Zum ersten Mal

Ich bin zum zweiten Mal Mutter. Doch ich mache vieles zum ersten Mal mit meinem Herzenskind. Ein Kleinkind jenseits des dritten Lebensjahres begleiten – ich mache das zum ersten Mal.

Jedes Kind bedarf einer individuellen, auf die ganz eigenen Bedürfnisse abgestimmte Begleitung. Das wäre die ideale Wunschvorstellung. Je mehr Menschen so zusammenkommen, umso wichtiger werden Regeln und Richtwerte, um alle irgendwie unter einen Hut zu bringen – das ist mir bewusst.
Ich darf mich voll und ganz auf mein Herzenskind konzentrieren – und empfinde das für uns beide als ein Geschenk. Jetzt, wo ich meine Neurodivergenz noch mehr begreifen lerne, wird mir klar, was das schon für eine große Nummer für mein System ist, einen kleinen Menschen rund um die Uhr zu begleiten. Denn auch, wenn ich meine beide Kinder nicht miteinander vergleichen kann, hat die Mutterschaft eines gemeinsam: Ständige Verfügbarkeit. Ständige Sorgen. Viele viele Gedanken, die ich mir täglich um das Wohlergehen eines kleinen Menschen mache, dem ich das Leben schenken durfte. Verantwortung, die noch lange nicht endet.

Und das frisst mich an manchen Tagen sehr auf.

Es raubt mir nicht nur sprichwörtlich den Schlaf. Diese vielen Entscheidungen, die täglich und auch auf lange Sicht zu treffen sind, sind eine große Herausforderung für mich. Immerhin möchte ich gerne so viel, wie möglich, richtig machen – doch Elternschaft lebt von Versuchen und Scheitern. Manchmal macht mir dieses Elternding Angst. Und dennoch möchte ich es nicht missen, weil ich bereits so sehr daran gewachsen bin und ich gespannt darauf bin, wie wir uns noch weiterentwickeln werden.

Auch Sie werden Ihr Kind vergurken„, sagte meine Therapeutin mal liebevoll zu mir, mit dem Hintergrund, mir den Druck zu nehmen. Diese Worte rufe ich mir regelmäßig in Erinnerung, wenn ich mal wieder voller Selbstzweifel weinend neben meinem Kind sitze.
Wir haben uns in den vergangenen Jahren für den kitafreien Weg mit unserem Herzenskind entschieden, weil wir wussten, dass dieser Rahmen nicht zu unserem Kind passt. Und ohne Diagnose war die Möglichkeit auf einen integrativen Platz oder gar einen heilpädagogischen Kindergarten gleich null. Vor dem vierten Lebensjahr wäre eine Diagnostik nicht sinnvoll gewesen. Da keine Kindergartenpflicht besteht und wir regelmäßig mit anderen Menschen in Kontakt waren, hatten wir keinen Handlungsbedarf. Wir ließen es aber offen: Wenn unser Kindchen den Wunsch verspüren sollte, eine passende Betreuungseinrichtung zu besuchen, kümmern wir uns. Von allen Seiten kommt regelmäßig der Hinweis: Um die Schule führt kein Weg herum! Und es wäre sinnvoll, wenn vorher bereits Gruppenerfahrung da wäre, damit unser Kind keinen Kulturschock bekommt. Wenn ich mein Kind so sehe, dann fühlt es sich eher so an, als wäre es egal, wann wir diesen Schockmoment herbeiführen – denn der Rahmen mit so vielen Kindern und den starren Bedingungen wird noch lange eine Herausforderung sein. Was wir nun aber wissen: Er wird Zeit brauchen, um sich an neue Umstände zu gewöhnen und dabei braucht es viel Geduld, Verständnis, Nachsicht und allem voran: Keine Vergleiche zu neurotypischen Kindern. Er hat sein ganz eigenes Tempo und es ist schön, wenn er in einem passenden Rahmen heranwachsen darf.
Gestern haben wir uns eine Einrichtung angesehen, damit wir mal ein Gefühl dafür bekommen können. Es wäre eine sehr große Veränderung, doch habe ich das Gefühl, dass wir einen Schritt in diese Richtung versuchen können. Denn da wartet Wachstum auf uns. Erfahrungen, von denen wir zehren können und die unseren Alltag bereichern werden. Aber wie das so ist vor großen Veränderungen: Ein bisschen mulmig ist mir schon noch – doch der mutige Anteil wird größer. So gerne würde ich meinem Kindchen alles zeigen und erklären können, doch meine Möglichkeiten sind irgendwann erschöpft – und das spüre ich nun langsam. Es braucht ein Netzwerk, um ein Kind zu begleiten und nach den letzten Jahren, in denen wir das alles hauptsächlich allein und mit vielen verschiedenen Ideen getragen haben, bin ich froh, nun mehr Möglichkeiten zu haben. Ich wünsche mir mehr für mein Herzenskind, für mich, für uns als Familie und auch als Paar. Mittlerweile dreht sich seit fast fünf Jahren unser Alltag hauptsächlich um unser Kind. Wir haben an vielen Stellen zurückgesteckt und das gerne! Denn wir wussten, dass es anders noch nicht möglich war (so sehr das einige von außen auch behauptet und wir das regelmäßig für uns geprüft hatten).

Ich mache das alles gerade das erste Mal. Ich konnte mich auf diese Elternschaft nicht vorbereiten, denn ich lerne alles mittendrin. Während ich den Weg gehe.

Wir wissen nun, dass wir drei im autistischen Spektrum liegen. Mein Herzenskind und ich haben Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Es sind Diagnosen auf einem Zettel, die uns helfen, Teilhabe zu bekommen – denn ohne diese Worte auf Papier würde uns niemand glauben. Traurig, aber wahr. Wir sind mehr als diese Diagnosen, doch sie ermöglichen uns einen für uns gesünderen Lebensstil, weil wir um unsere besonderen Nervensysteme wissen. Und für unser Herzenskind kann sich der Weg durchs Leben nun (hoffentlich) anders gestalten, als wir es erfahren haben. Ich setze mich mit all meiner Kraft dafür ein.