Prioritäten

Heute habe ich endlich wieder richtig ausgiebig mit meinem Herzenskind gespielt. Ich habe mich von seiner Fantasie mitreißen lassen und ich konnte mich gut darauf konzentrieren. Das ist mir in letzter Zeit oft sehr schwer gefallen und tat mir so Leid.

Es gab einige Faktoren, die das heute begünstigt haben.

Da unser Kindchen in den letzten Tagen abends zu einem früheren Zeitpunkt eingeschlafen ist, als im letzten halben Jahr, hatten mein Herzmensch und ich tatsächlich mal wieder ein bisschen Zeit zu zweit. Wir genossen es, ganz in Ruhe eine lustige Sendung zusammen zu schauen und unseren Paartank aufzufüllen. Und ich habe einen starken Unterschied gespürt, dass sich mein Nervensystem dabei ganz anders regulieren konnte. Ich stand morgens erholter auf und auch unser Kindchen wurde mit einer ganz anderen Energie wach. Unsere Konzentrationsspanne profitierte davon und ich war so glücklich, dass die ADHS-Anteile von uns beiden etwas weniger in den Vordergrund traten. Wir sprudelten zwar über vor kreativer Energie, doch konnten wir sie mal gut fokussieren.

Als ich heute morgen erwachte, war mir außerdem noch eine entscheidende Sache klar geworden: Im letzten Jahr habe ich viel zu viel Zeit in sozialen Medien verbracht. Die Informationen, die ich dort besonders über Neurodiversität erhalten habe, waren natürlich ausgesprochen hilfreich für unseren Weg zur Selbstdiagnose, die wir letztlich fachärztlich haben bestätigen lassen. Doch bei all den positiven Eigenschaften von Social Media, gibt es auch Aspekte, die für mich eher schädlich sind.

Ich habe viel Zeit damit verbracht, einfach nur sinnlos  herumzuscrollen.

Ich wollte das Gefühl von Verbindung mit Gleichgesinnten spüren.

Ein Stückchen Glück.

Doch es hat mich nicht mehr zufrieden gestellt. Ich sah stets Angebote, die unheimlich verlockend waren – seien es Waren oder Dienstleistungen. Immer ein bisschen mit der gezückten Geldkarte in der Hand, weil: Was kostet schon die Welt? Randnotiz: Einiges! Denn die vielen Produkte, Coachings und Webinare übersteigen mein Budget, Newsletter sprengen meinen E-Mail Ordner und bei all den positiven Eigenschaften der jeweiligen Angebote, könnte ich sie nicht ruhigen Gewissens konsumieren, wenn unser Konto das Ganze nicht halten kann.

Doch es gibt dann eben diesen bitteren Beigeschmack: Ich kann es mir nicht leisten – ich gehöre dann nicht dazu. Ich kann nicht mitreden. Keine Verbindung, keine Zugehörigkeit. Es kam mir in manchen Momenten so vor, als müsste ich stets dafür bezahlen.

Nach langer passiver Zeit auf Social Media, hatte ich im letzten Monat sogar die Idee, etwas aktiver ein Profil zu gestalten. Ich schrieb Beiträge über mein Leben mit Autismus, ADHS und was die späten Diagnosen von uns beiden, als auch die unseres Herzenskindes für uns bedeuten. Ich konnte mich über ein paar Follower freuen uns hatte ein oberflächliches Gefühl von Verbindung. Und schon spürte ich den Sog. Ich wollte mehr davon. Ich erwischte mich dabei, dass ich in jedem kleinsten, freien Augenblick die Plattform öffnete und mal eben einen kleinen Dopamin-Kick abholte. Es zog mir am Ende aber mehr Energie, als es mir gab. Nebenbei vernachlässigte ich meinen Blog, der mir sehr am Herzen liegt und auf dem ich für mich technisch einfacher das umsetzen kann, was ich möchte.

Und heute Morgen fiel für mich dann die Entscheidung: Ich lösche die Profile. Ich lösche die App. Für mich funktioniert das gerade nicht mehr. Es hat bei mir einen faden Beigeschmack hinterlassen und mir oft wertvolle Zeit und Energie geraubt, die ich lieber an anderen Stellen investiert hätte.

Was soll ich sagen? Ich fühle mich befreit. Ich konnte deutlich wahrnehmen, dass schon die Entscheidung etwas Positives in mir freigesetzt hat – als dann alles gelöscht war, atmete ich erleichtert auf. Ich konnte mich wieder mehr mit mir selbst und vor allem mit meinem Kind verbinden.

Ich kann das Ganze für mich gut unter Erfahrung verbuchen. Es hat mich eine gewisse Zeit bereichert. Doch nun bin ich froh, meinen Fokus wieder auf das zu lenken, was wirklich wichtig ist. Bei uns findet gerade wieder Veränderung statt und das braucht meine Achtsamkeit, meine Zuwendung – meine Priorität.