Mama, haben wir Milchbrötchen da?
Leider nicht. Aber ich kann wieder Milchbrötchen backen!
Jaaaa, die waren so lecker!
Ich backe schon seit meiner Kindheit gerne. Ob Kuchen oder Kekse – ich habe einiges ausprobiert. Irgendwann habe ich mich eigenständig an Hefeteig herangewagt und erlebte dabei mit den Jahren viele Erfolge, aber scheiterte auch einige Male. Denn diese kleinen Hefebakterien haben bestimmte Bedürfnisse und Ansprüche, um sich gut entfalten zu können.
Als ich gestern mal wieder eine große Ladung Teig für Milchbrötchen knetete, schaute Herzenskind etwas dabei zu. Manchmal ist das Interesse zum Mitmachen da, oft noch nicht. Gerade ist wohl eine Phase, in der er das Ergebnis spannender findet, als den Prozess. Ich hab über die Jahre vieles ausprobiert, um einen fluffig-saftigen Hefeteig zu backen. Es fängt beim Mehl an, geht weiter über die Temperatur der Flüssigkeiten und den Standort, an dem der Teig ruhen und aufgehen kann. Die Mischung aus allen Komponenten macht’s.
Und so knete ich, in großer Vorfreude, diese lauwarme Mehlmasse, die einen wohligen Duft von Hefe, Vanille und Butter verströmt. Es ruft in mir jedes Mal das Gefühl von „Zuhause“ hervor. Behutsam decke ich die Schüssel mit einem angefeuchten Handtuch ab und stelle sie in den leicht erwärmten Ofen, in dem sie die geplante Ruhezeit stehen wird. Ein Holzlöffel, in der Backofentür eingeklemmt, lässt etwas Sauerstoff hinein.
Schließlich hole ich die Schüssel heraus und darf den luftigen Teig bewundern, der inzwischen das dreifache Volumen eingenommen hat und die Schüssel nahezu vollständig ausfüllt. Und dieses Aroma – herrlich. Herzenskind legt die Hand auf die Teigwolke und ist erstaunt, wie der Teig langsam zusammenfällt. Auf dem bemehlten Tisch knete ich den Teig erneut durch und Teile ihn mithilfe einer Küchenwaage in annähernd gleich große Stücke, aus denen ich schließlich Brötchen schleife. Ich liebe das. Es zeigt mir jedes Mal, das Backen ein Handwerk ist und ich bestaune die kleinen Rohlinge, die sich auf dem Backblech versammeln. Nach dieser Massageeinheit dürfen die kleinen Kugeln noch einmal ruhen – war auch anstrengend genug! Während ich die Backutensilien abwasche und den Tisch säubere, werfe ich immer mal wieder einen Blick zum Backblech, auf dem die Rohlinge zarte Wölbungen unter dem Küchentuch hervorrufen. In der Zwischenzeit richte ich den Garraum ein: Ein Backblech mit Wasser kommt in den unteren Bereich des Backofens und ich nutze das tolle Programm dieses Geräts, das mir ermöglicht, meine Hefeteiglinge langsam zu backen.

Ich schiebe das Backblech mit den Rohlingen in den Backofen und sehe innerhalb kürzester Zeit, wie sie expandieren. Ein gutes Zeichen – die Hefebakterien sind stabil und arbeiten.

Mein Timer ist gestellt und ich halte mich meistens an die kürzere Zeitspanne, die im Rezept angegeben ist, denn oft bringt diese schon das gewünschte Ergebnis. Es braucht Achtsamkeit und Ruhe, wenn ich diese Brötchen backe, denn schnell können fünf Minuten zu viel sein und sie backen zu dunkel.

Herzenskind und ich schauen derweil immer mal wieder in den Backofen und bestaunen die großen, runden Brötchen, die einen Duft verströmen, der uns das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Gerne bleibe ich dabei sitzen und nutze diese Zeit, in der ich in den Backofen blicke, um innezuhalten und zu erholen.

Nach dreißig Minuten sind sie soweit und dürfen noch einmal im ausgeschalteten Backofen einige Minuten ruhen, bis ich das Backblech mit den fertigen Milchbrötchen heraushole. Noch warm werden die ersten verzehrt und genau so schmecken sie am besten – fluffig und saftig.
Wir beide genießen das Ergebnis. Und ich werde jedes Mal ganz andächtig, weil ich dankbar und stolz bin, backen zu können. Dass, nach vielen gescheiterten Versuchen, doch immer wieder so schmackhafte Ergebnisse am Ende herauskommen. Während wir beide genüsslich ein Brötchen mit selbstgemachter Marmelade verzehren, schaue ich mein Herzenskind an, denke über diesen Backprozess nach und erkenne wieder erstaunliche Parallelen zu diesem kleinen Menschen. In den vergangenen Jahren haben wir so vieles ausprobiert. Haben Räume geschaffen, in denen unser Kind gut gedeihen kann. Und es zeigte sich immer wieder, dass unser Kind gewisse Bedürfnisse hat, denen achtsam und mit Sanftheit begegnet werden darf. Dass bei aller Aktivität auch immer wieder genügend Raum für Ruhe nötig ist, um sich im Leben gut entfalten zu können. Genauso wie die kleinen Hefebakterien mag auch unser Herzenskind nicht, wenn es zu heiß wird oder man versucht, den Prozess des Wachsens zu beschleunigen – denn sobald eine oder mehrere Komponenten nicht passen, wird sich keine Entfaltung einstellen.
Viele trauen sich nicht an einen Hefeteig heran, weil er spezielle Bedürfnisse hat. Aber ich bin mir sicher, wenn man sich die Zeit und die Ruhe nimmt, die Ansprüche der kleinen Hefebakterien zu verstehen, dem Prozess zu vertrauen und ohne Druck, Hektik oder hohen Anspruch den Raum für Entfaltung zu eröffnen, können wundervolle Ergebnisse entstehen.
Und vielleicht ist der Vergleich zu kleinen (und großen) Menschen gar nicht so abwegig.
