Stress

Zur Zeit betreibe ich nochmal ganz aktiv Innenschau und nehme bewusster wahr, wie ich mich in dieser Welt bewege. Wie ich mich in all meinen Rollen verhalte. Ich blicke noch einmal zurück auf das, was schon immer da war und wie mich vieles geprägt hat.

Mein Kind erINNERt mich täglich daran, wo noch Wunden und sogar Trauma verborgen liegen. Klingt jetzt dramatisch – auf Ebene des Nervensystems beschreibt es eher nachhaltige Erschütterungen, die schon in keinster Ausprägung weitreichende Folgen haben können.

Mir fiel schon häufig auf, dass ich Schwierigkeiten habe, Reibung und Konfliktsituationen gut und lange auszuhalten. Ich möchte gerne schnell die Harmonie wieder herstellen, weil ich die Schwingungen körperlich nicht lange halten kann, die in solchen Momenten entstehen. Mein Nervensystem scheint schnell unter Stress zu geraten, schon bei den kleinsten Anreizen – positiv und negativ. Wenn ich wenig Ruhe habe, schlecht schlafe oder mich aufgrund von Krankheit nicht gut und ausgeglichen fühle, gerät mein System noch schneller in Stress.

Seitdem ich mich mit intensiver mit Autismus beschäftige, begegnen mir häufig die Stressreaktionen, die jeder Mensch in sich trägt und durch eine Verkettung von Impulsen und Hormonen im Körper in Gang gesetzt werden, sobald entsprechende Stressoren sie aktivieren. Das ist bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Menschen im Autismus-Spektrum geraten meistens schneller in Stress – aufgrund der intensiven Reizverarbeitung. Was für andere Menschen keinerlei Herausforderung darstellt, versetzt Menschen im Autismus-Spektrum unwahrscheinlich schnell in eine der bekannten Stressreaktionen.

Quelle: https://biancakaminsky.com/die-stressreaktion-so-verhalten-sich-menschen-bei-stress

Als ich vor einigen Tagen mit meinem Herzenskind und den anderen im Wald war, fiel es mir noch einmal ganz bewusst auf: Ich stand so unter Stress und wollte am liebsten sofort aus der Situation flüchten. Ich war überreizt, erschöpft und überfordert – mein ganzes System auf Anschlag. Da ich nicht fliehen konnte (Flight), rutschte ich in die Erstarrung (Freeze). Was nach außen hin aussah, als würde ich in mir ruhen, sah von innen jedoch völlig anders aus: Ich war eigentlich in höchster Anspannung. Hielt aus. Und hoffte, dass diese Situation endlich vorübergehen möge.

Diese bewusste Wahrnehmung meiner Fluchtreaktion hat mich nachhaltig bewegt. Ich habe viele darüber nachgedacht, in welchen Situationen dieses Gefühl ebenfalls aufkam – und mir zeigte sich einiges. Während ich lange Zeit dachte, ich bin einfach nur unfähig, schwierige Momente und Phasen im Leben auszuhalten, weil ich feige bin und mich lieber rausnehme – erkenne und verstehe ich nun viel mehr, warum dieser Fluchtreflex so oft aktiviert wurde. Ich fühlte mich hilflos, überfordert. Es war für mein System in jenen Momenten zu viel. Flucht war die Chance, mein System wieder zu beruhigen. Raus aus der akuten Stresssituation, um wieder klar denken, fühlen und handeln zu können. Hatte ich keine Chance zu fliehen, rutschte ich in eine der anderen Stressreaktionen.

Auch hier hilft mir wieder enorm das Wissen um meine autistische Wahrnehmung und Reizverarbeitung. Ich habe mich jahrelang (und auch leider heute immer wieder) mit anderen verglichen, die mit stressigen Situationen scheinbar gelassener umgegangen sind. Die eine hohe Resilienz aufweisen, denn sie scheinen mit sämtlichen Widrigkeiten des Lebens keine Probleme zu haben. Ich habe mich gefragt, wie sie das hinbekommen, wie sie aufgewachsen sind, was sie mit auf den Weg bekommen haben, was sie erlebt haben. Sie sind anders geprägt. Vom Leben. Und in ihrem Nervensystem. Ich scheine von Geburt an ein empfindsames System zu haben und mein Leben hat es offenbar noch mehr ausgereizt. Immer wieder heißt es, dass Reibung wichtig ist und ich bin sicher an den Herausforderungen des Lebens gewachsen, doch mein Nervensystem wurde dabei auf manchen Ebenen aufgerieben. Deswegen reagiere ich auf scheinbar harmlose Situationen innerlich weiterhin mit großem Stress, obwohl ich bereits korrigierende Erfahrungen machen durfte. Doch es braucht Zeit, bis sich da Ruhe einstellen kann.

Seit sieben Jahren weiß ich von meiner Hochsensibilität. Seit einem Jahr von meiner Autismus-Spektrum-Störung und der leichten Form von ADHS. Und trotzdem ist es noch nicht ganz in meinem System angekommen. Ich nehme mein (Er-)Leben noch einmal neu wahr. Übe mich in Akzeptanz, dass ich sensibler auf vieles reagiere und dass meine Vergangenheit ihre Spuren hinterlassen hat. Ich arbeite daran, mir selbst Sicherheit zu geben, wenn mein System wieder besonders empfindsam auf gewisse Reize reagiert. Wirklich nachsichtig mit mir zu sein, dass manches eben (noch/überhaupt) nicht geht.

Mein Herzenskind hat großen Anteil daran, dass ich mehr in die Selbstakzeptanz komme. Unbewusst schubst er diese Heilung an und ich gehe dabei nochmal richtig durch Schmerz und unangenehme Gefühle. Ich möchte diese inneren Kämpfe endlich auflösen, die niemand sehen kann, aber mich so oft erschöpfen. Ich wachse weiter an den schwierigen Situationen, die in mir sämtliche Stressreaktionen hervorrufen – doch ich gehe zunehmend mit einem anderen Bewusstsein da durch. Anzuerkennen und zu akzeptieren, dass ich gerade so bin; einiges, aber nicht alles verändern kann/muss/möchte, bringt Stück für Stück Frieden in mir. Es geht nicht alles auf einmal.