Aus der Reihe

Der Tag danach. Nach dem Tag mit dem Gefühl voller Sinnlosigkeit und Schwere, folgte der bewusste Ausflug raus, ab in den Wald.

Ich schlendere mit meinen Herzmenschen durch dieses Waldstück, das an jenem Tag von nur wenigen Menschen aufgesucht wird. Die Frühlingssonne erwärmt bereits so die Luft, dass die dicken Jacken im Bollerwagen verbleiben. Wie schön sich das Licht einen Weg durch die laublosen Bäume sucht. Überall sind Vögel zu hören, deren Klang in dieser dichten Ansammlung von Bäumen einen ganz besonderen Widerhall erzeugt. Immer wieder bleibe ich stehen, höre ganz bewusst hin. Die Bäume knacken und knarzen, als würden sie sich aus einem langen Winterschlaf erheben und strecken. Zwischendrin haben sich bereits die ersten Schneeglöckchen und Krokusse den Weg an die Oberfläche gebahnt, um uns zu zeigen: Der Frühling naht.

Ich atme ein. Atme aus. Drehe mein Gesicht zur Sonne. Ich denke an den Tag zuvor. An dem alles bleiernd schwer auf mir lag. Das ganze Leben. Jedes Wort, jede Geräusch, jede Bewegung – alles zu viel. Ich war ein Schatten meiner selbst. Schattenseite. Sie gehört zu mir. Die Dunkelheit meiner Seele. Die Tiefe, in die ich niemanden mit hinabreißen will. Solche Tage lassen mich weiterhin mit schlechtem Gewissen meiner Familie gegenüber zurück. Mein Kind, das in das leere Gesicht blickt und am Abend einfühlsam sagt: Mama, du hattest heute keinen guten Tag, oder? Er hat es schon verstanden. Und er kann mich so sein lassen. Dennoch frage ich mich stets, was es mit seiner Seele macht.

Wir bahnen uns den Weg durch das Geäst. Bleiben immer wieder stehen. So viel zu entdecken. So viel, womit man sich spielerisch beschäftigen kann. Herzenskind lädt mich zum Rollenspiel ein. Wünscht sich meine ungeteilte Aufmerksamkeit, die immer wieder zu der Schönheit dieses Waldstücks abdriftet.

Herzmensch bleibt stehen. Sieht einen Baum, der imposant gewachsen ist und macht mich darauf aufmerksam. Ich blicke zunächst zu dem ungewöhnlich gewachsenen Baum. Sehe danach die Umgebung. Beinahe ohne benachbarte Bäume steht er in einer Präsenz dort, die unübersehbar ist. Im Hintergrund die geradlinig gewachsenen Schattenspender.

Ich muss lächeln. Er tanzt aus der Reihe. Was für ein Sinnbild. Für unseren Weg mit unserem Kind. Irgendwie in der Gemeinschaft, aber irgendwie am Rande. Ganz individuell. Mit Wiederkennungswert. Auch er hat eine Funktion in diesem Wald. Auch er wird bald wieder in Saft und Kraft stehen, Schatten und Sauerstoff spenden. Wird einigen Tieren ein Zuhause sein.

Der Wald schert sich nicht darum, ob ein Baum aus der Reihe tanzt. Die anderen wachsen intuitiv herum. Und unter der Oberfläche sind alle miteinander verbunden. Alle ein Teil des großen Ganzen.

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