Als ich Dich das erste Mal sah, fiel mir zuerst Dein Gesicht auf. Trotz dieser traurigen Ausstrahlung hast Du etwas so liebenswertes ausgestrahlt.
Dieser Wortlaut einer lieben Freundin hallt in mir nach. Ich hatte einen Tag voller Selbstzweifel – etwas, das sich während meines zyklischen Winters häufig bei mir breit macht. Dann scheint es so, als würden die Hormone nochmal die Kruste von einigen tiefen Wunden abkratzen und alles mit voller Wucht an die Oberfläche katapultieren.
Nicht genug sein.
Nicht gut aussehen.
Das eigene Dasein als sinnlos empfinden.
…
Ich weiß mittlerweile darum und versuche mir in dieser Phase meines Zyklus besonders milde zu begegnen. Die Gedanken lasse ich, so gut es geht, an mir vorbeiziehen. Die Gefühle dürfen fließen. Zuletzt brach ich tatsächlich mal wieder ordentlich in Tränen aus, weil ich mich mit allem so fehl am Platz fühlte. Ich zeigte mich meiner Freundin mit diesen Gedanken und bekam später eine Rückmeldung von ihr.
Und das arbeitet noch in mir nach.
Aber auf eine gute Weise.
Denn lange Zeit habe ich versucht, meine Traurigkeit irgendwie zu verstecken. Besonders nach dem Tod meines Sohnes befand ich mich innerlich in der Zerrissenheit, eigentlich authentisch meine Gefühle zeigen zu wollen und mich zuzumuten – andererseits spürte ich aber auch oft nicht genügend Raum dafür.
Doch die Traurigkeit steht mir ins Gesicht geschrieben. In meinen Augen. In meinem Mundwinkeln. Und ganz sicher ist sie auch an meiner Körperhaltung zu erkennen.

Immer mal wieder bekam ich eine Rückmeldung, dass da wohl eine gewisse Schwere um mich herum sei. Es verunsicherte mich oft. Denn etwas in mir hatte sich gemerkt: Traurigkeit hat nicht genügend Raum. Fröhlichkeit schon eher. Sei lieber fröhlich, locker, leicht und witzig – dann mögen die Menschen Deine Gesellschaft.
Mit dem Tod meines Sohnes wurde mir schmerzhaft bewusst: Ich kann das nicht mehr ständig leisten. Dieses „Auf-Knopfdruck-Fröhlich-Sein“. Ich schaffte es einfach nicht mehr, es anderen leichter zu machen. Und: Ich musste es auch nicht. Sie durften sehen, dass ich unendlich traurig war. Dass ich mich in einer Dunkelheit bewegte, die kaum Licht hindurch ließ und mich an vielen Tagen zu Boden riss. Dass ich so manches Mal keinen Sinn mehr in meinem Dasein sah.
Doch ich habe mich nicht komplett gezeigt. Ich habe mich zusammen gerissen. Wollte keinem zur Last fallen. Das kam erst Stück für Stück. Mit jedem Jahr mehr seit dem Tod meines Kindes. Mit meiner Psychotherapie. Mit meinem Herzmenschen und mit unserem Herzenskind. Ich fand Räume, die es zuließen, alles fließen zu lassen. Vor allem fand ich sie in mir selbst.
Immer mal wieder spüre ich den Wunsch, einfach mal so richtig leicht zu sein. Unbeschwert. Sorgenfrei. Und es gibt diese Momente, nur leider noch zu selten für meinen Geschmack. Aber die Worte meiner Freundin haben mich noch einmal liebevoll daran erinnert, dass alles auch gleichzeitig sein kann: Ich kann traurig aussehen und gleichzeitig Freude spüren. Etwas an mir kann die Traurigkeit verkörpern und gleichzeitig auch die Leichtigkeit. Ich bewundere dann wieder sehr mein Kind, das mit jeder Zelle fröhlich zu sein scheint – aber auch bis in die letzte Ecke seines Körper wütend oder traurig sein kann. Ich fühle mich oft wie gespalten.
Diese Worte meiner Freundin haben mir noch einmal den Anstoß gegeben, meine Traurigkeit liebevoll anzunehmen und nicht zu verstecken – denn irgendwo wird sie trotzdem gesehen. Irgendjemand wird immer eine feine Antenne dafür haben und hinter meinem Lächeln die Trauer sehen, die zu mir gehört.
Gesichter können Geschichten erzählen. Manchen Gesichter sprechen Bände. Meines gehört wohl dazu.
