
Es gab ein Paradoxon in meiner Kindheit:
Einerseits wurde ich von vielen Mitschülern geärgert – eine Tatsache , bei der viele wohl sagen würden „Na so sind Kinder eben“. Ich fand’s einfach immer blöd – auch heute noch. Scheinbar bot ich irgendwo eine Angriffsfläche für jene, die mit sich selbst nicht so ganz im Reinen waren und denen es besser damit ging, mich zu beleidigen oder sich über mich lustig zu machen. Es hat mich sehr nachhaltig bewegt, vor allem deswegen, weil es sich schließlich bis in meine Ausbildung erstreckte.
Andererseits hatte ich natürlich auch sowas wie Freundschaften in der Schule. Mitschüler, mit denen ich die Pausen verbrachte oder neben denen ich regelmäßig im Unterricht saß. Es waren die Anker im Schulalltag, der mich mit all den sichtbaren, aber auch unausgesprochenen Anforderungen täglich bis zur Erschöpfung reizte.
Mein innerer Antrieb war stets ein friedvolles Miteinander. Natürlich wurde das enorm herausgefordert mit Mitschülern, die nur auf Krawall gebürstet waren und zu denen kein Durchdringen möglich war mit bloßen Worten. Für körperliche Auseinandersetzungen war ich nicht gemacht – und es widersprach meinem Antrieb, Konflikte geordnet zu klären. Ich ging schon früh in die Rolle der Vermittlerin, wollte Konflikte schlichten, die mich nicht mal betrafen – einfach, weil ich beide Seiten sehen und verstehen konnte und den Zustand von verärgerten Mitschülern um mich herum schwer aushielt. Mit den Jahren konnte ich mich aus diesem Antrieb und dem Verantwortungsgefühl lösen, für alle schlichtend einzugreifen – denn es war nicht gewünscht und erschöpfte mich zu sehr. Letztlich hatte ich selbst genügend ungeklärte Konflikte, die viel Raum in mir einnahmen.
Im Laufe meiner Pubertät wurde ich für Schulfreundinnen zu einer Ansprechperson für persönliche Probleme. Sie vertrauten sich mir mit sämtlichen Themen an, die sie so beschäftigten und suchten Unterstützung, um andere Perspektiven zu bekommen. Irgendwie lag mir das schon sehr früh – vermutlich, weil ich aus all den Erfahrungen der Menschen um mich herum ganz viel für mich mitnahm und abspeicherte. Es gab auch mir etwas zurück, wenn sich die Schulfreundinnen bei mir bedankten, weil ich ihnen zuhörte und sie sogar bei schwierigen Gesprächen begleitete. Allem voran in Beziehungsfragen kamen einige auf mich zu – und das, obwohl ich meinen ersten Freund deutlich später hatte, als meine Mitschülerinnen.
In der Abizeit wurden die Themen bei allen tiefgreifender. Ich durfte in Gesprächen mit anderen Mitschülern so unterschiedliche Lebensrealitäten kennenlernen und war immer wieder sehr verblüfft, wie schnell sich mir mit persönlichen Geschichten und Themen anvertraut wurde. Damals war ich allerdings noch so in der Annahme, dass die jungen Menschen um mich herum genauso folgsam sind, wie ich. Denn wenn man mir sagte, wie ich etwas tun sollte, habe ich das in der Regel auch so gemacht – selbst wenn ich daran zweifelte.
Und genau da kam dann der Knautsch im Kopf: Natürlich hatten die Mitschüler das nicht genau so gemacht, wie ich es im Gespräch empfohlen hatte – und ich konnte es nicht verstehen. Immerhin hatte ich mir viel Zeit ans Bein gebunden und mir gemeinsam mit ihnen überlegt, wie sie ihre Zwickmühle lösen könnten – doch sie machten nichts davon.
Was passierte also? Es änderte sich merklich nichts an ihrer Situation und sie kamen oft erneut auf mich zu.
So entstand irgendwann ein Ungleichgewicht. Ich war in der Annahme, dass Freundschaften ein Geben und Nehmen sind – und für mich fühlte es sich in vielen Fällen so an, als würde ich mehr geben, als zu nehmen. Schnell entwickelte sich in mir die gefrustete Wahrnehmung, dass ich scheinbar nur als Mülleimer fungierte, in dem alle ihren seelischen Ballast abladen konnten. Mit der Zeit zog ich mich zurück, weil es mich frustrierte, dass sich scheinbar keiner dieser Mitschüler für mein Innenleben interessierte, denn es gab kaum Anzeichen, dass ich mich ebenfalls mit meinen Themen öffnen konnte.
…
Heute blicke ich darauf anders.
…
Heute würde ich mir wünschen, schon früher diesen Blick auf’s Leben verinnerlicht zu haben.
…
Denn heute sehe ich, dass es ein enormer Vertrauensbeweis ist, sich jemandem mit persönlichen Themen zu öffnen – und es ehrt mich sehr, wenn sich Menschen an mich wenden. Um Rat fragen. Es ist lobenswert, wenn sich im Gespräch für andere Blickwinkel geöffnet wird – und genau da liegt eine meiner Stärken: Ich ziehe unterschiedliche Perspektiven heran, um einen breiten Blick auf eine Problematik zu ermöglichen. Denn sobald ein Mensch in einer problematischen Situation steckt, wird der Blick oft erstmal sehr eng. Wer kennt es nicht.
Was aus so einem Gespräch und den Erkenntnissen am Ende gemacht wird, liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Und oft braucht jeder Mensch nochmal eine Ehrenrunde (oder mehrere), bis es wirklich Klick macht. Sicher, für den Menschen, der da den Raum öffnet, zuhört, mit überlegt, ist es irgendwann müßig, wenn wiederkehrend mit der gleichen Problematik auf ihn zugegangen wird. Wenn er immer und immer wieder scheinbar das Gleiche sagt. Das kann erschöpfen. Das kann nerven. Und es steht kein Zwang dahinter, diese Rolle immer zu erfüllen – hier dürfen auch Grenzen kommuniziert werden.
Auch ich kam oft an diesen Punkt. Wo es mir reichte. Wo ich nicht mehr nur der Abladeplatz für Probleme sein wollte – immerhin hatte ich selbst ja auch meine Themen, bei denen ich nicht weiterkam.
Doch auch aus den Problemen der anderen nahm ich immer etwas für mich mit. Da erwuchs viel Erkenntnis für mein eigenes Leben. Und so konnte ich mit der Zeit dankbarer auf die Menschen blicken, die sich mir anvertrauten. Denn auch wenn sie mir nicht auf die gleiche Weise etwas zurückgaben, haben sie mir trotzdem unwahrscheinlich viel gegeben. Ich habe immer etwas aus ihren Themen für mich gelernt. Und mit jedem Mal, bei dem ich als Vertrauensperson fungieren durfte, profitierte dieser Mensch von den Erfahrungen der anderen mit, weil es meinen Blickwinkel auf das Leben erweiterte.
Wie ich zu diesem Perspektivwechsel kam? Durch die jahrelange Begleitung meiner wunderbaren Therapeutin, die sich wiederkehrend meine Gedanken anhörte, mir wertvolle Impulse mitgab und sich am Ende stets für mein Vertrauen bedankte. Sie hat mir gezeigt, wie kostbar es ist, sich öffnen zu können und dass dort jemand einen Raum hält. Dazu gehört eine Menge. Und so, wie sie es mir rückmeldet, bringe ich die Kompetenzen dafür mit. Der Blick in meine Vergangenheit rundet diese Annahme ab.
