Mutterschaft mit Hochsensibilität, Autismus, ADHS und Trauer im Gepäck

Ein neuer Tag beginnt. Schon weit vor meinem Weckerklingeln stehe ich auf und öffne zunächst die Fenster, um die kühle Luft des Morgens in die Wohnung zu lassen. Der Tag soll wieder warme Temperaturen entwickeln und unsere Wohnung unter dem Dach hält seit ein paar Tagen bereits wieder 22 Grad. Die Wiese auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist in sanften Bodennebel gehüllt. Nur die Vögel sind zu hören.

Ich genieße noch die Ruhe. Lade sie zu mir ins Innere ein. Da ist wieder viel los, so kurz nach dem Aufstehen. Der gestrige Tag arbeitet noch in mir.

Bin ich beständig? Diese Frage im Kopf zerkauend fuhr ich, mit Herzenskind auf der Rücksitzbank, gestern Abend im Auto durch die Stadt, um Herzmensch von der Arbeit abzuholen. Bis unser neuer, toller, fahrbarer Untersatz (hoffentlich in dieser Woche) bei uns einzieht, arrangieren wir uns weiterhin mit einem Auto. Ich freue mich so sehr auf unser Lastenrad.

Zurück zu meiner Frage, die sich fröhlich in meinen Gehirnwindungen ihren Weg bahnte.

Wie definiere ich eigentlich für mich selbst Beständigkeit? Tatsächlich dachte ich oft, dass es darum geht, immer ein gewisses Leistungsniveau zu halten. Irgendwie gleichbleibend zu sein. Doch ist das überhaupt möglich? Allein auf die breite Palette der Gefühle blickend, wird schnell klar: Hier ist nichts beständig. Es geht rauf und runter, hin und her. Auch die persönlichen Kräfte oder aber die Aufmerksamkeit schwanken im Tagesverlauf. Irgendwie unterliegt wohl vieles zyklischen  Rhythmen. Beständig ist also eher die stetige Abwechslung als eine starre Geradlinigkeit.

Der gestrige Tag zeigte ziemlich schnell eine Tendenz: Viele viele große Gefühle bei Herzenskind. Und irgendwie dann auch bei mir. Denn Abgrenzung von den Gefühlen der anderen fällt mir nach wie vor noch schwer – auch wenn ich meine Fortschritte anerkennen kann. Ich blieb im Verständnis, so gut ich konnte und versuchte mit dem kleinen Menschen einen Weg zu finden, um seinen offenbar angeknacksten Tag noch etwas abmildern zu können. Sich bewusst was Gutes tun, wenn scheinbar nichts so recht zur Zufriedenheit beiträgt. Ich versuchte aus meinem müden System noch Spontaneität und Kreativität herauszukitzeln. Meine Ideen und Vorschläge stießen auf wenig Resonanz bei dem kleinen Menschen, der scheinbar mit der Gesamtsituation unzufrieden war. Nur eine Sache wollte er: Essen gehen. Mit Blick auf die bevorstehende Woche und in die vollen Vorräte, tat sich zunächst großer Widerstand in mir auf. Doch ich sah immer mehr die Not bei Herzenskind. Also planten wir um, brachten Herzmensch zur Arbeit und machten uns beide auf den Weg ins Restaurant. Und als wir beide dann in gewohnter Umgebung saßen, freudig von den Inhabern erkannt und begrüßt wurden und sogar die Annehmlichkeit erfuhren, dass nur eine Hand voll Gäste zugegen war, wurde mir mit einmal klar:

Wie toll, dass wir das nun als Ressource nutzen können.

Essengehen war lange Zeit für uns eher stressbehaftet. Zu viele Reize. Zu viel Anspannung, andere Gäste in ihrem Komfort zu stören – denn mit Kind ist es eben laut. Doch dieses Restaurant ist weitläufig, spielt leise, klassische Musik; ist selten komplett ausgebucht und bringt den großen Bonus mit, sich an einem Buffet selbst nur so viel zu nehmen, wie man wirklich verzehren möchte (wenn man sich da selbst gut beherrscht). Herzenskind fühlt sich da wohl und kennt sich gut aus. Viel Vorhersehbarkeit. Genügend Platz, um sich etwas abseits hinzusetzen und ziemlich ungestört essen zu können.

Ich war wieder einmal sehr dankbar, dass es uns auch finanziell möglich ist, im Monat mal essen gehen zu können. Für uns drei ist das immer wie ein bisschen Urlaub. Denn ich weiß: Würden wir das Geld jedes Mal sparen, könnten wir auch ein Mal locker in den Urlaub fahren.

Ich spürte, wie die morgendliche Anspannung allmählich verflog und war froh, eine Lösung für den großen Hunger meines Kindes gefunden zu haben. „Danke, dass wir hier hergefahren sind, Mama.“ Dieser kleine Mensch kann seine tiefe Dankbarkeit sehr spürbar in Worte verpacken. Die Wärme machte uns dennoch zu schaffen und so fuhren wir unsere müden, gesättigten Körper wieder nach Hause. Der sich daran anschließende Nachmittag war vor allem eines: Träge. Mit uns beiden war nicht viel los. Und oft kratzt das noch an mir, weil die Energie fehlt, etwas miteinander zu machen. Weil ich denke, ich müsste doch..

Aber.

Ich lasse uns dieses Nebeneinander. Und wenn es eben heißt, dass jeder mal für eine gewisse Zeit in seinen eigenen Bildschirm starrt.

Später kam etwas Energie zurück und wir beschäftigten uns gemeinsam mit einem Projekt, dass wir nun beginnen und weiter ausbauen möchten. Da kam die Leichtigkeit und Kreativität nicht nur bei Herzenskind, sondern auch bei mir zurück. Doch unter der Oberfläche brodelte es dennoch. Die Zündschnur war bei uns beiden kurz und so kochten die Emotionen irgendwann über. Wir zwei kleinen Vulkane.

Da sind gerade Themen bei Herzenskind, die mit meinen eigenen, alten Themen sehr in Resonanz gehen. Wo meine Prägungen laut werden. Immer wieder: Dazulernen. Wachstum. Differenzieren. Meinem Kind seine Sicht und Wahrnehmung lassen, nicht ständig korrigierend und erklärend darauf zu reagieren. Einfach das mal gerade so sein lassen.

Abends spüre ich dann die tiefe Erschöpfung. Und Traurigkeit darüber, dass ich es wieder nicht besser gemacht habe. Wieder nur reagiert habe, statt einen Moment länger innezuhalten und darüber nachzudenken, was mein Kind mir da so erzählt. Doch Energien lügen nicht. Die Schwingungen, die bei mir ankommen, reißen mich oft noch sehr mit – und es kostet mich große Kraft, in meiner Mitte zu bleiben.

Immerhin. Ich erkenne es. Und bekomme es schon öfter besser hin.

Und an diesem friedlichen Morgen nehme ich mir vor, dem Tag wieder anders zu begegnen. Meinem Kind anders zu begegnen. Mir selbst. Gestern ist vorbei. Heute, jetzt, kann ich mich neu entscheiden. Vielleicht liegt darin meine Beständigkeit. Das Jetzt immer wieder neu zu gestalten.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.