Ich sehe Dich, mein Herz

Ach mein Herz. Ich sehe Dich. Jeden Tag.

Wie Du nach einer unruhigen Nacht kaum aus dem Bett kommst – weil alles schwer ist. Körper und Geist. Dann frage ich mich, was Du tief in Dir drin brauchst, um endlich wieder wie ein Stein zu schlafen, wie Du es einst getan hast.

Wie Dein Pflichtbewusstsein Dich zur Arbeit trägt und Du diesen verantwortungsvollen Job, mit allen Widrigkeiten, trotz Deiner Erschöpfung rockst. Du teilst mir Deinen Unmut mit, was nicht gut lief und was in Zukunft auf Dich zukommt. Veränderungen, die Dich jetzt schon herausfordern. Und ich verstehe Dich, dass das alles keinen Sinn für Dich macht.

Wie Du mit unserem Herzenskind Zeit verbringst und Du so manch letztes Fünkchen Energie für wertvolle Vater-Sohn-Bindung aufbringst. Dieser kleine Mensch liebt Dich so sehr und diese ganz besonderen Momente mit Dir. Ich wünsche Dir jedes Mal, dass es Dich mehr nährt, statt zu erschöpfen.

Wie Du Dich hinten anstellst, um mir Freiräume zu ermöglichen. Ich spüre, wenn da genügend Ressource bei Dir ist und kann es immer besser annehmen. Kann Dir vertrauen, dass es in Ordnung ist. Doch ich sehe, wenn Du leer bist und Du Deinen Tank füllen musst – meistens früher, als Du Dir selbst eingestehst.

Mein Herz, ich sehe, wie viel Du trägst – im Außen und auch innen. Was Dich beschäftigt und beinahe zerreißt. So manches Mal habe ich schon für Dich entschieden, wenn gar nichts mehr ging. Wenn Dich die Verantwortung ausgebrannt und die Schattenseiten Dich in die Dunkelheit gezogen haben. Dann warst Du starr, hilflos und beinahe handlungsunfähig. Ich habe Dir dann etwas Licht ins Dunkel gebracht – damit Du wieder leuchten konntest.

Vor jeder großen Entscheidung entstehen Widerstände in Dir. Es bauen sich unsichtbare Mauern in Dir auf, die ich dann so gerne einfach abreißen möchte. Doch es ist Dein Weg. Ich darf mich in Geduld, Akzeptanz und Verständnis üben. Darf Dich nicht in die Ecke reden mit gut gemeinten Impulsen, die Dich irgendwann verstummen lassen. Für mich fühlt sich eine Idee so schlüssig und sinnvoll an, vor allem, wenn ich diesen Weg selbst bereits gegangen bin und davon profitiert habe. Ich erinnere Dich an das, was für Dich gut funktioniert hat. Doch ob Du es wieder versuchst, darfst Du entscheiden.

Mein Herz, ich sehe, wie es Dir geht. Sehe, was bei all der Verantwortung und dem Funktionieren von Dir übrig bleibt. Welche Signale Dein Körper sendet. Und ich sorge mich. Sehr sogar. Würde Dich am liebsten sofort von allem freistellen und Dir die Auszeit ermöglichen, in der Du Kraft und klare Gedanken sammeln kannst. Vielleicht dramatisiere ich es auch wieder zu sehr. Aber wenn ich es nicht tue, brennst Du aus. Du weißt, was Du brauchst, aber Deine Programme stehen Dir oft im Weg. Die Einsicht zur Selbstfürsorge kommt meistens erst dann, wenn Du gar nicht mehr kannst. Ich möchte Dir immer wieder die liebevolle Erinnerung geben und Dich in Deiner eigenen Erlaubnis Dir gegenüber ermutigen, dass Du wichtig bist und für Dich sorgen darfst. Dass da mehr auf Dich wartet und in Dir schlummert, als nur für die Verpflichtungen zu funktionieren.

Ich bin von Herzen dankbar, dass Du so selbstlos für uns sorgst. Dass Du mir in den vergangenen Jahren den Raum gehalten hast, an mir zu arbeiten, mich aufzuräumen und in meine innere Stärke zurück zu kommen. Bei all den Veränderungen, Herausforderungen und Einflüssen von außen haben wir uns stets füreinander entschieden. Haben dieses feste Band zwischen uns nicht verloren. Wir sind meistens mehr zu dritt und als nur zu zweit – etwas, das ich uns immer sehr wünsche und im Rahmen unserer Möglichkeiten einplane. Aber weißt Du, wir beide rocken das hier ganz schön krass! Mit unseren eigenen Neurodivergenzen unser neurodivergentes Kindchen in Vollzeit zu begleiten, ohne große Unterstützung. Mit allen Hoch- und Tieflagen. Dafür dürfen wir uns anerkennen.

Du liebst bedingungslos und mit Dir ist da ganz schön was geheilt in mir. Ich werde immer wieder ehrfürchtig, wenn ich über unseren gemeinsamen Weg nachdenke. Was uns alles so passiert ist und was es mit uns gemacht hat. Wir haben gemeinsam ein Bewusstsein entwickelt, das wie Eckpfeiler auf dem Fundament unserer Liebe fungiert. Es fühlt sich stabil an. Und selbst wenn einer von uns mal wackelt und dem Sturm nicht alleine standhalten kann, ist der andere da und hält mit.

Du bist mein Fels in der Brandung. Und ich Deiner.

Wenn ich sehe, dass Du beinahe ertrinkst – lass mich Dein Rettungsring sein. Du musst nicht immer alleine schwimmen und die Wellen reiten. Du darfst Dich ausruhen. Erholen. Kraft schöpfen. Ich ziehe Dich an Land. Wir setzen uns nebeneinander und schauen auf die Wellen, die da draußen immer größer werden. Lass uns an dem kleinen Feuer wärmen, das wir wieder entfachen. Irgendwann beruhigen sich die Wellen. Sie werden kleiner und Du kannst wieder hinaus. Und ich verspreche Dir: Wenn Deine Kräfte wieder schwinden und Du drohst zu ertrinken – ich bin da. Dein Rettungsring. Dein Fels in der Brandung.