
Fünf Uhr morgens. Mit dem Wissen, dass wir heute Vormittag zu einem Termin fahren werden, lässt mich mein Unterbewusstsein deutlich vor dem Klingeln meines Weckers erwachen.
Irgendwann ein zartes Tippen auf meinem Rücken – Herzenskind möchte kuscheln. Ich drehe mich um. Seine zarte Stirn an meiner Wange. Warme Körper dicht aneinander. Ich höre an seinem Atem, wie der kleine Mensch wieder einschläft. Frieden. Jeden Morgen. Zu spüren, wie mein Kind sich fallen lässt, sich in Sicherheit wiegt und in den Schlaf findet ob meiner bloßen Anwesenheit, erfüllt mich mit unendlichem Frieden und Glück.
Mein Verstand schaltet sich ein. Der gestrige Tag geht mir noch einmal durch den Kopf. Ein Tag, an dem ich wieder tiefe Prägungen und Wunden gespürt habe. Ein Tag, an dem ich gereizt und genervt war. Warum? Weil ich manchmal gerne das Ruder meiner Familie aus der Hand geben möchte – für Momente. Mich in Sicherheit wiegen möchte: Das läuft auch ohne mich. Und es scheint nicht zu gehen. Wut kommt auf, sobald Absprachen nicht eingehalten werden können – aus Gründen, für die ich Verständnis habe, deren Auswirkungen allerdings ich ausgleiche.
Das erschöpft.
So sehr.
Ich spreche Dinge aus, die in mir brodeln und sehr wahrscheinlich bei den Menschen, mit denen ich meinen Alltag teile, unfair erlebt wird. Auch ich finde manches im Zusammenleben unfair. Lösung dafür? Keine Ahnung.
Sag einfach direkt, was Du willst. Dann mache ich das.
So einfach ist das?
Natürlich, Aufgaben klar zu deligieren ist der Weg. Warum gelingt es mir manchmal nicht?
Weil ich die unterschiedlichen Tagesrhythmen und damit verbundene Phasen von Aktivität bei uns allen sehe. Weil der eine vormittags Höchstleistungen vollbringen kann und der andere spätnachmittags und abends. Da kollidieren Bedürfnisse, Fähigkeiten und Grenzen miteinander. Hinzu kommt, das Wechselschichten keine richtige Regelmäßigkeit in der häuslichen Aufgabenverteilung ermöglichen – weil, wenn der Erwerbstätige weg ist, muss es ja erledigt werden. Die Annahme, dass freie Tage und Urlaub automatisch bedeuten, dass der Erwerbstätige die Aufgaben erkennt und mit eigener Initiative loszieht, geht bei uns leider nicht auf.
Und das bringt mich stets auf die Palme.
Dann spüre ich meine Prägungen. Wie es früher in der Kindheit daheim lief und das manchmal unfair war. Wie ich später einige Jahre mit meiner Mutter allein lebte und daheim irgendwie alles ohne Absprachen lief – trotz Schichtdienst bei uns beiden. Ich konnte mich darauf verlassen, dass sie etwas machte, was ich nicht mehr schaffte und umgekehrt – ohne Erinnerung, ohne Zettelschreiben.
Und genau das frisst zusätzlich Energie. Delegieren und Aufgabenverteilen klingt so einfach – ist es in unserem Kontext tatsächlich nicht. Denn es gibt Phasen im Dienstplan, die den Biorhythmus meines Herzmenschen so durcheinander bringen, dass ich froh bin, wenn er irgendwie genug Schlaf findet und weiß, welchen Wochentag wir haben. Erstelle ich zusätzlich einen festen Plan mit häuslichen Aufgaben, muss ich trotzdem weiterhin daran erinnern – denn auch der Plan wird vergessen.
Und das erschöpft mich an manchen Tagen sehr.
Weil ich Verlässlichkeit mit Sicherheit verknüpfe. Und sobald sich mein System nicht sicher fühlt, kommt Drama in mir auf. Dann spüre ich zunächst Wut, die Raum braucht, um anschließend Platz für Traurigkeit zu machen. Genau da liegt nämlich der Hund begraben. Es ist eine Traurigkeit darüber, dass ich seit langer Zeit überlege und ausprobiere, wie ich mich effektiv entlasten kann – und egal, in welche Richtung ich mich bewege, es einfach nicht funktioniert. Weil unsere Nervensysteme so störanfällig sind. Weil Pläne und Strukturen oftmals einengend empfunden werden. Weil Übergänge und Veränderungen gut aufgefangen werden müssten – es uns aber oft nicht gut gelingt, was ich daran sehe, dass sich freie Tage und Urlaub bei Herzmensch wie ein freier Fall anfühlen. Weil wir uns dann jedes Mal neu finden müssen daheim, wenn plötzlich der dritte im Bunde rund um die Uhr anwesend ist, statt sonst nur stundenweise.
Manchmal ist drei einer zuviel.
Und das macht mich traurig. Denn da ist irgendeine Vorstellung von Familie im Kopf, von der ich mich seit Jahren und mit dem Wissen unserer Autismus-Spektrum-Störungen verabschiedet habe – weil wir es nicht erfüllen können. Ich komme in der Akzeptanz an. Dennoch spüre ich an manchen Stellen immer noch, dass mich was piekst – und als ich gestern wieder zur Drama-Mama (Dramama) mutierte, wurde mir unter Tränen nochmal etwas klarer, was da so piekst.
Was liegt der wiederkehrenden Wut zugrunde?
Viele Gründe. Allem voran wurde mir nochmal klar, wie komplex und wenig intuitiv menschliches Zusammenleben so ist. Dass es schön ist, alle Bedürfnisse im Blick zu behalten, es aber dennoch nicht für alle stets zufriedenstellend laufen kann. Dass jeder eine unterschiedliche Frusttoleranz hat je nach individueller Verfassung – und im ungünstigsten Fall alle drei gleichzeitig nur noch einen Tropfen Öl brauchen, um das Feuer zu entfachen. Und das frustriert mich, macht mich tief in mir drin traurig. Weil ich es mir anders wünschen würde – aber ich oft keine Ahnung habe, wie ich das lösen soll.
Meiner Wut liegt eine Hilflosigkeit zugrunde.
Gestern zeigte sich das mal wieder in geballter Form, sodass ich eigentlich unnötig mit Herzmensch in die Diskussion ging – denn am Ende wussten wir das, was wir eh schon wussten. Aber wie heißt es so schön: Wiederholung macht den Meister.
Was bleibt zurück?
Gestern Abend: Tiefe Erschöpfung durch die vielen Tränen und Gefühle, die mich durchwanderten.
Heute Früh: Reue. Scham. Meinem Herzenskind gegenüber, der die Diskussion still miterlebte und von dem ich hoffe, dass sich abspeichert, wie seine Eltern schließlich wieder aufeinander zugehen, weil es beiden Leid tut, wie es gelaufen ist. Und auch meinem Herzmensch gegenüber fühle ich mich nach solchen Momenten schlecht. Denn mit meinen Worten habe ich bei ihm in Wunden gepiekst, die meinen an gewissen Stellen ähnlich sind: Nicht genug zu sein. Unfähig zu sein.
Und eigentlich ist alles gut, merken wir dann immer wieder. Zwischen uns. Uneigentlich laufen da aber Prozesse in jedem von uns, die Energie anzapfen und deren Ursprung weiter zurückliegt, als wir denken können.
