Was für eine Nacht.
Das Herzenskind scheint sich vor ein paar Tagen etwas verkühlt zu haben und entwickelte einen leichten Schnupfen. Und wie das so mit allen körperlichen Symptomen so ist: Ein sensibles Nervensystem verarbeitet das offenbar intensiver. Ich meine, wer kann schon gut mit Schnupfen schlafen? Mein Kindchen braucht dann nochmal eine Extraportion Zuwendung in der Nacht, was für mich bedeutet: An Schlaf ist kaum zu denken. Der kleine Mensch hat (verständlicherweise) in verschiedensten Oktaven geschnarcht, was es mir unmöglich machte, neben ihm einzuschlafen. Ich flüchtete aufs Sofa, konnte langsam einschlafen und wurde kurze Zeit später vom Weinen meines Kindes geweckt, weil er sich alleine fühlte. In meinen Armen fand er wieder zur Ruhe – ich jedoch nicht. Mittlerweile war es schon nach Mitternacht. Ich warf mir eine Matratze vor unser Bett, stopfte mir Kopfhörer in die Ohren und versuchte mit etwas Abstand und Heilfrequenzen auf dem Ohr in den Schlaf zu finden. Doch immer, wenn ich gerade im Begriff war, einzuschlafen, meldete sich mein Kind.
Kurzum: Es war eine ziemlich schlaflose Nacht für uns beide. Um 5 Uhr setzte sich mein Kind auf und sagte, er könne nicht mehr schlafen.
Wir starteten ruhig in den sehr frühen Tag. Der Kaffee schmeckte mir besonders gut und ich gab jedem kleinsten Schluck insgeheim den Auftrag, alle meine Zellen auf schnellstem Weg wachzurütteln.
Trotz der doofen Nacht lag etwas sehr friedliches in diesem Morgen. Ab halb sechs wurde es sichtbar heller und die Sonne kletterte allmählich am Horizont empor. Ich sagte zu meinem Herzenskind: „Weißt Du was ich total gerne machen würde? Dich in Deinen Wagen setzen, mit einer Decke einkuscheln und eine Runde spazieren gehen“. Der kleine Mensch war total begeistert von der Idee und wir machten uns um halb sieben auf den Weg.
Nur wenige Autos fuhren auf den Straßen. Hin und wieder kam uns ein Mensch mit einem Hund entgegen. Die Vögel zwitscherten und auch ein Hahn in der Nähe begrüßte den Tag. Die Luft war so frisch und kühl. Auf den Pflanzen lag der Morgentau und die Sonnenstrahlen begannen allmählich die Luft zu erwärmen.

Ich liebe das. So sehr.
Als wir so unsere Standardrunde um das Feld drehten, dachte ich für einen Moment an das letzte Jahr. In den wenigen Tagen meines Klinikaufenthaltes war ich morgens früh auf und habe es genossen, nach dem Frühstück eine Runde durch die nahegelegenen Wiesen und Wälder zu drehen. Diese Unschuld, das Unverbrauchte, diese Reinheit des Morgens – sie lädt ganz besonders meinen Akku auf und entschädigt für so manche schlaflose Nacht, die ich auch in der Klinik hatte. Und heute Morgen durchströmte mich pures Glück und Dankbarkeit für die Möglichkeit, nach dieser anstrengenden Nacht so früh den Zauber des Morgens erleben zu dürfen.

Wir machten eine kurze Rast auf der Bank am Feld. Jene Bank, die in den vergangenen Jahren eine regelmäßige Anlaufstelle wurde, wenn ich mit meinem Herzenskind noch in der Trage oder im Wagen eine Spazierrunde drehte. Der Blick aufs weite Feld. Die Morgensonne, deren zarte Strahlen das Gesicht wärmen. Himmlisch. Wir entdeckten auf unserem Weg wieder enorm viele Schnecken, die beinahe zum Slalom-Parcours wurden. Sie erinnerten mich wieder an die Langsamkeit und ich nahm noch einmal Tempo beim Laufen heraus.
Als wir nach einer knappen Stunde den Heimweg einschlugen, wünschte sich mein Herzenskind noch weiter draußen zu bleiben. Ich freute mich sehr, dass auch ihm dieser Spaziergang so gut gefiel und schloss noch eine weitere Runde in der Nähe an. Dieser Weg war vor zwei Jahren jeden Samstag Morgen meine Anfahrtsroute, um Zeitungen auszutragen. Ich hatte ein halbes Jahr lang diesen Mini-Job gemacht, als mein Herzmensch krankgeschrieben war. Mir fiel wieder ein, dass ich im Mai vor zwei Jahren schwanger wurde und ich den Job aufgeben musste, weil mir die Kräfte fehlten und ich nicht jeden Samstag mit Kindchen diese Arbeit machen konnte, während mein Herzmensch in stationärer Behandlung war. Doch bis dahin habe ich es geliebt, in den frühen Morgenstunden unterwegs zu sein.
Knapp zwei Stunden waren wir heute Morgen spazieren und ich kehrte voller Dankbarkeit und mit müden Beinen nach Hause zurück. So vieles ging mir durch den Kopf, als ich mein Kindchen durch die Gegend schob. Und am Ende spürte ich wieder Frieden in mir: Dass alles jetzt genau so richtig und gut ist, wie es ist. Dass bei all den anstrengenden und herausfordernden Phasen des Lebens, bei all dem Schmerz, der sich dabei bemerkbar macht, sich am Ende auch immer wieder ein großes Gefühl von Dankbarkeit hinzugesellt. Dass diese kleinen Glücksmomente manchmal ziemlich groß sein können in ihrer Wirkung.
Ich lebe. Ich liebe. Ich lache und weine. Ich darf einen kleinen Menschen im Leben begleiten und meinen Alltag mit zwei besonderen Menschen teilen, die mich so lieben, wie ich bin. Ich bin noch da. Und das hat einen guten Grund.
