Überall lese ich es: Neurodivergente Menschen haben häufig Schlafprobleme. Sei es zur Ruhe zu kommen, durchzuschlafen, genug und erholsam zu schlafen. Seit unser Herzenskind auf der Welt ist, ist Schlaf bei uns das Thema schlechthin! Klar, alle frisch gebackenen Eltern müssen sich mit neuen Schlafgewohnheiten arrangieren – doch es soll tatsächlich Kinder geben, die ziemlich schnell allein und annähernd durchschlafen. Bei unserem Kindchen war es von Beginn an weniger und brauchte viel Begleitung. Und schon bevor er zur Welt kam, war mir klar, dass ich stillend lieber in seiner Nähe sein möchte und direkt neben ihm schlafe. Auch nach vier Jahren ist das noch so und es ist in Ordnung für mich.

Ich kann mich noch an viele Abende in meiner Kindheit erinnern, an denen mir das einschlafen sehr schwer fiel. Meine Eltern wussten manchmal auch keine Lösung. Eine Zeit lang konnte ich nur mit Radio einschlafen, da ich nach einem bewegenden Film das Gefühl hatte, die Geräusche aus diesem in meinem Zimmer zu hören. Wie oft lag ich da, wälzte mich in meinem Bett und konnte den Kopf nicht abschalten. Ich hatte oft Angst vor dem Übergang zum Schlafen – denn wer weiß, ob ich wieder aufwachen würde? Es zieht sich durch mein bisheriges Leben, dass mir Schlafen nicht besonders leicht fällt. Einzig in der Zeit, als ich Medikamente zur Migräneprophylaxe einnahm, konnte ich dank des Antidepressivums abends ruckzuck einschlafen und wachte am nächsten Morgen erholt auf.
Auch mein Herzmensch hat so seine Geschichte mit dem Schlaf hinter sich. Als wir uns kennenlernten war Schlaf kaum ein Problem für ihn, auch wenn er nicht immer erholt aufwachte. Häufig schlief er „wie ein Stein“ und das freute mich für ihn. Seitdem unser Kindchen auf der Welt ist und unser Alltag ganz anders gefüllt, wird auch sein Schlaf zunehmend schlechter. Einschlafschreck, Durchschlafschwierigkeiten – und alles durch das Drei-Schicht-System zusätzlich erschwert.
Es ist also nicht verwunderlich, dass eine der ersten Fragen nach dem Aufstehen ist, wie denn unsere Nacht so war. Wir freuen uns für den anderen, wenn der Schlaf mal halbwegs erholsam war und irgendwie leiden wir auch mit, wenn der andere schlecht geschlafen hat. Wir haben in den letzten vier Jahren deutlich spüren dürfen, wieviel an erholsamen Schlaf so hängt: Die Konzentration, die Leistungsfähigkeit, die Stimmung, der Appetit.. uns ist bewusst, wie essentiell guter Schlaf für das körperliche und seelische Wohlbefinden ist. Wir haben immer wieder kleine Helferlein ausprobiert, um den Schlaf sanft zu fördern – bei uns allen. Ich habe mich immer wieder belesen und schlau gemacht, um zu verstehen, warum Schlaf unsere Achillesverse zu sein scheint. Bei unserem Herzenskind habe ich mich zunächst mit der Hirnreife zufrieden gegeben, doch im letzten Jahr kristallisiert sich seine Neurodivergenz heraus, die mich auch über uns als Eltern anders nachdenken lässt. Es bringt viel Verständnis, zu wissen, dass unsere Nervensysteme einfach sensibler, reizoffener und störanfällig sind – und somit der Schlaf ein ganz spezielles Thema ist.
Während ich immer schon eine sehr ruhige und abgedunkelte Schlafumgebung brauchte, um einschlafen zu können, habe ich mich mit Nachtlicht und über drei Jahre lang weißem Rauschen arrangiert – damit mein Herzenskind in den Schlaf finden kann. Mein Herzmensch braucht hingegen das Berieseln durch Bildschirmmedien, um irgendwann einzuschlafen. Mittlerweile hat sich auch bei unserem Kind gezeigt, dass er damit gut in den Schlaf findet – denn das allabendliche Vorlesen vieler Bücher macht ihn eher unruhig. Es fiel mir schwer, das zu akzeptieren – denn ich wollte mein Kind nicht so früh so häufig irgendwelchen Bildschirmmedien aussetzen. Doch besonders neurodivergenten Menschen dienen diese Medien häufig der Regulation ihrer Nervensysteme. Das zu wissen und vor allem zu akzeptieren, bringt hier mehr Frieden und besonders Entlastung in den Alltag und in die abendliche Gestaltung.
Würde ich mir einiges anders wünschen? Ja, na klar. Allem voran würde ich jedem von uns einfach viel mehr Schlaf wünschen. Denn es geht doch manches Mal Lebensqualität verloren, wenn wir alle eine schlechte Nacht hinter uns hatten. Es kostet viel Überwindung und braucht einiges an Kaffee, um mit dem Schlafmangel den Alltag so zu gestalten, dass vor allem unser Kindchen Abwechslung erfährt. Ich habe so viel Wissen und Ideen im Kopf, was wir ausprobieren könnten, um uns allen mehr Erholung im Schlaf zu ermöglichen – doch nicht alles davon passt zu jedem von uns. Irgendwie ist jeder Tag ein Überraschungsei bei uns – denn Aktivitäten steigen oder fallen mit der Schlafqualität. Wir probieren weiterhin neue Wege aus und ich hoffe sehr, dass sich auf lange Sicht Unterstützung und Entlastung für unseren Alltag finden lässt, damit sich sämtliche Rattenschwänze, die da dran hängen, leichter anfühlen. Damit mehr Lebensqualität, Freude und Leichtigkeit einkehrt.
