Mein Herzmensch feiert in diesen Tagen sein zehnjähriges Jubiläum bei seinem Arbeitgeber. Eine lange Zeit, wie ich finde. Und ich bewundere ihn sehr, wie er über all die Jahre diese anspruchsvolle Arbeit bewältigt. Höchste Konzentration und Aufmerksamkeit sind gefragt, wenn er einen reibungslosen Ablauf während seiner Dienstzeit gewährleisten will. Das ein oder andere Mal habe ich ihn vor Ort besucht und durfte mir einen Eindruck verschaffen davon, was er immer wieder routiniert und gefestigt leistet. Und das in drei Schichten, die nicht wochenweise wechseln, sondern eben oftmals nach wenigen Tagen, sodass er mitunter drei verschiedene Schichten innerhalb einer Woche haben kann. Mir waren diese Schichtwechsel aus meinem Berufsalltag in der Pflege bekannt, weshalb es für mich keine große Hürde war, mich daran zu gewöhnen, dass seine Dienstzeiten viel Anpassungsfähigkeit im Privaten erfordern.
Als wir uns kennenlernten, befand er sich noch in einer Art „Springer-Position“ – er wurde so eingeteilt, wo er gebraucht wurde. Der Dienstplan war zwar für Wochen geplant, änderte sich aber eigentlich ständig. Das ging noch einige Jahre so weiter, bis er sich vor vier Jahren auf eine offene „Planstelle“ bewarb, die für uns mehr Vorausschaubarkeit hinsichtlich des Dienstplans bedeutet. Hier und da sprang er dennoch ein und private Planungen wurden dafür verändert, damit er die Lücke auf Arbeit füllen konnte. Familienangehörige sagten es vor einiger Zeit mal so treffend: „Du hältst ihm den Rücken frei, damit er immer wieder einspringen kann – und damit haltet ihr dem Arbeitgeber den Rücken frei.“ Würde ich auch noch in der Pflege in ähnlichen Schichten arbeiten, ginge wohl einiges drunter und drüber in unserem Familienalltag – und spontan einspringen wäre da nicht drin.

Mein Herzmensch war bereits eineinhalb Jahre in diesem Arbeitsverhältnis, bis wir uns kennenlernten – entsprechend lang begleite ich ihn schon mit den Auswirkungen der Schichtarbeit. Und wir können sagen, dass es für ihn mit jedem Jahr länger auch immer herausfordernder wird. Mit dem Wissen um seine Autismus-Spektrum-Störung hat sich nochmal ein anderes Bewusstsein entwickelt, wie sehr die häufig wechselnden Schichten und die anspruchsvolle Arbeit ohne vorhersehbare Pausen an seinem körperlichen und seelischen Befinden kratzt. Was sein Nervensystem da schon so lange Zeit leistet. Immer mal wieder waren wir im Gespräch, ob eine andere Position innerhalb seines Arbeitgebers sinnvoll und denkbar wäre. Ob wir uns anders aufteilen sollten in Hinblick auf Erwerbstätigkeit – gleich aufteilen oder eine andere Konstellation. Aber wir kamen immer wieder zu dem Entschluss, dass die Aufteilung für unseren Familienalltag so am sinnvollsten ist – was bedeutet: Klassische Rollenverteilung. Den Haushalt und die Versorgung unseres Kindes 50:50 aufteilen, ist durch die wechselnden Schichten und die damit verbundenen Konsequenzen für das körperliche und seelische Befinden einfach nicht möglich. Kurzum: Wir haben eher eine planbare Unplanbarkeit. Den Anspruch habe ich abgelegt. Er tut, was er kann, wenn er kann – denn es lässt sich nicht leugnen, wie sehr diese Schichtarbeit mit dem Arbeitspensum auch an seinen Kräften und seiner Konzentration zehrt. Wenn ich wieder von der Löffeltheorie ausgehe, bleiben oft nicht mehr viele Löffel übrig, wenn er anstrengende Dienste hinter sich hat. Wir teilen auf, was geht – aber unsere Beziehung baut auf gegenseitigem Verständnis für die Stärken und Schwächen des anderen auf. Wir versuchen den eigenen Akku-Ladestand und den des anderen stets im Blick zu behalten.
In den vergangenen Tagen dachte ich dann auch mal wieder über mein Arbeitsverhältnis vor acht Jahren nach, in dem ich wirklich gerne arbeitete. In jenem Sommer ging ich auf Wunsch meines Arbeitgebers von 30 auf 35 Stunden pro Woche hoch, weil ich eh oft Überstunden hatte und sie somit immerhin anständig entlohnt wurden. Ich lebte zu dieser Zeit noch allein in meiner Wohnung, Herzmensch und ich führten noch eine Fernbeziehung und renovierten an freien Tagen die künftige gemeinsame Wohnung in seiner Heimat. Es war echt ein Marathon für uns beide, aber wir freuten uns auf das gemeinsame Leben, was wohl den nötigen Antrieb brachte. Doch auf meiner Arbeit scherzten die Kolleginnen irgendwann, dass ich scheinbar zu viel auf Arbeit war, denn man merkte mir an, dass ich hin und wieder durcheinander war. Wir nahmen es mit Humor und ich bekam Verständnis dafür. Wenn ich abends um 22Uhr Feierabend hatte, stand ich oft am nächsten Morgen um 07:30Uhr wieder auf der Matte. Diese kurzen Wechsel hatten es in sich und ich spürte auch, wie mir nach und nach die Kräfte schwanden. Wie mir mein Körper mit Anspannung, Kopfschmerzen und einem geschwollenen Knie signalisierte: Hey, eigentlich ist das zu viel. Doch was tat ich? Schmerztablette rein. Weiter geht’s.
Heute blicke ich auf diese Zeit, die mir noch einmal in den Sinn kam, als ich hier daheim vor lauter Überreizung beinahe wieder ins Burnout schlitterte – und ich erkenne, dass ich damals eigentlich haarscharf vorm Burnout stand. Dass mein System überreizt war bis zum Anschlag. Die Konzentration schwand und ich war froh, dass mir keine groben Fehler passierten, sondern eher kleine Schusseligkeiten, die mein Team mir nicht übel nahm. In einer Zeit, in der ich ständig verfügbar war, leistete, einsprang und aushalf, rief mein Körper irgendwann laut: Stopp. Pause. Jetzt!
Dann sehe ich mein Leben heute. Nach sechs Jahren beinahe permanenter Verfügbarkeit, Care-Arbeit und dem prallen Mental-Load meiner kleinen Familie. Ohne Urlaub. Wenige Pausen. Keine großartige Möglichkeit, Aufgaben, Verantwortung und Zuständigkeiten aufzuteilen. Und es kehrt die Gewissheit ein: Kein Wunder, dass ich immer häufiger in die Erschöpfung komme, dass ich wieder mal kurz vorm Burnout stand. Mein System hat kaum Zeit, sich genügend zu regenerieren – da ist die Überreizung und Überlastung vorprogrammiert. Mein Herzmensch gibt sein Bestmögliches, um neben seinem anspruchsvollen Job auch noch daheim für meine Entlastung zu sorgen. Wir haben liebe Helferlein, die für kurze Zeiträume Unterstützung bringen – doch der Effekt hält nicht lange an.
Ich weiß, so geht es vielen Familien. Den Löwenanteil des Alltags bestreitet man allein. Viele leben mit permanenter Erschöpfung. Jeder bringt unterschiedliche Belastungsgrenzen mit. Doch es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein empfindsames, störanfälliges Nervensystem noch zusätzliche Herausforderungen mit sich bringt, die dem ganzen ’normalen Alltag‘ ein weiteres Gewicht auferlegt. Und wenn ich so auf die vergangenen Jahre zurückblicke, wie mein Herzmensch diesen krassen Job in Vollzeit gewuppt und damit für uns drei gesorgt hat, wie ich hier Haushalt und Betreuung unseres Kindes in Vollzeit gerockt habe – dann bin ich schon echt stolz auf uns. Aber vor allem erstaunt, dass wir noch geradeaus gehen können.
