Kann mich mal jemand kneifen? Mein Kind wird heute fünf Jahre alt.
Jedes Jahr, wenn dieser kleine Mensch in unserer Mitte Geburtstag hat, werde ich besonders rührselig. Dann wird mir wieder bewusst, wie relativ sich Zeit anfühlen kann. Jeder Geburtstag, den wir gemeinsam feiern dürfen, ist für mich ein Meilenstein. Ich blicke zurück. Auf das vergangene Jahr. Auf mein Herzenskind, das sich immer wieder ein bisschen verändert und doch an einigen Punkten beständig „er selbst“ bleibt. Ich blicke mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf eine Zeit, die sich an manchen Tagen endlos wie Kaugummi anfühlte und doch viel zu schnell verging.
In diesem einen Jahr, seit dem vierten Geburtstag, ist so viel passiert. So viel wurde vom und für’s Leben gelernt. Da wurde gelacht, geweint, gewütet. Geliebt. In diesem vergangenen Jahr haben sich einige Spezifikationen des kleinen Nervensystems deutlich herausgebildet. Für uns wurde sichtbarer, in welche Richtung wir künftig gehen werden. Das, was wir in den vergangenen fünf Jahren, mit Geburt unseres Herzenskindes immer schon irgendwie gespürt haben, hat nun einen Namen.
Es macht ihn aus, doch ist er nicht „nur“ das.
Da steht das pralle Leben vor uns, voller Gefühle, voller Ideen, voller Kreativität, voller Fantasie, voller Überraschungen. Ich bin so manches Mal erstaunt, wie roh und unverbraucht sich diese kleine Seele zeigen kann. Es macht mich stolz und gleichzeitig traurig – denn ich kann so deutlich sehen, wie sehr wir uns angepasst haben und maskieren lernten, um in der Gemeinschaft zu (über -)leben. Unserem Kind möchten wir einen anderen Weg ermöglichen. Und stoßen dabei immer wieder auf Unverständnis, Gegenwehr und geraten in Erklärungsnot.

Mein liebes Herzenskind, wie stolz ich bin, Deine Mutter sein zu dürfen. Vor fünf Jahren haben wir beide Deine Geburt gemeinsam gerockt. Ich denke gerne daran zurück. Wenn ich Dich jetzt so ansehe, kann ich kaum glauben, wie groß Du bereits bist. Wieviel Du schon von diesem Leben gelernt hast – obwohl Du tief in Dir drin noch ein Wissen hast, das für uns so weit in den Hintergrund gerückt ist. Jenes Wissen, das wir mit Dir wieder auffrischen dürfen. Du verzeihst uns die schwierigen Tage und suchst stets die sichtbare Verbindung zu uns, die uns an so manchen Tagen ziemlich erschöpft. Doch sei gewiss: Mit Dir ist alles genau richtig. Du bist gut, genau wie Du bist.
Ich wünsche mir, dass ich Dich in Deinem kommenden Lebensjahr gut begleiten kann. Dass wir einen guten Weg in der Gleichzeitigkeit finden. Zwischen gemeinsam und auch allein. Zwischen Ruhe und Aktivität. Ich möchte Dir mehr und mehr Freiräume lassen, wenn Du sie möchtest und brauchst. Jetzt spüre und sehe ich deutlich, wie sehr Du uns brauchst. Welch wichtiger Bestandteil wir für Dich sind, um den Aufgaben des täglichen Lebens begegnen zu können. Am liebsten keinen Moment ohne Mama und Papa sein. Die emotionale Begleitung von Dir hat einen so großen Anteil unseres Alltags, dass ich mich manches Mal frage, ob es für alle Kinder und deren Eltern ebenfalls intensiv ist, oder ob es nur meine (autistische) Wahrnehmung ist. Du fühlst intensiv und kannst es auch zeigen – darüber bin ich so dankbar, auch wenn es mich an manchen Tagen erschöpft, es zu tragen und zu halten. Dann spüre ich wieder meine Masken und wie eng sie in meinem Leben geworden sind.
Ach Herzenskind, wie sehr kann man einen kleinen Menschen lieben und gleichzeitig so sehr an sich selbst zweifeln? Wie oft sitze ich da, platze vor lauter Stolz über Dich und kann dieses Gefühl kaum in Bezug auf mich selbst spüren. Wie oft kann ich vor lauter Sorge kaum schlafen, weil ich nicht weiß, was noch alles auf uns zukommen wird. Wir leben derzeit noch mit geringen Anforderungen an Dich, weil wir deutlich sehen, dass es noch zu viel für Dich ist, das zu leisten, was andere in Deinem Alter schon tun. Langsam, aber stetig versuchen wir das Pensum zu steigern. Erweitern das Spektrum für Aktivität, um genügend Abwechslung und Übungsfelder zu ermöglichen. Dabei zeichnet sich immer wieder ab, dass ein Tag voller Anforderungen irgendwann zum Meltdown führt.
Langsam drückt es immer mehr im Nacken. Das große Thema Schule rückt näher – und ich schwanke zwischen Hilflosigkeit und Willenskraft. Denn ich möchte Dir einen guten Start in diesen unumgänglichen Lebensabschnitt ermöglichen, doch wird das, was für Dich gut wäre, viel Nerven, Kraft und Durchhaltevermögen meinerseits erfordern, um es wahr werden zu lassen.
Mein Kind, ich weiß, dass Du Deinen Weg gehen wirst. Ich weiß, dass wir Dich dabei immer unterstützen werden. Dir den Rücken frei halten und auch offensiv an der Front für Dich in den Einsatz gehen, wenn es nötig ist. Ich sorge mich an manchen Tagen um so viele Eventualitäten und Möglichkeiten, was alles eintreffen und Deine Seele verletzen könnte. Wie gerne möchte ich Dir das ersparen – doch weiß ich, dass Du mit all dem, was wir Dir nun (hoffentlich) mit auf den Weg geben und mit dem wir Dich von innen stärken, vieles gut bestehen kannst. Wir achten auf Dich, schauen stets, was Du brauchst und womit Du in dieser Welt leben kannst. Doch vermutlich wird es nicht reichen, denn es werden Situationen kommen, die nicht nur Dich, sondern auch uns wahnsinnig herausfordern und auf die Probe stellen werden. Aber sei Dir gewiss: Wir werden immer an Deiner Seite stehen. Wir werden uns immer für die Liebe entscheiden und füreinander. Denn wir sind das Wichtigste, das wir haben.
Heute verbringen wir den Tag wieder zu dritt. Wir bereiten Dir einen Tag ganz nach Deinen Wünschen. Ich lasse alle Ansprüche an mich fallen und kaufe einen Kuchen (obwohl ich ja so gerne backe). Das große Feiern heben wir uns für eine Zeit auf, in der Du älter bist und mit gewissen Anforderungen noch besser umgehen kannst. Und trotz (oder gerade wegen) all dem, was ich in meinem Herzen und in meiner Erinnerung trage, bin ich zuversichtlich, dass wir noch viel Zeit haben werden, irgendwann sowas wie einen Kindergeburtstag zu feiern. Wenn Du dazu bereit bist. Wenn es passt. Wenn Du es willst.
Danke, mein Herzenskind. Dass ich jeden Tag so viel von Dir lernen darf. Dass dadurch bei mir immer mehr Masken fallen. Dass ich in dem Vorhaben, Dich so sein zu lassen, wie Du bist, auch mich mehr akzeptieren lerne.
Happy Herzenskind-Tag. Wie schön, dass Du geboren bist.
In Liebe, Deine Mama
💛
