..macht sich eigentlich ja auch selbst eine Freude. Weil’s ansteckend sein kann mit dieser Freude.
Und so dachte ich mir: Machen wir der Schulfreundin von Herzenskind eine kleine Freude zum Geburtstag. Einfach, weil wir uns so freuen, dass sie da ist. Das Geschenk steht seit mehr als zwei Wochen bei uns daheim und wartete darauf, am heutigen Tag überreicht zu werden. Herzenskind hat sich genauestens gemerkt, wann der Geburtstag ist – denn fünf Tage liegen zwischen ihrem und seinem Ehrentag. Doppelte Aufregung sozusagen. Und ja: Freudige Anspannung ist eben auch Spannung. Mit jedem Tag, der verstrich, spürte ich den Spannungsbogen bei Herzenskind. Gleichzeitig bewegten ihn die letzten Begegnungen in der Schule mit seiner Freundin, die eher distanziert und wortlos verliefen. Mit einmal zeigte sich mir deutlich, wie schwarz-weiß mein Kind manches so erlebt.
Ich hielt Rücksprache mit der Mutter seiner Schulfreundin, wie gerade so die Lage bei ihnen ist – weil ich sah, wie nachdenklich ihre Tochter wirkte. Schließlich hatte ich eine Erklärung, versuchte sie meinem Herzenskind verständlich zu machen – mit mittelmäßigem Erfolg. Perspektive wechseln ist noch nicht immer so da – vor allem nicht, wenn sich die Ungewissheit für ihn so groß anfühlt und seine Not für ihn kaum auszuhalten ist.
Viele viele Gefühle und Gedanken kamen da in dem kleinen Menschen in den vergangenen Tagen auf. Zielscheibe war – na klar – ich. Und bei allem Verständnis und atmen, tut’s trotzdem manchmal etwas weh. Denn gerne würde ich die Ungewissheit für ihn beseitigen.
Ich wollte mich in der derzeitigen Situation der Familie nicht so sehr aufdrängen. Fragte dennoch zwei Mal, ob wir am Geburtstag kurz vorbeikommen und das Geschenk überreichen könnten – denn das war Herzenskind ungeheuer wichtig und machte mich sehr stolz, weil er seiner Freundin gerne eine Freude machen möchte. Da ich keine Antworten erhielt, befand ich mich innerlich in einer Zwickmühle: Das Bedürfnis meines Kindes zu sehen und gleichzeitig auch die Privatsphäre und Situation in der Familie seiner Freundin zu respektieren. Die Ungewissheit, wie wir uns an dem Geburtstag nun verhalten sollten, beschäftigte uns beide sehr. Ich versuchte Lösungen zu finden, die für Herzenskind und seine Freundin passen könnten, doch prallte ständig mit der Geradlinigkeit meines Kindes zusammen. Da war einfach noch nicht viel Verhandlungsmasse zu finden.
Entgegen meiner eigenen Überzeugung, nicht einfach unangemeldet irgendwo aufzufahren, klingelten wir heute gegen Mittag bei seiner Freundin – denn eine Nachricht hatte ich immer noch nicht erhalten, aber dennoch ein Kind an meiner Seite, dessen Not größer und größer wurde. Niemand Zuhause. Gefühle beim Kind schwappen über. Absprache getroffen, dass wir nach seinem Termin noch einmal hinfahren.
Was in der Zwischenzeit alles in diesem kleinen Menschen vor sich ging, gleicht wohl Weltuntergangsstimmung. Er tat mir sehr Leid – wollte er doch im Grunde nur ein Geschenk überreichen. Doch wir hingen weiterhin in der Luft. Nach dem Termin fuhren wir noch einmal vorbei und immerhin war jemand Zuhause – nur leider nicht seine Freundin. Sie waren unterwegs und sollten voraussichtlich erst in rund zwei Stunden wieder zurück sein. Herzenskind wollte bleiben und warten, doch das war aus vielen Gründen nicht möglich. Nächster Vulkanausbruch. Es folgten Worte und Gesten gegen mich, die aus seiner Not heraus entstanden. Wir hatten bereits davor abgesprochen, wie wir uns verhalten, wenn seine Freundin immer noch nicht da wäre – doch das geriet vor lauter überbordender Gefühle in Vergessenheit. Wütend und traurig zugleich fuhren wir beide nach Hause – Herzenskind, weil er immer noch nicht sein Geschenk überreichen konnte und ich, weil ich mich über mich selbst ärgerte.
Nun hoffe ich für mein Kind, dass er morgen endlich das Geschenk überreichen kann. Für ihn hängen weiterhin viele Konditionen daran, die mir wieder verdeutlichen, wie unsicher sich das alles für ihn anfühlen muss. Und ich kann ihn so verstehen, denn auch für mich bleibt so ein Gefühl, als wäre ich im freien Fall – keine Ahnung, wo ich Halt finden kann. Dabei soll ich doch der sichere Hafen sein. Ich tu, was ich kann.
…
Diese ganzen Fragen, die sich dabei in mir auftun, weil ich keine Antworten und Rücksprachen mit Menschen halten kann – sie fressen so viel Kapazität in mir. Da ist wirklich viel Verständnis in mir, wenn ich auch nach Tagen oder Wochen nichts von anderen höre – denn bei jedem ist viel los im eigenen Leben. Gleichzeitig komme ich in eine innere Bedrängnis, weil ich Gewissheit möchte und mich dennoch nicht aufdrängen will – kam in der Vergangenheit auch schon mal nicht gut an. Da ist der Wunsch in mir, es mir nicht sofort mit den Menschen wieder zu verscherzen – weil Wunsch nach Zugehörigkeit und sozialen Kontakten und so. Und so hänge ich auch wegen einem anderen Geburtstag innerlich gerade noch in der Luft: Ich denke an diese Freundin, die mir vor zwei Monaten sagte, sie möchte gerade keinen Kontakt mit mir. Ihr Geburtstag steht bevor. Ich habe eine Karte besorgt, in die ich ihr gerne schöne Worte schreiben möchte. Und gleichzeitig weiß ich nicht: Ist das überhaupt (noch) gewünscht? Dränge ich mich damit auf, weil sie ja eigentlich keinen Kontakt möchte? Soll ich ihr doch nur eine Nachricht schreiben? Keine Ahnung – und davon ganz schön viel.
Einfach machen. Könnt ja gut werden. Oder aber volle Kanne nach hinten losgehen.

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