Ablenkung

Ich wünsche Dir, dass Du die Schwere der Vergangenheit hinter Dir lassen und mehr das Jetzt genießen kannst.

Die genauen Worte bekomme ich nicht mehr zusammen. Aber der Inhalt zählt. Als ich diesen Satz im Chat mit einer Freundin las, empfand ich es anders, als ich es heute tue. Ich war verletzt, fühlte mich nicht in meiner derzeitigen Situation gesehen und verstanden. Heute, über ein Jahr später, betrachte ich es anders. Ich vermute, dass sich meine Freundin Sorgen um mich machte, denn von Leichtigkeit war bei mir nicht mehr viel zu spüren. Ich hinterfragte, analysierte und versuchte unaufhörlich zu verstehen, warum ich mich wie verhalte, warum sich andere auf eine gewisse Weise verhielten – und zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht fertig damit. Vielleicht werde ich das auch nie, denn ich schätze, es ist menschlich, das Leben verstehen zu wollen. Doch meiner Freundin machte es Sorgen, denn scheinbar verlor ich mich fast darin.

Seit fünf Jahren bin ich in therapeutischer Begleitung und jedes Jahr eröffnete sich mir mehr Erkenntnis und Verständnis. Im letzten Jahr begann ich dann zusätzlich mit Aufstellungsarbeit, wodurch ich noch schneller noch tiefer in gewisse Themen blicken und verarbeiten durfte. Es war ein innerer Antrieb, der sehr stark war – denn scheinbar war es der Ruf meiner Seele, meine Heilung voranzubringen. Ich bin froh darum, denn vieles hat sich begonnen zu verändern oder wurde gänzlich gelöst. Ich sprenge die Ketten meiner Vergangenheit, die mich in Mustern, Verhaltens- und Denkweisen festhalten, die mir mein Leben erschweren. Die mir die Leichtigkeit nehmen. Und ich wollte da durch. Hinsehen, nicht mehr ablenken. Durch den Schmerz und alle Gefühle durchgehen. Damit es heilen darf. Es brauchte viel Zeit und Kraft. Und neben meinem intensiven Familienalltag war dann nicht mehr viel übrig für richtige Begegnung mit anderen. Ich war mit mir beschäftigt – und das so sehr, dass es einigen scheinbar nicht mehr gefiel. Denn bis zum Tod meines Sohnes war ich sehr gut darin, in erster Linie das Wohl der anderen zu sehen – und dann wurde ich wachgerüttelt. Doch diese Programme zu überschreiben dauert lange.

Als ich nun an einen Punkt ankam, an dem ich mich ausgebrannt fühlte und selbst in eine Klinik ging, konnte ich auf einiges in meinem Leben nochmal anderes blicken. Besonders der Hinweis des dortigen Psychologen hat bei mir Eindruck hinterlassen. Letztlich sagte er nichts anderes, als meine Freundin vor über einem Jahr – aber irgendwie mit anderen Worten und eben so, dass es bei mir etwas bewegte. Klar, er war nicht so nah dran wie meine Freundin. Dennoch eröffnete ich ihm einiges aus meinem Leben, sodass er ein Bild bekam. Und auch er spürte diese Schwere in mir. Er sah, wie reflektiert ich bin, wie sehr ich an mir arbeite und alles verstehen möchte. Doch ich hatte mich wohl ein bisschen darin verloren.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, das Aufarbeiten der Vergangenheit zu pausieren, damit Sie die Gegenwart nicht verpassen und diese sonst später auch noch aufarbeiten müssen.

Wie oft mir das seitdem Tod meines Sohnes begegnet ist: Diese Sorge um mich, weil mir die Leichtigkeit manchmal abhanden gekommen ist. Es ist ja ein gutes Zeichen, dass die Menschen um mich herum möchten und mir wünschen, dass ich glücklich bin, besonders nach meinem Verlust. Ich habe mich auf den Weg gemacht, habe mir Unterstützung geholt – um mit meinem Verlust zu leben. Und dabei hat sich eben Stück für Stück vieles eröffnet, wo ich vorher nicht so genau hingeschaut habe. Es ist nicht nur der dunkle Schleier, der sich mit dem Tod meines Sohnes auch nach außen sichtbar über mich gelegt hat – es sind auch die Schatten in mir, die niemand sieht, doch die ich seit einiger Zeit mehr und mehr beleuchte. Wie dunkel es da eigentlich in mir ist, konnte ich selbst nicht glauben. Da ich das Gefühl hatte, in meinem bisherigen Leben eher davor weggelaufen zu sein und eine Wahrheit gelebt zu habe, die eigentlich nicht mehr zu mir passt, wollte ich nun nicht mehr wegsehen. Und habe beinah aus meiner eigenen Tiefe nicht mehr herausgefunden .

Eine sehr lange Zeit spielte Ablenkung also keine Rolle für mich. Es fühlte sich falsch an. Ich war noch nicht fertig mit Reflektieren und Analysieren, so kam es mir vor. Das bin ich auch weiterhin nicht. Ich habe mir kaum Pausen davon genommen. Mein Kopf war voll von Verarbeitung und Erkenntnissen und neben dem Alltag mit meinem Herzenskind hatte ich kaum noch Energie für irgendwas übrig. Ich habe immer gerne Serien oder Filme geschaut – vor allem gemeinsam mit meinem Herzmenschen. Seit unser Kind auf der Welt ist, ist es weniger geworden und das war auch okay für uns. Doch jetzt, nach meinem Klinikaufenthalt, schaute ich seit langer Zeit mal wieder einen Film, allein, am Tag – das habe ich mir selbst einige Jahre nicht eingeräumt oder es war nicht möglich. Und ich spürte, wie es mich entspannte und ich nur mal im Moment war. Wie ich mich darauf einlassen konnte – was so lange Zeit nicht möglich war. Nun hatten wir eine längere Auszeit bei der Familie, damit ich Kräfte sammeln konnte – und habe mir Zeit genommen, einfach mal wieder eine Serie zu schauen. Ich habe mich bewusst abgelenkt, damit die Gedanken nicht mehr ständig um etwas kreisen, was ich eh schon weiß oder jetzt nicht mehr ändern oder noch nicht nennenswert beeinflussen kann. Eine ganze Zeit erschien mir das verkehrt, denn immer wieder hatte ich all die Dinge des Lebens im Kopf, die uns doch nur von unserem eigenen Leben ablenken sollen. Aber wie immer macht die Dosis das Gift. Und während ich mir auch wünschen würde, locker auf all das verzichten zu können und mein Leben sinnvoller zu gestalten – darf ich mit mir milde sein und mir eingestehen, dass das jetzt so alles richtig ist, wie es ist. Es geht wieder für mich darum, einen guten Mittelweg zu finden und der justiert sich immer wieder neu, mit jeder Veränderung um mich herum. Jetzt wird mit unserem Herzenskind immer mehr möglich und ich darf mich in einigen meiner Sichtweisen noch einmal neu ausrichten. Ich darf mir wieder mehr Raum geben für Dinge, die mir gut tun. Das war eine lange Zeit einfach nicht drin.

Und vielleicht ist es gar nicht so sehr Ablenkung. Eher eine Pause. Oder beides. Meine Gedanken sind gerade einfach mal leiser und darum bin ich sehr froh.

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