Sofatag

Es ist so wichtig für sich zu sorgen. Sich was Gutes zu tun. Seine Grenzen kennen. Nicht ständig übernehmen. Mal fünfe gerade sein lassen und so. Man muss nicht immer was leisten – einfach nur sein. Atmen. Moment genießen. Dankbar sein.

Ganz wichtig, auch mal aus der Komfortzone zu gehen – erst da findet Wachstum statt. Sein Potential entdecken und entfalten. Gesunde Ernährung, Sport, Meditieren, viel Schlaf, soziale Kontakte. Und bloß raus in die Natur! Sonne! Vitamin D! Und so weiter.

Sämtliche Experten haben so tolle Impulse für ein erfülltes, glückliches Leben. Und sicher hat auch alles seine Berechtigung und wirkt sich positiv auf Körper und Seele aus. Um das richtig zu lernen – mach am besten ein Coaching! Hier ein Webinar! Da ein Retreat! Ich werde ständig und überall mit Angeboten und Werbung dazu vollgeduselt. Klingt auch immer alles total schön und sinnvoll – ich gehe damit absolut in Resonanz, denn ein großer Teil in mir möchte sich damit beschäftigen und etwas dazu lernen. Es wären wertvolle Schritte auf meinem Weg der Heilung. Sobald ich mich zu den jeweiligen Angeboten genauer informiere, wird die Vorfreude schnell getrübt – denn es ist für mich einfach nicht zu bezahlen! Und was hält mich dann davon ab? Genau, meine Angst – so wird es mir erklärt, wenn ich hadere, eine Monatsmiete für einen Kurs zu bezahlen. Und ja, vielleicht ist da was dran. Doch wenn ich erst einen Kredit ankratzen muss, um zwar letztlich in mich zu investieren, kann ich dennoch nicht ruhigen Gewissens an solchen Webinaren teilnehmen.

Tja, und wie geht’s dann weiter? Die Erschöpfung ist da. Jeder Tag ein Drahtseilakt mit den Kräften. Es fühlt sich oft wie Überleben und Aushalten an. Immer wieder kleine Stellschrauben drehen. Stück für Stück das Zugeständnis, dass die Belastungsgrenzen über die Jahre des Schlafmangels immer niedriger geworden sind. Immer wieder auf der Suche nach Ideen und Lösungen, wie wir allen Bedürfnissen gerecht werden können, ohne dass sich alle gleichzeitig verausgaben. Notiz am Rande: Gerade unmöglich!

Sollte ich also doch mal einen Kurs machen? Scheiß aufs Geld, was kostet die Welt?

Ich liege auf dem Sofa. An einem sonnigen Sommernachmittag. Die Außenrollos bedecken das halbe Fenster und dunkeln das Wohnzimmer sanft ab. Mein Körper entkräftet durch die beginnende Periode und eine abklingende leichte Erkältung. Am Vormittag haben wir gemeinsam etwas gespielt und aus Kartons ein Roboterkostüm gebastelt. Mein Herzenskind turnt hin und her, voller Energie. Ich kommuniziere meine Verfassung, dass viel Toben mit mir nicht möglich ist, er sich aber immer gerne bewegen kann. Langsam macht sich Kopfschmerz bei mir bemerkbar. Ich bin bleiernd müde. Kaffee! Ein Tropfen auf dem heißen Stein für meine Müdigkeit, ein wichtiger Wellness-Moment für meine Seele. Ich genieße den Geschmack zur Zeit sehr und freue mich auf diese zwei Tassen am Tag. Das Gewissen nagt kurz an mir, dass wir beide heute wohl nur auf dem Sofa verweilen und jeder auf seinem Tablet etwas schauen wird. Aber ich brauche das. Und mein Herzenskind scheint damit auch ganz in Ordnung zu sein, denn die überschießende Energie im Körper tobt er sich immer wieder zwischendurch ab und reguliert sich somit selbst. Ich merke, wie groß mein Ruhebedürfnis ist. Am liebsten möchte ich allein sein, nur für mich. Durch die Schicht meines Herzmenschen ist das nicht möglich. Ich bin allein mit Herzenskind und er mag zur Zeit überhaupt nicht gern allein sein. Also finden wir Kompromisse und mein Kindchen hört mich öfter mal seufzen, wenn es mir doch zu viel wird. Wir bleiben in Verbindung, auch wenn irgendwie jeder für sich ist. Wir knabbern Chips, kuscheln immer wieder miteinander und lassen fünfe gerade sein.

Während des Abendbrots zieht es sich zu. Dunkle Wolken und starker Wind bringen Regen. Ich freue mich. Atme durch. Dieser Sommer war komisch für mich, denn ich war lieber daheim, als draußen. Die Sonne zu grell und zu heiß, die Luft zu tropisch. Die vielen Motorräder und lauten Autos vor der Tür haben mich abgeschreckt. Wir haben den Sommer so ausgekostet, wie es sich für uns gut anfühlte. Und mein schlechtes Gewissen, das durch unnötige Ansprüche an mich selbst entsteht, war ruhiger und oft kaum spürbar.

Gegen Abend sind die Kopfschmerzen verschwunden. Ich spüre, dass dieser ruhige Tag nötig und erholsam war. Die angespannte Stimmung der ersten Tageshälfte hat sich aufgelöst und weicht innerer Ruhe. Ich bin dankbar, dass wir beide einen guten Weg zusammen gefunden haben und mein Herzenskind sich damit arrangieren lernen durfte – denn ich habe wieder gesehen, wie gut er für sich sorgt, wenn ich ihn einfach lasse. Ich muss nicht ständig ein krasses Programm leisten. Ich darf gut genug sein.

Und irgendwann reichen die Ressourcen auch für solche tollen Kurse und Webinare. Es wird sich fügen und zum passenden Zeitpunkt möglich für mich. Der Wille ist da und das Interesse für die vielen Wege der Heilung absolut ausgeprägt! Jetzt verändere ich in kleinen Schritten weiter, wo ich kann. Und gönne mir von der Arbeit an mir selbst auch mal Pausen. Bleibe stehen und atme durch. Und schöpfe ganz viel Kraft aus der Zeit aufm Sofa.

Denn das ist kein Stillstand. Ich nehme nur Anlauf.

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