Jungsmama

Meine Eltern erzählten mir oft, dass ich eigentlich ein Junge werden sollte. Als Kind dachte ich dann, sie haben scheinbar nicht das erhalten, was sie sich gewünscht hatten. Ein Pärchen wäre schön gewesen, nachdem meine Schwester auf der Welt war.

Mittlerweile weiß ich, dass man sich das Geschlecht des Kindes zwar wünschen kann, die Natur und das Leben da aber eigene Pläne hat.

Ich wurde weiblich sozialisiert: War nicht zu wild, nicht zu laut, habe im Haushalt geholfen und mit Puppen gespielt. Es herrscht eine gewisse Vorstellung in den Köpfen, wie Mädchen und Jungen so sein sollten. Dass diese Kategorisierung mittlerweile überholt ist und es die Individualität einschränkt, bringt unwahrscheinlich viele Möglichkeiten mit sich.

Als ich heranwuchs, entwickelte ich aufgrund meiner Größe notgedrungen einen eigenen Kleidungsstil, da ich in der Mädchen- und Frauenabteilung nicht mehr fündig wurde. Ich musste oft auf Schuhe und Kleidungsstücke der Jungen oder Herren zurückgreifen – einfach weil sie anders geschnitten waren und mir besser passten. Ich fand aber auch häufig die männliche Kleidung viel schöner und ansprechender. Meine Frisuren brachten immer wieder meinen Seelenfrieden durcheinander und oft wünschte ich mir, einfach nur kurze Haare oder gar eine Glatze tragen zu können – doch das passte nicht zu meinem Gesicht. In Hinblick auf meine äußere Erscheinung bin ich wandelbar: Eine Kollegin sagte damals auch zu mir, dass ich an einem Tag die pure Weiblichkeit ausstrahle und an einem anderen Tag optisch sogar maskulin daher komme. Ich trage beide Anteile in (und an) mir – wie wohl jeder Mensch.

Als ich mit meinem ersten Sohn schwanger war, kam noch Skepsis in der Familie auf, ob das wirklich ein Junge werden würde – denn die Familien waren reich gesegnet mit weiblichen Nachkommen. Als er schließlich geboren wurde, war es für mich sofort selbstverständlich, die Mutter eines Jungen zu sein. Mal davon abgesehen, dass ich keine Ahnung habe, inwiefern sich Mädchen und Jungen im ersten Lebensjahr unterscheiden. Mit meinen jungen 23 Jahren empfand ich es sogar amüsant, wie kategorisch die menschlichen Gehirne funktionierten, wenn ich meinen Sohn, mit einer rosanen Decke bedeckt durch den Supermarkt schob und mir die Frage entgegnet wurde: „Wie heißt sie denn?“

Wenn das Kind dann heranwächst, eigene Interessen entwickelt und sich ein Charakter herausprägt, ist es für mich unwahrscheinlich interessant zu beobachten, was ein Kind bereits selbst mitbringt. Was sich von ganz alleine zeigt – ohne mein Zutun. Dann bietet man alles mögliche an und das Kind zeigt, für was es sich interessiert. Dann spürt man immer mehr das Naturell dieses kleinen Menschen. Eine so spannende Reise. Und wenn man sich von Kategorisierung und Wertung frei macht, steht da einfach ein ganz eigener Mensch vor einem.

Ich habe immer gedacht: Ich bin ein Mädchen, eine Frau und muss gewisse Merkmale aufweisen – denn sonst bin ich doch nicht richtig, oder? Vor allem in Hinblick auf mein Verhalten war ich stets verwirrt und überfragt, ob das so richtig ist. Stand es mir zu, wild zu sein? Laut? Durfte ich mich auflehnen und mit Nachdruck für das einstehen, was mir wichtig war? Bei uns daheim übernahm diesen Part oft mehr meine ältere Schwester – und anhand der Reaktionen meiner Eltern ergab sich bei mir die Erkenntnis: Okay, das mache ich also lieber nicht. Anpassung und Rücksichtnahme um des Friedens Willen.

Ich habe also ein Bild in mir, eine Vorstellung, wie Mädchen und Frauen sein sollten. Mittlerweile baue ich dieses Bild mehr und mehr ab. Und dazu trägt mein Sohn einen gehörigen Teil bei. Mein Kind so sein zu lassen, wie er ist, lässt sich leicht sagen – aber so manches Mal erwische ich mich dabei, dass ich es ihm nicht ganz gewähre. Dann wünsche ich mir, dass er nicht so aneckt, mit anderen nicht unnötig in (körperliche) Konflikte gerät. Kürzlich kam dann der große Aha-Moment bei mir: Ich erwarte ein Stück, dass er sich so verhält, wie ich als Kind war. Und das ist der größte Murks. Damit verbaue ich ihm wertvolle Erfahrungen. Er darf und soll unbedingt für sich herausfinden, wie er mit seinem So-Sein in diese Welt hineinpasst. Er wird andere Erfahrungen sammeln als ich. Natürlich wünsche ich mir keine ernsthaften Schäden für ihn. Doch wenn ich so auf mich blicke und das, was ich davon getragen habe; durch diese viele Anpassung für den äußeren Frieden – dann kann ich deutlich sehen und spüren, wo es bei mir Schäden hinterlassen hat. Dann wünsche ich mir umso mehr, dass mein Kind seinen eigenen Weg gehen darf und ich möchte ihn nicht durch meine Erfahrungen aufhalten.

Mein Kind soll alles sein dürfen: Laut und leise. Stark und schwach. Wild und sanft. Männlich und weiblich. … Und indem ich meinem Sohn all das gewähre, erlaube ich mir im gleichen Zug viel mehr, das selbst auch zu sein. Dadurch darf wieder einiges in mir heilen und ich komme mehr in meinem So-Sein an. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne das Gefühl, auf meine Weise nicht richtig zu sein. Als Mutter eines Jungen heile ich also meine eigenen weiblichen und männlichen Anteile, die ich in unterschiedlicher Ausprägung auslebe – sei es im Verhalten, in der äußeren Erscheinung oder in anderen Bereichen des Lebens. Alles davon gehört zu mir und macht mich aus. Ich möchte mir nichts mehr verbieten, weil irgendjemand irgendwann mal gesagt hat: So sind Mädchen, so sind Jungs. So sind Frauen und so sind Männer.

So bin ich. Mit allen Facetten des menschlichen Seins. Und das auszusprechen, empfinde ich als eine Form von Freiheit.