Du bist ja ständig nur hinter Deinem Kind her und reagierst sofort.
Die Worte einer damaligen Freundin gehen mir durch den Kopf. Rund elf Jahre ist die Situation her. Sie war auf der Durchreise mit dem Zug und machte für ein kurzes Treffen Halt in meiner damaligen Wahlheimat. Wir trafen uns am Bahnhof in einem Café und sie erzählte mir von ihrer Reise. Mit dabei: Mein erster Sohn, zu der Zeit zwischen einem und eineinhalb Jahre alt. Der kleine Mensch hatte auf alles Mögliche Lust, aber ganz sicher nicht lange dort mit uns am Tisch zu sitzen und dem Gespräch zu lauschen. Ich versuchte meiner Freundin zuzuhören, während ein Großteil meiner Aufmerksamkeit auf mein Kind gerichtet war, das währenddessen das Café erkundete. Überall war etwas, das eher weniger zur kindlichen Beschäftigung geeignet, aber natürlich absolut interessant für diesen kleinen Mensch war. Als der Bewegungsdrang und das Unwohlsein meines Kindes sicht- und hörbar lauter wurde, bat ich meine Freundin, das Café zu verlassen. Auf dem Bahnhofsvorplatz konnte mein Sohn etwas mehr laufen und es gab Möglichkeiten, zu klettern. Viele Menschen waren auf dem Platz unterwegs. Fahrradfahrer, Taxen und Straßenbahnen fuhren herum. Es lag in meiner Verantwortung, mein Kind im Blick zu behalten, denn es lauerten in meinen Augen einige Gefahren für den kleinen Menschen.
Und dann entgegnete mir meine Freundin – sehr wahrscheinlich (oder hoffentlich) – unbedacht diesen Satz. Weil sie erneut während des Erzählens unterbrochen wurde, als ich auf mein Kind eingehen musste. Ich antwortete ihr, dass ich ihn leider nicht frei auf diesem Platz laufen lassen kann und die Aufsicht für ihn habe. Sie toppte ihren Satz noch mit der Aussage, dass ich auch im Café ständig auf ihn reagiert und gar nicht richtig zugehört hätte.
Noch ein Jahr früher. Mein erster Sohn war gerade sechs Wochen alt. Meine Freundin feierte ihren Geburtstag und wir waren eingeladen. Ich freute mich über die Abwechslung und war mit meinen jungen 23 Jahren der Auffassung, dass wir sicher für eine Stunde mit Baby daran teilnehmen können. Würde schon klappen. Das Ende vom Lied: Kind hatte offenbar mehr Hunger, als Partystimmung (oh Überraschung!) und wir waren damit beschäftigt, unser Baby satt und zufrieden zu bekommen. Die Schwiegermutter in spe meiner Freundin sagte abfällig: Na, der hat euch aber ganz schön im Griff. Ich schaute sie unverständlich an, während ich mein weinendes Baby auf dem Arm hielt.
…
In Bruchteilen von Sekunden schießen mir diese Situationen in den Kopf, während ich mit meinem Herzenskind an der Straße entlang laufe. Mein fünfjähriges Kind im Autismus-Spektrum ist sich vieler Gefahren im Straßenverkehr noch nicht bewusst und ich bin in der Verantwortung, auf ihn und alles um uns herum zu achten. Mich durchfährt jedes Mal eine enorme Anspannung, sobald er drauf los läuft und sich immer weiter von mir entfernt, mit der Hoffnung, dass er mich noch gut hören und reagieren kann, wenn ich ihn rufe. Ich rechne mit der Unaufmerksamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer, denn viele sind abgelenkt, gestresst und so ein kleines Kind wird nunmal später gesehen. Kurzum: Wenn etwas passiert, liegt es zum Großteil in meiner Verantwortung, denn ich habe die Aufsicht für mein Kind.
Und genau da entstand mit einmal die Parallele zur Vergangenheit. Mit einmal kommen die Worte wieder, die Menschen so ganz nebenbei sagten, vermutlich nicht mal groß darüber nachgedacht. Schon damals dachte ich noch viel und lange über die Worte nach. Sie ließen bei mir das Gefühl zurück, dass ich es mit der Fürsorge für mein Kind übertreibe. Ich suchte den Fehler bei mir, permanent. Es führte sogar dazu, dass ich versuchte, geplante Verabredungen mit besagter ‚Freundin‘ mit ihr alleine abzuhalten, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit für ihre Gesprächsinhalte aufbringen zu können. Es gelang mir schon bei meinem ersten Sohn nicht so gut, meine Aufmerksamkeit zu teilen, sobald er und jemand anderes mit im Raum war. Ich konnte schon damals nicht verstehen, wie hoch die Erwartung an so ein kleines Kind war, bitte ruhig und geduldig zu warten, während sich die Erwachsenen unterhielten. Es kam mir unfair vor – und dennoch versuchte ich, mich irgendwo dazwischen zu bewegen. Doch mit jeder Unterbrechung im Erwachsenengespräch durch mein Kind, stieg spürbar Unmut und Anspannung im Raum an – und das konnte ich nur schwer von mir fernhalten.
Ich verstand damals noch nicht in Gänze, warum ich nach menschlichen Kontakten so erschöpft war. Heute weiß ich es.
Es gelang mir damals genauso wenig wie heute, mein Kind ein Stück zu ignorieren, damit ich dem Gespräch mit jemandem anderes folgen kann. Ganz besonders, wenn ich in der alleinigen Verantwortung für seine Aufsicht bin. Natürlich ist es über die Jahre schon ein Stück leichter geworden, weil aus dem rätselhaften Babyweinen deutliche Worte geworden sind, die mir zeigen, was mein Kind gerade braucht. Und eine Sache, die mein Kind heute und auch mein Kind damals viel von mir brauchte: Meine Aufmerksamkeit. Meine prompte Reaktion. Ich kenne es nur so. Dennoch blieb bei mir immer das Gefühl zurück, dass ich es zu ernst nehme mit der Sorge um mein Kind. Dass ich mal entspannter werden sollte, nicht immer gleich springen und auf jedes ‚Mama‘ eingehen müsste.

Doch während ich viele Jahre dachte, dass ich das Problem dabei bin, erkenne ich nun immer mehr, dass es das große Ganze ist, in dem ich Mutter bin. Die Prägungen, die seit Generationen tief verankert sind, beinahe verstaubt und durchgekaut, bis kaum noch Geschmack vorhanden ist: Kinder sind Tyrannen. Wenn man sie nicht richtig erzieht, tanzen sie einem auf der Nase herum. Die müssen hören. Ich möchte gar nicht erst die abwertenden Begriffe aufführen, die für Kinder verwendet werden, die nicht nach der Pfeife ihrer Eltern und sämtlicher Erwachsener tanzen. Seit so langer Zeit wird Kindern mit einer hohen Erwartungshaltung begegnet. Daran angeschlossen ist die Erwartung an die Eltern, die doch bitte ihre Kinder im Griff haben sollen und nicht umgekehrt. Entspricht das Verhalten eines Kindes nicht den allgemeingültigen Vorstellungen des sozialen Miteinanders, wird es meistens ziemlich schnell auf das elterliche Versagen zurückgeführt.
Was bleibt einem da übrig, um nicht wahnsinnig zu werden? Genau. Frei machen von dem ganzen Mist. Den eigenen Weg gehen. Ist das einfach? Keineswegs, denn immerhin wurde man oft ja selbst so geprägt. Dann teilt sich das Gehirn und das Herz plötzlich in weitere Bereiche auf und man versucht ‚das Alte‘ mit ‚dem Neuen‘ zu überschreiben. Ein langwieriger Prozess, der sich aber lohnt. Denn am Ende zieht ganz viel Frieden ein, wenn man spürt, dass der Weg mit dem eigenen Kind voller Liebe, Verständnis, Geduld und Nachsicht viel mehr Früchte trägt.
…
Als ich heute Morgen begann, die Gedanken von gestern Abend niederzuschreiben, schlief neben mir noch ganz friedlich mein Herzenskind. Immer wieder schaute ich auf diesen kleinen Menschen, der so ruhig atmete und mich bei diesem Anblick ganz rührselig machte. Wie schön, dass du so behütet aufwachsen darfst. Irgendwann wurde er wach, kuschelte sich mit dem Rücken an meinen Oberkörper und hielt meine Arme ganz fest um sich herum. Ich schnupperte an seinem Haar, gab ihm einen Kuss und wir wünschten uns einen guten Morgen. Dabei dachte ich mir wieder, wie gut Kinder auf diese Welt kommen. Voller Liebe. Ohne böse Absichten. Es ist schön, dass es immer mehr Menschen erkennen. Leider haben es einige Menschen in meiner Vergangenheit nicht so gesehen: Ihre Worte waren Ausdruck ihrer eigenen, unerfüllten Bedürfnisse, die mit den Bedürfnissen meines kleinen Kindes kollidierten. Und dazwischen stand ich, die sich für alle verantwortlich gefühlt hat. Heute kann ich mich davon immer mehr befreien und mich auf das besinnen, was wirklich wichtig für mich ist, wofür ich wirklich verantwortlich bin. Und das sind erster Linie meine eigenen Bedürfnisse im Wechselspiel mit denen meiner beiden Herzmenschen. Alle anderen dürfen warten, denn die anderen sind schon ‚erwachsen‘ und können das doch eigentlich ganz gut, oder?
