke, dass meine Konzentration nachlässt. Wir finden einen Übergang. Abendbrot, Bildschirmzeit. Regulation. Mir geht das Gespräch mit meinem Herzmenschen immer wieder durch den Kopf und ich hoffe, ich kann mich künftig anders verhalten. Die Pause wird uns gut tun. Ich freue mich auf die kommende Zeit, in der ich hoffentlich Kraft sammeln kann, weil ich einige Verantwortungen gänzlich abgeben und teilen kann. Es entlastet mich gedanklich bereits enorm. Ich möchte aus diesem Loch herauskommen und in den eigenen vier Wänden klappt es gerade nicht so gut. Ich muss packen, aber das kann ich nun morgen machen. Meine Haare sind immer noch nicht gewaschen. Mache ich auch morgen. Ach und die Fingernägel vom Herzenskind muss ich dringend schneiden – hoffentlich heute abend, wenn er zeitig einschläft. Ich bin müde, so sehr. Ich will eigentlich gar nichts machen und muss dennoch. Alles kostet Überwindung. Moment, die Wäsche muss ich noch abnehmen und alles auf der Terrasse wegräumen. Spülmaschine läuft. Wir sind soweit satt. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Hoffentlich wird’s nicht wieder so spät, wie gestern. Meine Augen werden immer schwerer. Noch einmal zusammenreißen. Mit Kindchen den Abend einläuten. Nicht mehr lang, dann kann ich etwas verschnaufen. Hoffentlich wirken die Medikamente schnell, damit die Chemie im Kopf wieder passt. Ich bin weit weg von Lebensfreude, Antriebskraft und Leichtigkeit. Es fehlt so sehr und ich will es wieder zurück. Damit sich die Tage wieder mehr wie Leben, statt Überleben anfühlen. Und auch wenn ich einen anderen Blick auf die Depression habe, sie als Symptom betrachte und irgendwie eine Ahnung habe, was die Ursache ist – ich habe mich für diesen Weg mit medikamentöser Unterstützung entschieden, um mich kurzfristig aus dem Loch zu holen. Um die Chemie in meinem Kopf in Ordnung zu bringen. Es fiel mir schwer, denn ich würde lieber einen anderen Weg gehen. Nur fühlt sich der für mich gerade nicht machbar an. Irgendwann bestimmt. Wenn ich hoffentlich wieder mehr Kraft habe und klarer denken kann. Wenn mich solche Tage, wie heute, nicht mehr so sehr aus der Bahn werfen.

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