Auszeiten und das danach

Über zwei Wochen konnten wir bei der Familie erholen, das Herzenskind und ich. Auszeit vom Alltag. Unterstützung und Aufteilung von Haushalt und Betreuung. Es tat wirklich gut und ich konnte Kräfte sammeln. Hab mir vorgenommen, was wir daheim umstrukturieren können, damit ich nicht so schnell wieder in die Erschöpfung rutsche.

Hochsensibilität und Erschöpfung hängt dicht zusammen. Es braucht schon lange Übung und gute Kraftquellen, um sich mit einer sehr feinsinnigen Wahrnehmung über Wasser zu halten. Und dafür muss man erstmal herausfinden, was einen überreizt, was einem hilft, wieder mit sich in den Einklang zu kommen und dann muss es irgendwie im trubeligen Alltag gut integrierbar sein.

Kraftvoll und energiegeladen – wie gerne wäre ich das mal wieder. Aber vielleicht ist das ein zu hoch gestecktes Ziel. Zumindest kurzfristig. Es geht immer nur Schritt für Schritt. Und meistens ist es so, dass erholsame Phasen bei uns nur kurzweilig sind. Meine Akkus rauschen wahnsinnig schnell wieder ab – und das schon innerhalb eines Vormittags. Dann frage ich mich, wie ich den Tag allein mit hochaktivem Herzenskind schaffen soll, wenn mein Herzmensch die Stunden auf Arbeit verbringt. In der Auszeit bei der Familie wurde allen nochmal deutlich gezeigt, wieviel Kraft der Alltag mit unserem Kindchen erfordert. Dass das für einen allein zusätzlich mit der Carearbeit daheim eine ganz schöne Hausnummer ist – auf Dauer. Klar, dann wird von vielen schnell mit Kindergarten argumentiert und ich verstehe das. Es braucht ein Netzwerk, um Kinder zu begleiten. Wir finden unser eigenes und nun hoffentlich auch wirklich dauerhaft. Seit zwei Jahren sind wir dran und immer wieder scheiterten jegliche Versuche. Es passte nicht und das ist okay.

Manche Tage haben es wirklich in sich. In Phasen von Wachstum – egal ob geistig oder körperlich – braucht unser Kindchen so viel Regulation durch uns. Viel körperliche Nähe, viel Aufmerksamkeit, viel Verständnis und Geduld. Dann zeigt sich das sprunghafte Gemüt und wir hüpfen irgendwie mit, versuchen nicht übereinander zu stolpern – aber letztlich sind es Zeiten von vielen Emotionen, bei uns allen. Wir wuppen diesen Alltag mit unserem neurodivergenten Kindchen seit vier Jahren überwiegend allein und manchmal kann ich das selbst kaum glauben. Während die meisten Familien vermutlich schon längst ihren Weg gefunden haben, sind wir weiterhin auf der Suche . Vor allem, weil mit unserem Kindchen der Standard-Weg unseres Landes nicht möglich ist.

Was macht man denn, wenn das eigene Kind es einfach nicht aushält, mit vielen Menschen in einem Raum zu sein, gleichaltrige Kinder als unangenehm empfindet, so reizoffen ist – und man einfach weiß, dass Kindergarten oder andere Gruppen mit gleichaltrigen Kindern eher Schaden als Nutzen bringen? Richtig – keine Ahnung. Unser Weg entsteht beim Gehen und wir haben offenbar nur einen Kompass dabei, statt einem Navi. Wir haben durch unser Herzenskind die großartige Chance erhalten, das Leben zu hinterfragen, vieles reduzierter anzugehen – und dadurch zu spüren, wie tief die Verbindung zwischen Eltern und Kind wirklich sein kann. Dieser kleine Mensch ist so voller Liebe und Vertrauen für uns, er genießt diese Nähe zu uns. Ich halte mir das immer wieder vor Augen, wenn wir ganz besonders intensive Zeiten haben – denn irgendwann wird das weniger und ganz vorbei. Und ich weiß, dann sehne ich mir diese Zeit wieder herbei.

Nach dieser Auszeit und dem Auftanken war ich erschrocken, wie schnell ich wieder im Alltag angekommen war. Wie schnell ich wieder gestresst war von all der Verantwortung, dem ganzen Überblicken und Mental Load. Mit nur einem Wimpernschlag war ich wieder voll drin in der Mühle aus Funktionieren und wäre beinahe wieder zermangelt worden. Aber ich hab’s erkannt und lerne weiter, wie wir unseren Alltag gestalten können, damit wir besser mit unseren Ressourcen haushalten und uns immer wieder an intensive Zeiten mit unserem Herzenskind anpassen können. Ich durfte nun erfahren, was für eine große Ressource die Auszeit bei der Familie für uns ist und wir werden es öfter einbauen – zur Freude von allen Beteiligten.

Ich weiß noch, wie damals in meiner Rehabilitation gesagt wurde: Nach der Reha ist vor der Reha. Und ja, da ist auch was dran, denn der Alltag ist weiterhin da. Doch im besten Fall nimmt man was aus so einer Zeit mit und setzt etwas um, verändert Kleinigkeiten, dreht an Stellschrauben. Damit man nicht so schnell wieder in die schadhaften Mechanismen gerät. Doch der Mensch braucht so seine Zeit, um neue Gewohnheiten zu etablieren – schon für sich allein. Lebt man mit anderen zusammen, müssen die ja irgendwie auch mitziehen, damit die Veränderungen funktionieren. Und da wird’s dann meistens etwas ruckelig. Wie sagt man so schön: Der Wille zählt! Ich will Veränderungen – denn so, wie letzten Monat, soll es mir nicht wieder so schnell ergehen.

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