Wir stehen auf dem Markt in der Schlange.
Warten.
Du sagst laut, in fordernder Manier, zu den Menschen vor uns, wann wir endlich dran sind. Der Geruch des Wagens steigt in Deine Nase und gefällt Dir gar nicht.
Ich überlege, wie ich Dir die Zeit vertreiben und Dich beschäftigen kann, während ich in der Schlange stehen bleibe.
Neben dem Wagen ist eine Bank. Ich biete Dir an, Dich dort zu setzen, damit Du den Geruch nicht mehr riechen musst. Ich sehe, wie sehr es Dich herausfordert zu warten. Ich frage Dich, wieviele Marktstände aufgebaut sind und Du zählst.
Ich versuche ruhig zu bleiben.
Du kommst zu mir, bekundest Deinen Unmut über das lange Warten und beginnst mich mit Fäusten zu hauen. Ich halte meine Hände zu Dir und biete Dir an, auf diese zu hauen. So viel Anspannung in Dir. Sie muss raus. Ich blende alles um mich herum aus und sehe nur Deine Not – denn all zu gut kann ich mir vorstellen, wie andere Menschen das gerade bewerten. Ich sehe, wie gut du versuchst zu kooperieren und wie sehr Du mein Nervensystem brauchst, um die vielen Gefühle in Dir zu regulieren.
Irgendwann bin ich endlich an der Reihe und versuche mit Deinen Unterbrechungen den Kaufvorgang abzuschließen. Der Ton in Deiner Stimme piekst in meinen Erinnerungen – denn so durfte ich damals nicht sprechen. Hätte ich mir nicht erlauben dürfen.
Da keimt auch bei mir langsam etwas Wut auf – denn zur Zeit bin ich die Zielscheibe, der Katalysator Nummer eins für Deinen Unmut und Deine Wut. Ja, ich bin Dein sicherer Hafen und es ist ein Vertrauensbeweis, ein gutes Zeichen für unsere Bindung. Dennoch ist es für mein sensibles System herausfordernd, Deine Gefühle nicht zu meinen zu machen.
Wir beide haben die Nacht zuvor nicht gut geschlafen. Unausgeglichen und wenig erholt haben wir uns auf den Wochenmarkt gewagt. Im Anschluss noch eine Runde über den Weihnachtsmarkt. Dopamin. Zeit herumbekommen, bis wir Deinen Papa nach dem Nachtdienst wecken können – denn danach wollen wir noch auf Reise zur Familie gehen. Ganz schön viel für einen Tag, denke ich so bei mir. Vor allem, wenn wir drei alle nicht ganz so erholt sind.
Für einen Moment ist mir alles zu viel. Dir auch. Tränen laufen bei Dir. Ich versuche Dich zu halten, warte ab, bis es vorüber ist. Du weinst Dich so richtig rein. In meiner aufkeimenden Wut hatte ich zuvor gesagt, dass ich keine Lust mehr habe – und Du hast nun Sorge, dass wir nicht mehr zum Weihnachtsmarkt gehen. Ich erkläre Dir, warum ich das gesagt habe.
Ach menno, ich bin so erschöpft vom schlechten Schlaf in der letzten Zeit. Meine Nerven sind dünn. Mein Nacken dauerverspannt, Schmerzen im Gesicht vom Zähneknirschen, immerzu ein unterschwelliger Kopfschmerz. Und ich merke, wie wenig ich dann die Mama sein kann, die ich gerne wäre. Auch wenn ich noch die Ruhe bewahren kann, entlädt sich die Anspannung irgendwann doch in Genervtheit.
Irgendwann finden wir uns beide wieder. Atmen durch. Und haben noch eine schöne Zeit auf dem Weihnachtsmarkt. Doch auf dem Heimweg begegnen wir uns wieder gegenseitig mit Frust – und ich merke, dass wir eine Pause brauchen. Daheim angekommen, frage ich mich für einen Moment, wie ich noch über drei Stunden Autofahrt durchhalten soll. Alles in mir schreit nach Schlaf. Deinen Papa wecke ich, Du hast Bildschirmzeit und ich lege mich einen Moment hin, um ein kurzes Nickerchen zu machen.
Danach geht’s bei mir. Kopf ist klarer, auch wenn ich mich noch nicht komplett erholt fühle. Ich spüre bei uns allen Anspannung, denn verreisen macht uns alle etwas unruhig. Nichts vergessen, Vorfreude – wir wuseln uns zum Auto und starten die lange Fahrt.
…
Und dabei fallen mir die Worte einer Frau ein, die mit mir über ihren Enkel sprach. Damals noch Kindergartenkind, voller Energie, kaum „kaputt zu kriegen“. „Er ist mir oft einfach zu wild. Ich wünschte, er wäre ein ruhiges Kind.“ Ich konnte sie verstehen, denn sie war nicht mehr in der körperlichen Verfassung, mit ihrem Enkel mitzuhalten. Dennoch schmerzte es, diese Worte zu hören. Ein Kind, voller Leben, voller Energie, war zu viel, zu grob, zu frech.. zu alles. Doch eigentlich war es nur für seine Oma zu viel – und nicht er. Er war nicht angepasst, doch alle verlangten es von ihm. Zu einem hohen Preis.
…
Dann denke ich an die Frau in der Bücherei, die meinem Kind von oben herab begegnete, als er meinte, er würde den Fahrstuhl nehmen, statt der Treppe. „Achsooo, ich dachte Kinder haben gesunde Beine und können auch die Treppe nehmen.“ … Mein Kind schaute verdutzt, sagte dann, dass ihm eben die Beine wehtun – und ich schwankte zwischen Stolz für sein gutes Körpergefühl, aber auch Unverständnis, warum jemand einem Kind so begegnen muss.
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„Man kann das machen, wie bei Tieren. Das unerwünschte Verhalten einfach ignorieren, damit es nicht weiter verstärkt wird – dann hören die damit auf.“ … Ein ganz wertloser Tipp der zuständigen Ärztin meines Kindes, während wir leider immer wieder von meinem Herzenskind unterbrochen wurden.
…
Es ist eine Sache, wenn wir sagen, dass es uns selbst zu viel, zu laut, zu schwer, zu was auch immer ist. Das ist die eigene Einschätzung und die Kommunikation der eigenen Grenzen nach außen. Wenn wir allerdings jemanden anders als „zu irgendwas“ bezeichnen und das bereits bei Kindern beginnen, hinterlässt das Spuren. Es wertet ab. Wie oft Adultismus im Alltag noch vertreten ist, merke ich dann in solchen Momenten: Immer noch dieses „von oben herab“ von Erwachsenen auf Kinder. Die hartnäckige Annahme, aus Kindern werden Tyrannen, wenn ihnen zu viel erlaubt würde. Sich bloß nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Grenzen setzen, konsequent sein. Alles in mir sträubt sich dabei – und ich fühle mich oft als Vermittler für mein Kind, damit solche Situationen, wie wir sie manchmal erleben, nicht in Unfrieden enden. Ich erkläre meinem Kind, dass es im Zusammenleben mit Menschen gewisse Regeln gibt, wir die doof finden dürfen und manche davon dennoch sinnvoll sind, damit wir Anschluss finden. Ein schmaler Grat. Und ich fühle mich immer wieder zwischen den Stühlen, innerlich zerrissen. Ein bisschen zwischen „Welt verändern wollen“ und „Was soll ich schon ausrichten können“. Doch ersteres überwiegt zunehmend, denn bei allem Verständnis für die Verhaltensweisen der Menschen – es braucht einfach viel mehr Wärme, Zuwendung und wahrhaftiges Verständnis füreinander, damit sich was verändert. Es schmerzt zu sehen, wie unterkühlt und distanziert, wie abwertend und verurteilend einander begegnet wird. Durch mein wunderbares Herzenskind habe ich diese wachsende Überzeugung, dass unser Weg gut, wichtig und notwendig ist. Auch wenn er steinig ist, glaube ich daran, dass es sich lohnt. Die stets aufkommenden Zweifel gibt’s kostenlos dazu – und sind wichtig für mich, meine Werte fortwährend zu überprüfen und ihnen treu zu bleiben. Für mich. Für mein Kind. Für die Zukunft.

