Wie soll das nur gehen?

2011

Wie soll das nur gehen? Ich saß in diesem winzigen Badezimmer auf dem Toilettendeckel und starrte mit Entrüstung auf den positiven Schwangerschaftstest. Keine Freude. Pure Hilflosigkeit und Überforderung. Gerade das frische Examen der Krankenpflege in der Tasche. Und ein Partner an meiner Seite, der noch mitten im Bachelorstudium steckte. Familie gründen? Nicht der beste Zeitpunkt. Ich wollte das noch nicht. Aber nach endlos vielen Worten von Außen und etwas Zeit, nahm ich das alles so an – doch  ich hatte trotzdem keine Ahnung, wie das gehen sollte. Wird schon, haben andere vor Euch auch schon geschafft.

2012

Wie soll das nur gehen? Ich saß allein in der neuen Wohnung. Mit drei Monate altem Baby im Arm, das zufrieden stillte. Mein Partner war unter der Woche nicht da. Ich musste den Alltag irgendwie alleine schaffen. In unbekannter Umgebung. Wohnung im zweiten Obergeschoss, Kinderwagen im Keller. Dauerverspannt und mit täglichen Kopfschmerzen. Ich schaffte es, irgendwie. Machte einfach, statt alles stundenlang zu zerdenken. Ich verlief mich, aber fand immer wieder nach Hause (Ein Hoch auf meinen Orientierungssinn!). Und wenn wirklich gar nix ging, bat ich um Unterstützung – auch wenn das nicht immer auf Anklang stieß.

2013

Wie soll das nur gehen? Mein Kind noch so klein. Und ich sollte schon so viele Stunden weg sein? Ich stillte langsam ab und zum ersten Geburtstag waren wir durch damit. Einen knappen Monat später sollte ich wieder wenige Stunden arbeiten gehen, denn Elterngeld war vorbei. Nachtdienste. 75km entfernt. Gute Idee? Eher nicht. Aber wir versuchten es, denn es waren nur wenige Tage im Monat. Doch es lief eher schlecht als recht: Studium blieb auf der Strecke, mein Schlaf nach den Diensten  reichte nicht aus. Unzufriedenheit bis in die Haarspitzen bei Partner und dessen Familie. Schwiegermutter in spe zog die Notbremse und bat finanzielle Unterstützung an. Ich war froh, wenn auch angespannt – denn es gab Bedingungen, die erfüllt werden sollten.

2014

Wie soll das nur gehen? Mein Kind. Schwerkrank. Behütet aufgewachsen, scheinbar gesund – und plötzlich im Krankenbett, verbunden mit Schläuchen. Anfänglich schlief ich noch daneben, teilte den Stationsalltag rund um die Uhr mit meinem Kind. Irgendwann dann der liebevolle Ratschlag der Schwestern, ich dürfe nachts nach Hause, um genügend Schlaf zu bekommen. Ich war unsicher und hoffte, er würde die Nächte ohne mich hinbekommen. Und es klappte. Ich ging abends, wenn er schlief und kam morgens, bevor er aufwachte. Ich hatte halbwegs erholsame Nächte daheim – denn die Sorgen waren auch im Schlaf präsent.

2015

Wie soll das nur gehen? Als ich wusste, dass mein Kind sterben würde, zweifelte ich keinen Moment daran, ihn daheim zu pflegen. Ihn in seinen letzten Lebenswochen begleiten zu dürfen, prägte wohl jede kleinste Zelle meines Daseins. Doch als er dann starb, wusste ich nicht, wie das gehen soll. Dieses Weiterleben. Alles zerbrach und ich stand vor diesem riesigen Scherbenhaufen, der mein Leben sein sollte. Nach der anfänglichen Lähmung begann ich irgendwann, in kleinen Schritten, den Scherbenhaufen zu sortieren und daraus wieder etwas Neues zu errichten. Etwas, das sich wie Leben anfühlte.

2016

Wie soll das nur gehen? Alles in mir wollte weg. Doch ich konnte doch nicht so schnell aufgeben. Nicht alles einfach hinschmeißen (von wegen einfach..). Wochenlang, viele Wochen arbeitete es in mir. Dieser Gedanke, dass es schön wäre, sich nur um sich selbst zu kümmern. Mal ganz alleine zu leben. Keine Rücksicht nehmen, wenn man Zuhause ist. Hatte ich damals einfach nicht. Und dieser Gedanke wurde immer größer. Doch das Aber ebenso laut – denn wie soll es mit ihm weitergehen? Immerhin hatte auch er sein Kind verloren. Und dann auch noch mich? Das konnte ich ihm doch nicht antun. Geschweige denn allen Menschen um uns herum. Doch es ging. Mit ganz viel Ruckeln. Mit ganz viel Widerstand und schlechten Energien von ihm – aber einer so enorm treibenden Kraft in mir, die laut rief: Du bist frei. Atme durch.

2017

Wie soll das nur gehen? Mit großer Unsicherheit, aber ganz viel Liebe im Herzen, gingen wir das Wagnis Fernbeziehung ein. Und während anfänglich große Zweifel beim Herzmenschen aufkamen, war ich es, die sagte: Einfach machen, könnt ja gut werden! Und manchmal sitzen wir heute da und sagen: Gut, dass wir es gewagt haben. Was wäre uns bloß entgangen.

2019

Wie soll das nur gehen? Hochschwanger stand ich am Sofa und blickte meinem Herzmenschen in die Augen. Nur Leere. Erschöpfung bis in die Bartspitzen. Keine Regung. Der erratene Geburtstermin lag zwei Wochen in der Zukunft. Das Kinderzimmer noch eine halbe Baustelle. Herzmensch brach unter der Last der Anforderungen zusammen. Auf meinen Zuspruch hin meldete er sich krank. Ich besorgte ihm die Bescheinigung vom Arzt, der verständnisvoll auf unsere Situation reagierte. Und dann konnte ich sehen, wie wieder Licht in meinen Herzmenschen einzog. Er atmete durch und ich atmete auf.

2020

Wie soll das nur gehen? Ein Umzug von rund 300km. Ein Baby in der Trage, das Stillen und Körperkontakt zum Überleben benötigte. Ein Herzmensch, der drei Schichten mit viel zu wenigen freien Tagen dazwischen rockte. Und ich, die mit den letzten Fünkchen Kraft und Konzentration einen Hausstand, der nahezu doppelt daherkam, sortieren und für einen Umzug vorbereiten sollte. Ohne Unterstützung von der Familie wäre dieser große Umzug nicht schaffbar gewesen. Und während ich mich zwischenzeitlich fragte, wie das gehen soll, ohne freie Tage für meinen Herzmenschen – haben wir es zähneknirschend doch irgendwie geschafft. Über den Haussegen sprechen wir einfach mal nicht.

2021

Wie soll das nur gehen? Der Schlafmangel zwang mich in die Knie. Die permanente Verfügbarkeit und Fürsorge für Herzenskind zehrten mich aus. So sehr, dass wir über eine Tagesmutter nachdachten. Nur ein paar Stunden. Nur vormittags. Damit ich ein wenig Schlaf nachholen kann. Die Suche erschien endlos. Doch irgendwann fanden wir eine Frau, mit der wir es probierten. Es lief mehr als holprig und ich versuchte meine Zweifel verstummen zu lassen – denn mein Kind würde es ja spüren und dann wäre ich der Grund, warum es nicht klappt. Doch mein Kind hatte einen eigenen Kopf (zum Glück!) und es wurde deutlich: Das geht so (noch) nicht für ihn.

2022

Wie soll das nur gehen? Ich saß vor diesem positiven Schwangerschaftstest. Mein Herzenskind neben mir. Herzmensch in stationärer Behandlung. Wie lang er dort bleiben würde, war ungewiss. Er könnte sogar die gesamten ersten, kritischen Wochen dort sein, ging es mir durch den Kopf. Ich hoffte, dass ich die Herausforderungen der Schwangerschaft gut händeln könnte, so allein mit pflegeintensivem Herzenskind. Und irgendwie ging es. Doch die kleine Seele verabschiedete sich schließlich Stück für Stück mit täglichen Blutungen. Ich hoffte, dass die erneute Fehlgeburt nicht so stark daherkommen würde, wie jene zwei Jahre zuvor. Es ging. Mit Herzenskind an meiner Seite gebar ich diese kleine, intakte Fruchtblase und wir verabschiedeten uns gemeinsam von diesem kleinen Menschlein, der friedlich im Fruchtwasser schwebte.

2023

Wie soll das nur gehen? Nichts ging mehr. Ausgebrannt. Unaufhörlich flossen die Tränen. Die Angst übernahm die Oberhand. Der Schlafmangel hatte mich nochmals komplett ausgezehrt. Mein Gehirn kannte kaum noch rationale Gedanken. Ich entschloss mich, in eine Klinik zu gehen, um zu schlafen. Einfach nur schlafen. Irgendwie wieder auftanken. Doch ich hatte Sorge, wie die beiden es ohne mich hinbekommen würden, denn immerhin hing der Löwenanteil des Alltags an mir. Rund um die Uhr regulierte ich Bedürfnisse. Doch ich musste endlich Pause machen. Es ging. Wir schafften das. Und es hinterließ einen bleibenden Eindruck.

2024

Wie soll das nur gehen? Nur noch ein Jahr. Die Schulpflicht klopfte bereits an, denn unser Herzenskind sollte angemeldet werden. Dieser kleine Mensch sprach ehrlich und klar, dass er nicht in die Schule gehen wolle. Ich fand eine Schule, bei der ich ein gutes Gefühl hatte. Doch vorstellen konnte ich mir noch nicht, wie das mit unserem willensstarken Kindchen klappen solle. Immerhin wussten wir: Autismus-Spektrum, leichte ADHS. Damit konnte ich arbeiten und Wege ebnen. In der Hoffnung, dass unser Kindchen etwas davon annehmen würde. Falls nicht, müsste ich mir etwas anderes überlegen.

2025

Wie soll das nur gehen? Alles ist in ‚trockenen Tüchern‘. Der gewünschte Schulplatz ist sicher. Und: Herzenskind hat mit einmal richtig Lust auf Schule. Er ist soweit – und ich bin erleichtert. Zumindest ein Stück. Denn einerseits ist das die ‚halbe Miete‘ – und andererseits gibt es noch so die winzigen Feinheiten, die mich innehalten lassen. Nach dem Telefonat mit der Schulbeförderung frage ich mich, wie das für mein Kindchen so wird. Wie er all diese großen und kleinen Veränderungen annehmen wird. Es wird ruckeln, wieder einmal. Doch nach all den Malen, in denen ich mich fragte, wie das nur gehen soll, kann ich sagen: Es wird schon gehen. Irgendwie. Und meistens schließt sich dieser Frage ganz viel persönliches Wachstum an.