Freie Arbeitstage. Familienzeit. Endlich, nach vielen Wochen kann mein Herzmensch mal mehrere Tage am Stück durchatmen, wo sonst höchstens mal ein Tag Ruhe dazwischen war. Ich spüre, wie die Anspannung von ihm abfällt. Diese vielen Wechselschichten nagen an seiner Verfassung. Und auch an meiner. Wir beide versuchen den Laden am Laufen zu halten, jeder auf seine Weise.
Familienzeit bedeutet bei uns aber auch oft, dass jeder mal verschnaufen kann. Die einzige gemeinsame Aktivität, die wir dann als Familie haben, sind die Mahlzeiten – und selbst da weichen wir sehr von ab. Es bringt Entspannung in den Alltag, wenn mein Herzmensch frei hat – denn der Tag kann anders getaktet werden. Ich kann Aktivitäten außerhalb von Zuhause anders planen. Doch letztlich kommt es oft anders, als ich es mir im Kopf zurechtlege oder vielleicht wünschen würde. Zu wissen, dass mein Mann daheim ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich frei habe und wir die Aufgaben daheim und die Betreuung unseres Herzenskindes nun gerecht aufteilen können.
Nee, so läuft es leider nicht (immer). Selten.
Denn für meinen autistischen Mann ist die Erwerbstätigkeit in Wechselschichten bereits ein absoluter Energieräuber. Immer wieder gegen seine biologische Uhr zu arbeiten, dort viele Stunden in einer reizvollen Umgebung konzentriert Leistung abliefern. Er bekommt es hin, weil er muss. Doch es kostet ihn sehr viel. Und seit seiner späten Diagnose wird ihm das immer bewusster. Wieviel er viele Jahre ausgehalten und sich noch zusätzlich aufgebürdet hat – um letztlich gnadenlos daran zu erschöpfen. Immer mit dem bitteren Beigeschmack und der Frage, warum ihm das so schwer fällt, was andere scheinbar doch gut hinbekommen.
Eine ganze Zeit lang habe ich mich das auch gefragt. Die Diagnose hat wahnsinnig viel Verständnis gebracht. Wir finden gemeinsam nun mehr heraus, wo seine wirklichen Grenzen liegen und was ihm Energie raubt. Und leider zählt dazu eben auch der Alltag mit uns. Nach vielen Diensten und ganz besonders, wenn mein Herzmensch viele Nachtschichten arbeiten musste, ist sein Akku nahezu leer. Kaum noch Energie für den Alltag, für Familienleben. Interaktion fällt dann schwer, jedes gesprochene Wort ist schon zu viel. Sein Nervensystem hat dann so viel geleistet, dass es dringend Ruhe braucht.

Das sind dann die Geistertage, wie ich sie mittlerweile liebevoll nenne. Dann habe ich den Eindruck, als würde mein Mann wie ein Geist durch die Wohnung irren. Ganz in sich gestülpt, mit sich beschäftigt und kaum ansprechbar. Und wenn ja, dann spüre ich schnell die Überforderung und Hilflosigkeit bei ihm, denn schon die Frage, was er an seinem freien Tag gerne machen möchte, lässt ihn ratlos dastehen. Da wäre der innige Wunsch, mit unserem Herzenskind wertvolle Zeit zu verbringen – und nach nicht mal fünf Minuten gemeinsamer Zeit schwindet bereits die Geduld und es mündet in Anspannung. Weil das müde, autistische Köpfchen meines Mannes nicht auf dem gleichen Kanal läuft, wie das quirlige und sprunghafte Köpfchen unseres Herzenskindes. Es tut mir dann für beide so Leid und ich versuche zu vermitteln, zu übersetzen. Denn der eine kann es oft genauso schwer in Worte fassen, wie der andere.
Es ist ein Nicht-Können bei einem gleichzeitigen So-gerne-Wollen.
Ich habe mich mit vielen Dingen arrangiert – damit unser Alltag harmonischer ist. Ich mag Struktur und Routinen. Und meine beiden Herzmenschen vermutlich auch – aber die Aufrechterhaltung einer Tagesstruktur ist meine Aufgabe. Sobald mein Herzmensch frei hat, schläft er morgens lang – während ich den Vormittag mit unserem Kind verbringe. Das Bilderbuch-Familienfrühstück gibt’s hier nun mal nicht, denn zwei von drei Menschen in unserem Haushalt haben morgens nur selten Hunger. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu begreifen. Aber seitdem ich in die Akzeptanz gegangen bin und schaue, was die anderen beiden wirklich brauchen – statt sie in etwas hineinzupressen – läuft’s entspannter.
Und während sich viele Außenstehende vermutlich denken, dass wir uns doch einfach alle nur mal ein bisschen zusammenreißen sollten – weil Leben ist halt kein Ponyhof und wir sollen uns nicht so anstellen – sage ich ganz deutlich: Es geht nicht. Weil es zu viel kostet.
Ich habe irgendwann mal gelesen, dass Familie eine Verteilung von Zumutungen ist. Und in neurodiversen Familien wird das nochmal ganz besonders deutlich. Da, wo Nervensysteme eben in unterschiedliche Richtungen ausschlagen und Bedürfnisse nicht immer kompatibel sind. Wieviel kann ich den anderen gerade noch zumuten, wenn ich doch dringend mal eine Pause brauche? Wie sehr darf sich jeder hinterher wieder nachregulieren, wenn ich Freiraum hatte? Wer leidet gerade mehr? Wie haben wir alle geschlafen? Was können wir aus diesem Tag machen? Diese und andere Fragen stelle ich mir täglich. Ein Wochenplan gibt einen Rahmen vor, aber der Inhalt wird auch ein Stück von unserem Befinden beeinflusst. Termine können verschoben werden, wenn ich merke, dass es uns alle zu viel kostet.

Diese Geistertage habe ich ebenfalls. Meistens in der prämenstruellen Zeit. Ich kommuniziere das und räume mir Pausen ein, wo es geht. Auch unser Herzenskind hat mal Geistertage – meistens nach einer Zeit voller menschlicher Interaktion. Der soziale Kater ist dann auch bei ihm deutlich spürbar, denn er ist stiller und hat kaum Lust gemeinsam zu spielen. Ruhe, gegenseitiges Verständnis und Bildschirmmedien helfen uns dreien an diesen Tagen, unsere Nervensysteme zu regulieren. Herzenskind und ich bewegen uns auch gerne, toben herum oder tanzen – um unsere Körper wieder gut zu spüren.
Das alles zu erkennen, zu verstehen und vor allem zu akzeptieren, ist ein Prozess. Und ich bin froh, dass wir schon auf einem guten Weg sind, unsere Bedürfnisse ganz neu aufeinander abzustimmen. Wir lernen uns irgendwie nochmal neu kennen auf der Grundlage der Neurodivergenzen, die hier bei uns dazugehören.

