Ich erlebe mich neu. Etwas hat sich verändert. In mir. Im vergangenen Monat fanden scheinbar Umbauarbeiten in mir statt und allmählich kristallisiert sich heraus, wie die erneuerte, innere Architektur aussieht.
Es ist sowas wie eine gesunde Gleichgültigkeit, die sich da in mir ausbreitet. Ganz ungewohnt. Aber so richtig. Immerhin begleitet mich diese Tendenz zu Überverantwortung und Überfürsorge schon enorm lange. Was habe ich mir jahrelang für unzählige Gedanken über andere Menschen gemacht. Dachte, dass Fürsorge bedeutet, ganz viel von mir mit hineingeben zu müssen.
Ich weiß noch, wie ein langjähriger, guter Freund einmal zu mir sagte: „Dir täte ein bisschen mehr Leck-mich-am-Arsch ganz gut- damit Du mehr zur Ruhe kommen kann.“ Und in ähnlicher Manier begegnete mir diese Kernaussage immer mal wieder. Ja, wenn Menschen in irgendeiner kleinen oder großen Not steckten – sie konnten sich still darauf verlassen, dass ich mir gedanklich mindestens hundert Umdrehungen für sie machte. Lösen konnte ich das nicht für sie – aber mein System produzierte unwahrscheinlich viel Energie und glaubte ständig, für alle mit dem Rettungsboot in die stürmische See ziehen zu müssen.

Echt verrückt.
Je näher mir die Menschen standen, je dichter mein Alltag mit Ihnen verwoben war, desto schneller sprang dieser Mechanismus in mir an. Klar, da fiel räumliche Abgrenzung schon enorm schwer. Von der inneren Abgrenzung war ich noch weiter entfernt. Ich zog mir sprichwörtlich jeden Schuh an.
Und wenn ich wohl eines in den vergangenen Jahren an der Seite meines Herzenskindes radikal lernen durfte: Energie ist endlich. Meine Aufmerksamkeit für alles über meine kleine Familienbubble hinaus wurde peu a peu geringer. Aus dem inneren Antrieb, stets für andere da zu sein und Kontakte zu pflegen, entwickelte sich die Erkenntnis: Ich kann das nicht mehr in dem Umfang leisten. Und im Grunde muss ich das auch nicht. Wenn eine Verbindung nur davon gelebt hat, dass ich abliefere, wird sie sich über kurz oder lang sowieso auflösen. Besteht es hingegen aus einem gesunden Gleichgewicht von Geben und Nehmen, darf ich wohl darauf vertrauen, dass die Verbindung es halten kann. Denn immerhin hat jeder Phasen, in denen er mit sich selbst mal etwas mehr zu tun hat und dafür darf sich gegenseitig Raum gegeben werden.
Ich kann das also gut. Dieses Kümmern. Kommt jemand mit einem Problem zu mir, entwickele ich schnell viele Ideen, wie man dem Problem begegnen könnte. Doch nicht immer wird davon etwas gebraucht. Und nicht immer ist es sinnvoll, den anderen stets eine oder mehrere Lösungen gebrauchsfertig zu servieren. Manchmal dürfen die anderen es selbst herausfinden – auch wenn der Weg dahin unbequemer erscheint. Oft liegt ja genau darin Wachstum und Erkenntnis verborgen.
Und so habe ich gerade das Gefühl, daheim in meiner Familienbubble einen entscheidenden Schritt zu gehen. Ein bisschen mehr weg von der Überverantwortung und vom ständigen Nachdenken darüber, was alle anderen so brauchen. Immerzu mitdenken zu müssen. Ich kann allmählich mehr sortieren, was mich direkt betrifft und wo ich den anderen mehr zumuten kann – denn nicht immer muss ich die Konsequenzen tragen, weil es mich gar nicht direkt betrifft. Ganz getreu dem Motto: Nicht meine Baustelle.
Ganz schön ungewohnt. Das Gewissen meldet sich hier und da mal – aus alten Überzeugungen heraus. Doch gleichzeitig wird da Raum in mir frei. Weil ich etwas loslasse, das mir Kummer bereitete – und letztlich irgendwie auch den anderen. Es nahm ihnen wertvolle Erfahrungen und Lerneffekte. Es saugte mir Energie ab und verursachte Stress in mir.
So ziehe ich nun gesunde Grenzen mit einer gesunden Gleichgültigkeit. Denn nicht alles muss ich lösen. Nicht um alles muss ich mich kümmern. Nicht alles muss ich mit durchfühlen. Ich versuche nun viel mehr bei mir zu bleiben, die Anspannung loszulassen und den anderen die Möglichkeit zu geben, mein Auffangnetz zu nutzen, wenn sie es wirklich brauchen – und es ihnen nicht schon vorschnell vor die Füße zu werfen.
