Ausgebrannt

Ein lauer Sommermorgen. Allmählich beginnt die Sonne die Luft zu erwärmen. Im Schatten ist es noch recht frisch. Ich gehe auf Wald- und Wiesenwegen spazieren. Lausche den Vögeln, die den Morgen begrüßen. Beobachte die Gräser, die Bäume, die Büsche, wie sie sich sanft im Wind wiegen.

Es ist friedlich. Und für mein Empfinden ruhig. Diese Stille der Natur. Keine Autos, keine Menschen zu hören. Ich bleibe stehen. Schließe die Augen und lasse es auf mich wirken. Sauge es auf. Wie sehr hat sich mein Körper und meine Seele danach gesehnt.

Ich komme an einem kleinen See vorbei und sehe eine Entenmutter. Dicht bei ihr schwimmt ihr Küken. Du brauchst noch den Schutz Deiner Mutter. Du weißt, wann Du bereit bist, alleine in die Welt zu ziehen – denke ich so bei mir. Bei den Tieren wird’s nicht kritisch beäugt – sind ja Instinkte. Beim Menschen hingegen.. ach ja.

Mir steigen Tränen in die Augen. Ich denke an mein Herzenskind. Ich kann gerade nicht bei ihm sein. Denn ich bin in der Klinik. Vor zwei Tagen ging nichts mehr. Ich war leer. Keine Kraft mehr. Die Tränen liefen unaufhörlich. Ich hatte Ängste und empfand so vieles als bedrohlich. Nach einer Meinungsverschiedenheit mit meinem Herzmenschen ging nichts mehr. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Wegfahren? Ein paar Tage raus? Mit Kind oder ohne? Ich konnte nicht mehr klar denken. Spürte, dass die Chemie in meinem Kopf nicht mehr stimmte. Es war zu wenig Schlaf in den letzten Wochen. Zu viele emotionale Ereignisse, die ich nicht richtig verarbeiten konnte. Mein letztes Fünkchen Kraft war erschöpft.

Ich dachte, es würde sich schon wieder irgendwie regeln. Doch der Tagesrhythmus meines Herzenskindes und von mir kollidieren zur Zeit sehr. Zu lange Tage. Zu wenig Pausen. Zu wenig Erholung. Seit so langer Zeit drehe ich stetig an Stellschrauben, um gewisse Strukturen in unserem Alltag zu erleichtern. Um mir Freiräume zu schaffen, in denen ich auftanken kann. Es hatte auch gut gereicht. Doch in letzter Zeit wurde mein Akku immer leerer. Es schlich sich so ein. Gedanklich höre ich schon alle sagen War ja nur eine Frage der Zeit und ich habe nicht vergessen, wie oft mir alle sagten, dass ich mich nicht vergessen darf. Und das habe ich auch nicht. Jeden Tag jonglierte ich mit den Bedürfnissen meiner sensiblen Familie. Immer wieder war ich auf der Suche nach Unterstützung für unseren Alltag. Menschen, die ggf. im Haushalt helfen oder zur Beschäftigung unseres Herzenskindes hinzukommen. Und immer wieder kamen Absagen. Es demotivierte. So vieles, das mir Stück für Stück die Kraft nahm – und in letzter Zeit konnte ich es nicht mehr gut in Balance bringen.

In meiner Therapie und in der Aufstellungsarbeit habe ich herausgefunden, warum da gewisse Verhaltensweisen bei mir immer wieder auftauchen. Dieses Kümmern, diese ständige Rücksichtnahme und das krasse Hintenanstellen. Meine Kindheit, mein Leben – es hat mich geformt. Da sind Programme abgespeichert und das ziemlich tief – es dauert, all das zu überschreiben. Stück für Stück habe ich mich in gewissen Situationen anders verhalten – doch es reichte noch nicht.

Und als mir vor zwei Tagen halbswegs klar wurde, dass ich in meinem Zustand daheim vermutlich nur noch mehr Kummer und Schieflagen verursache, rief ich bei meiner Hausärztin an und fragte, wie ich mich verhalten muss, wenn ich mich selbst in eine psychiatrische Klinik einweisen möchte. Ich konnte nicht mehr. Die Tränen liefen unaufhörlich und ich war wahnsinnig erschöpft. Ich wusste, ich muss dringend schlafen und zur Ruhe kommen – denn meine Wahrnehmung lief völlig neben der Spur. Alles ging seinen Lauf und auch wenn ich noch irgendwie haderte – wir fuhren gemeinsam in die Klinik, meine Herzmenschen und ich. Es fühlte sich wie Versagen für mich an, auch wenn ich wusste, dass es so nun richtig ist. Es brauchte einen Cut – für uns alle. Warme und verständnisvolle Worte erreichten mich von meinem Herzmenschen, einer lieben Freundin, meiner Therapeutin – denn sie zeigten mir nochmal, wieviel ich eigentlich geleistet und getragen habe. Wieviel meine Seele aushalten musste und ich immer weiter gekämpft habe. Und dass ich mir nicht die Verantwortung anlasten muss, dass ich nicht besser für mich gesorgt habe – denn ich habe es im Rahmen meiner Möglichkeiten immer und immer wieder versucht. So viele Faktoren haben es nun begünstigt.

In den Gesprächen mit dem Personal der Klinik spürte ich, wie ich mich erklären wollte – denn ich kann mir vorstellen, welch ein Bild bei ihnen entsteht. Ich möchte, dass die Menschen mich „wirklich“ verstehen. Doch ich lerne noch einmal mehr, dass es nicht möglich sein wird und mir im Grunde egal sein kann. Jegliche Medikation lehne ich ab – denn es ist für mich nicht nötig. Der Schlafmangel hat eine Menge in meinem Kopf angerichtet und das darf sich langsam wieder erholen. Ich spüre, wie die Ruhe langsam in die Tiefe dringt. Wie ich darin ankomme. Und momentan reiht sich Erleichterung und Traurigkeit aneinander – denn diese richtige Ruhe, dieses richtig nur für mich sorgen.. das ist schon sehr lange her und fühlt sich ungewohnt an. Doch meine Seele braucht das. Mein Körper braucht das. Und ich weiß, dass wir gewisse Strukturen verändern dürfen, um das im Alltag mehr zu ermöglichen. Dann kann ich die Mutter sein, die ich gerne sein möchte. Es ist ein Drahtseilakt, jeden Tag.

Und Zuhause? Das läuft’s, na klar. Denn es muss. Und es ist nun eine Chance für uns alle. Ich bin gedanklich immer wieder bei meinen beiden Herzmenschen und die Sehnsucht ist da, auf beiden Seiten. Ich lerne gerade wieder viel über mich dazu, kann alles mit Abstand betrachten und sehe, wo ich wachsen darf. Denn dann wächst alles drumherum mit. „Hätte,wenn und aber“ bringt nix – braucht mir niemand mit ankommen. Ich mir selbst am Wenigsten. Es ist, wie es jetzt ist.

Gegen Mittag gehe ich erneut eine Runde spazieren. Nun sind die sonnigen Wege bereits warm und auf den grasigen Wegen beschließe ich letztlich, barfuß zu laufen. Erdung. Irgendwann führt der Weg weiter auf unebenem und wechselhaften Untergrund. Kleine Steine, Zweige oder auch Sand mischen sich hin und wieder dazwischen und ich merke, dass ich nicht mehr schnell gehen kann. Ich entschleunige. Wähle die Schritte mit Bedacht. Und denke so bei mir, was für ein passendes Bild sich daraus ergibt: Denn wenn es unwegsam wird, ist es sinnvoll, achtsamer und umsichtig zu sein, Tempo herausnehmen und die Schritte bewusst setzen. Dann tut’s weniger weh und es besteht nicht so schnell die Möglichkeit, zu stolpern. Und irgendwann kommen dann wieder Wege, die weich geebnet sind und auf denen ich sanft getragen werde. Anspannung und Entspannung. Beides darf ich wieder mehr in den Einklang bringen.

Ich habe buchstäblich die Reißleine gezogen. Und statt mich dafür zu rügen, nicht eher mehr Grenzen zu ziehen und auf mich zu achten – erkenne ich lieber den Schritt an, den ich nun in diese Richtung gegangen bin.

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