Arbeit Arbeit

62 Stunden. So viel Zeit hat mein Herzmensch innerhalb einer Woche mit Erwerbsarbeit verbracht. Pünktlich abstempeln kann er nicht – wenn viel los war, dauert eine Übergabe länger und er bleibt locker noch 30 Minuten mehr bei der Arbeit.

62 Stunden Arbeit in der Nacht. Entgegen dem normalen Biorhythmus hochkonzentriert Leistung bringen. Sich wach halten, wenn der Körper am liebsten schlafen möchte. In dieser Zeit lebt mein Herzmensch ein ganz eigenes Leben – denn im Alltag ist er kaum zu sehen. Tagsüber wird der Schlaf nachgeholt und die kurzen Wachphasen bringen keinen Menschen hervor, der vor lauter Lebensenergie und Freude durch die Wohnung springt (das ist generell auch ein zu hoher Maßstab). Das sensible, autistische Nervensystem meines Herzmenschen wird in dieser regelmäßig wiederkehrenden Arbeitswoche enorm herausgefordert und in Mitleidenschaft gezogen. Das letzte Bündel Energie und Konzentration, das in den verschobenen Schlafzeiten aufgefüllt wird, fließt in die gewissenhafte Durchführung seiner Arbeit. Er trägt dort viel Verantwortung und darf sich keine Fehler erlauben – dementsprechend muss er gut mit seinen Kräften haushalten.

Was das für uns im Alltag bedeutet? Viel Rücksichtnahme auf die Ruhezeiten, Verständnis und Nachsicht für ein erschöpftes und beanspruchtes Nervensystem. Dann sind Geräusche zu laut, Bewegungen zu schnell und manche Anforderungen des Alltags zu hoch. Ich fange viel auf, bin in dieser Woche zu 95% in Alleinzuständigkeit für Kind und Haushalt. Wie haben es unsere Verwandten vor einiger Zeit so schön gesagt? „Du hältst ihm dem Rücken frei, damit er seine Arbeit machen kann“. Das hat es gut auf den Punkt gebracht – und bringt auch eine schöne Wertschätzung hervor, was wir beide leisten.

Diese Arbeitswoche kehrt regelmäßig in seinem Dienstplan wieder. Manchmal hat er danach drei Tage am Stück frei, selten mehr. Und diese Tage danach braucht sein Nervensystem auch, um wieder in den normalen Tagesrhythmus zu kommen. Der Schlaf ist unruhig und wenig erholsam, der Körper zeigt deutlich, dass es für ihn anstrengend ist, alles zu regulieren. Auch mein System ist nach dieser Woche erschöpft. Ich bin kraftlos, lustlos, ideenlos. Unser Herzenskind sitzt dann hier mit müden Eltern, die das letzte Fünkchen Kraft aufbringen, um gemeinsam zu spielen und den Alltag aufrecht zu erhalten. Mit dieser Episode wiederkehrender Erschöpfung zieht bei mir auch Traurigkeit und Wehmut mit ein, denn ich wünsche mir in der Zeit für unser Herzenskind mehr, als das, was wir ermöglichen können.

Aber es ist eben unsere Good Enough/ Gut Genug-Woche. Wir können einfach nicht noch mehr leisten. Und es reicht hin. Muss es. Unser Kindchen braucht permanent jemanden an seiner Seite, möchte nicht alleine sein – und am Ende dieser intensiven Woche wünschen wir Eltern uns jeder mal Zeit zum Verschnaufen. Zeit allein. Wir jonglieren und spüren dann rein, wer gerade noch ein bisschen mehr halten kann, damit der andere Zeit zum Auftanken hat.

Ich weiß, das geht vielen Familien so. Das Leben mit (kleinen) Kindern und in Erwerbstätigkeit erfordert viel Organisation, Kraft und starke Nerven. Bei uns kommt eben hinzu, dass wir sensible Nervensysteme haben und Eindrücke anders verarbeiten. Dass Sorgen und Nöte einfach noch viel intensiver wirken. Anzuerkennen, dass der normale Alltag, den die meisten Menschen so haben, uns viel abverlangt, ist enorm wichtig für unseren Energiehaushalt. Denn so laufen wir nicht ständig in der Gefahr, uns noch mehr zu verausgaben.

Ich sehe mit jedem Jahr mehr, wie sehr es meinen Herzmenschen anstrengt in drei Schichten zu arbeiten. Wie seine körperliche und mentale Verfassung leidet. Denn nicht nur die Arbeit fordert immer mehr Leistung und Konzentration – auch der Alltag als Vater mit einem neurodivergenten Kind kratzt enorm an seiner Verfassung. Wie oft ich ihn ansehe und ihn einfach mal in einem Koffer auf eine einsame, ruhige Insel (oder besser Wald) schicken möchte, damit er von all der Verantwortung und Anstrengung richtig verschnaufen kann. (Und ja – auch ich könnte das gebrauchen.) Jegliche Überlegungen hinsichtlich anderer Arbeitsbereiche bei seinem Arbeitgeber verpuffen in Schall und Rauch, denn so richtig passt es nicht zu den Stärken meines Herzmenschen. Es braucht eine Perspektive, um beruflich eine Veränderung anzustreben, besonders wenn man der Alleinverdiener und Versorger einer Familie ist. Da schmeißt man nicht einfach hin und geht ein Risiko ein.

Eine Vorstellung ist da, wie der passende Arbeitsplatz für meinen Herzmenschen sein könnte. In der Vergangenheit hatte er bereits ein Arbeitsverhältnis, das gut zu seinen Stärken passte. So etwas wiederzufinden, ist natürlich nicht einfach. Und wenn man dann mal die Stellenangebote studiert, wird ganz oft deutlich, dass die Arbeitswelt sich noch lange nicht auf neurodivergente und introvertierte Menschen einstellt. Da wird im Profil Flexibilität und Teamfähigkeit gewünscht – jene Qualitäten, mit den besonders autistische Menschen ihre Schwierigkeiten haben. Wenn da ein offenes, kleines Team ist, das die Stärken von autistischen Mitarbeitern zu schätzen weiß, kann es auch in einem Team funktionieren. Da autistische Menschen häufig Schwierigkeiten mit Übergängen haben, ist es ein sehr hochgesteckter Anspruch, von Ihnen Flexibilität zu erwarten. Bis zu  einem gewissen Grad ist das immer möglich – doch am Ende kostet es einen autistischen Menschen etwas, meistens sogar sehr viel, sich stets und ständig in der Arbeitswelt anzupassen. Kürzlich hatte ich noch davon gelesen, dass viele Menschen im Autismus-Spektrum einen langen, holprigen Weg in ihrer beruflichen Laufbahn hinter sich haben, bis sie endlich ein Arbeitsverhältnis fanden, das sämtliche Qualitäten abdeckt. Für meinen Herzmenschen wünsche ich mir, dass sich in naher Zukunft eine Perspektive auftut, die sich auf unser ganzes Leben hoffentlich positiv auswirken wird.

Bis dahin heißt es – vor allem für mich ungeduldiges Nervenbündel: Abwarten(!!!). Aushalten. Mit tragen. Jonglieren. Es wäre eine Veränderung, die zum einen nicht überstürzt herbeigeführt werden und wirklich wohlüberlegt getroffen werden sollte. Und wie die Denkerbse meines Herzmenschen nun mal so ist: Es braucht mehr Zeit. Aber vielleicht kann meine Denkerbse ihm genau an den richtigen Stelle den kleinen Anstoß geben, bei der entsprechenden Gelegenheit zuzugreifen.