Versuchen und scheitern

Wenn ich diese selbstgebastelte Laterne über dem Bett ansehe, denke ich an die Zeit, in der sie bei uns einzog. Herzenskind war gerade zweieinhalb Jahre alt und wir begannen eine Waldspielgruppe für Kinder und Eltern zu besuchen. Einige Zeit zuvor scheiterte (oder besser: endete)der Versuch bei der Tagesmutter und ich hielt weiterhin Ausschau nach Möglichkeiten, in denen Herzenskind Kontakt zu anderen Kindern bekommen kann – und ich irgendwie Austausch mit anderen Eltern.

Dort zeigte sich schnell und gleichbleibend über Wochen, wie auch schon bei Besuchen auf Spielplätzen, dass Herzenskind keinerlei Interesse an anderen Kindern verspürte. Die Erwachsenen waren interessanter und mit ihnen kam er etwas in Kontakt. Die meiste Zeit war ich gefragt, dicht bei meinem Kind zu sein, hinzusehen und mitzumachen. War ich einmal nicht ganz mit meiner Aufmerksamkeit bei meinem Kind, wurde dieser kleine Mensch panisch.

Schon früh konnte ich die Not in meinem Kind sehen. Ich blickte so oft in panische Augen, spürte die Anspannung in diesem kleinen Körper, der stets nur eines brauchte: Sicherheit. Ein Nervensystem, das für ihn zur Regulation parat steht.

Und so zeigte sich nach einigen Wochen, dass diese Gruppe ebenfalls kein Rahmen war, aus dem sowohl er als auch ich nennenswerte Vorteile ziehen konnten. Schließlich suchte ich weiter, fand einige Familien, die mit ihren Kindern kitafrei lebten. Die Idee, mit zwei weiteren Müttern ein Eltern-Team auf die Beine zu stellen, war geboren. Wir investierten Zeit, Geduld und Verständnis. Ich war dankbar, Anschluss gefunden zu haben und hatte den Eindruck, dass Herzenskind allmählich etwas mit den anderen Kindern anfangen konnte – wenn auch für kurze Momente. Doch auch hier waren die anderen Mütter interessanter und er zeigte mir, dass ihn das unvorhersehbare Verhalten der gleichaltrigen Kinder sehr irritierte, sodass er sie eher weniger um sich haben wollte. Wir hatten rund vier Monate eine gute Zeit miteinander. Irgendwann begann der Herbst und damit kam das Rückzugsverhalten meines Kindes. Vor die Tür? Pustekuchen. Er war nicht zu motivieren oder zu locken, weiterhin Zeit mit den anderen zu verbringen und die anderen Mütter hatten mit ihren eigenen Kindern ebenfalls genug um die Ohren, sodass die Idee des Eltern-Teams aufgegeben wurde. Neben all diesen schönen Momenten und dem Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenhalt, hatte ich selbst zwei kleine Geburten und die Alleinzuständigkeit für Herzenskind und Haushalt zu balancieren, da Herzmensch in stationärer Behandlung war. Mein Nervensystem brannte beinahe durch und ich konnte mit Müh und Not für Herzenskind den Rahmen aufrecht halten.

Mit Blick auf das Verhalten meines Kindes innerhalb einer größeren Gruppe aus Kindern stellte sich für mich erstmal nicht die Frage, ob er in einen Kindergarten gehen sollte – denn es war deutlich zu sehen, wie sehr es ihn anstrengte, wie wenig er davon profitierte und wieviel Ruhe er nach Treffen mit mehreren Menschen für sich einforderte.

Wir hatten keinen Druck. Keine Pflicht. Kindergarten war eine Option, aber kein Muss.

Ich wollte ihm dennoch Möglichkeiten geben, Erfahrungen mit Menschen zu sammeln – und wenn es eben die Erwachsenen in 1:1 Betreuung für ihn waren. Er durfte lernen, dass jeder Mensch anders mit etwas umgeht. Jeder andere Möglichkeiten und Grenzen hat. Aber er konnte in diesen kleinen Rahmen viel für sich lernen, weil er nicht mit zu vielen Reizen überfordert war. Und nach einigen Monaten, in denen er mich als Vertrauensperson noch in der Nähe behalten wollte; nach vielem Auf und Ab, Verweigerungen und Meltdowns, konnte er sich irgendwann mehr von mir lösen und sich auf die andere Person einlassen.

Trial and error.

Versuchen und scheitern.

Immer und immer wieder.

Ich kann sagen, dass ich in den vergangenen Jahren vieles ausprobiert und versucht habe, um mein Kind mit anderen Menschen – klein und groß – in Kontakt zu bringen. Ich habe ihn immer bestärkt, aber Worte gehen manchmal nicht so tief, wie eigene Erfahrungen. Und oft durfte ich erkennen: Mein Kind hat ein eigenes Tempo. Ein eigenes Programm. Egal, welche Empfehlungen für Kinder in seinem Alter ausgesprochen wurden – selten hat es zu ihm gepasst. Dieser kleine Mensch hat mich immer wieder innehalten lassen, um zu erkennen, dass Vergleiche schädlich sind für den wertfreien Blick auf mein Kind (und alle Menschen). Er hat mich wieder und wieder dazu eingeladen, seinem Tempo zu vertrauen. Ich kann versuchen, Impulse zu geben. Anregungen. Kreative Wege finden, um gemeinsam ans Ziel zu kommen. Aber wenn in diesem kleinen Köpfchen gewisse Entwicklungsschritte noch nicht dran sind, ist alle Mühe beinahe umsonst.

Und so standen wir in diesem Jahr vor dem großen Thema Schule. Da klopfte die Pflicht an, unser Kind beschulen zu lassen. Ich begann bereits nach einer passenden Schule zu suchen, als er noch vier Jahre alt war. Klar war: Kleine Klasse. Keine Noten. So wenig Druck, wie möglich. Ich fand eine passende Schule. Hatte ein gutes Gefühl. Herzenskind sagte sogar, dass er sich auf Schule freue.

Ich war guter Dinge.

Und wurde eines Besseren belehrt.

Mal wieder.

Wie auch in den Jahren zuvor, spürte ich mit jedem neuen Vorhaben große Hoffnung und Aufschwung in mir, denn es wäre für unseren Alltag ein positiver Auftrieb und eine Bereicherung. Da war stets sowas wie ein Lichtblick für mich, dass ich mich aus der dauerhaften Verfügbarkeit und Präsenz lösen kann, wenn mein Kind Vertrauen aufgebaut hat. Dass er Erfahrungen ohne meine Beisein sammeln kann, denn das wünsche ich ihm sehr.

Doch nun durfte ich erneut verstehen, wo die speziellen Herausforderungen für Menschen im Autismus-Spektrum liegen können. Ich durfte schmerzlich begreifen, dass das Nervensystem meines Herzenskindes so empfindsam ist, dass alle Vorfreude und alles Wollen (noch) nicht ausreicht, um den Anforderungen einer reizvollen Umgebung zu begegnen. Und das darf ich vielen Menschen erklären. Dieser Rahmen passte wieder nicht. Trial and error.

Aber ich lasse mich davon nicht entmutigen. Ich weiß, dass wir einen Weg finden werden. Einen passenden Rahmen, in dem mein wundervolles Kind seine Erfahrungen und Fortschritte machen wird – und ganz nebenbei hört das Lernen ja nicht auf, im Gegenteil. Ich durfte noch einmal erkennen, dass da Wünsche und Vorstellungen für mein Kind in mir schlummern, die ich immer wieder hinterfragen darf – denn passt das auch wirklich zu diesem kleinen Menschen oder lege ich gedanklich nicht auch schon eine Schablone über die Individualität meines Kindes? Ich lese häufig, dass Eltern von Kindern im Autismus-Spektrum so unwahrscheinlich viel über sich selbst und das Leben lernen dürfen, weil alles Mögliche hinterfragt werden darf. Und so hinterfragte ich in den vergangenen Wochen sehr, wie sich die Allgemeinheit ‚Eingewöhnung‘ und ‚Training‘ für Menschen im Autismus-Spektrum vorstellt, wie Inklusion funktioniert und inwiefern selbst Förderschulen an diesem Begriff scheitern, weil alles mit den dort tätigen Menschen steigt und fällt.

Wir versuchen weiter. Und weiter. Werden scheitern, immer wieder – ganz sicher. Aber es wird uns weiterhin die Augen für den individuellen Weg öffnen, den unser Kind eben gehen möchte.