
Schwarz auf grau stehen sie gedruckt. In Worten ausgeschrieben – weil Abschlusszeugnis. In der zehnten Klasse der Realschule habe ich das beste Zeugnis meines Jahrgangs abgeliefert. War ich richtig stolz drauf. Vor allem, wenn ich den Kontext betrachtete: Im letzten Halbjahr auf der Realschule trennten sich meine Eltern endgültig. Mich hat’s emotional nicht so sehr mitgerissen. Ich habe mich in Arbeit gestürzt. Wollte meine Abschlussprüfungen rocken. Immer mit dem Mantra im Kopf: Guter Schulabschluss – guter Job.
Mein Plan stand: Abitur. Medizinstudium. Ich war strebsam. Bemüht. Erfüllte Anforderungen und Erwartungen. Klammerte alles aus, was mir Konzentration und Kraft raubte – zumindest versuchte ich es, doch es gelang eher selten. In meinem Klassenverband der 10.Klasse fühlte ich mich fehl am Platz. Nicht zugehörig. Im vergangenen Jahr habe ich die Abschlusszeitung dieser Zeit entsorgt, nachdem ich das Foto noch einmal betrachtete und erkannte: Ich saß da irgendwie allein. Alle auf Abstand. Wer will schon mit einem Streber befreundet sein?

Es ging weiter. Drei Jahre Gymnasium. Mit einmal Stundenpläne bis in die Nachmittagsstunden. Während sich die 11.Klasse noch wie ankommen anfühlte, stieg der Anspruch und Druck ab der 12.Klasse merklich an. Es wurde ernst. Ich hatte mein Ziel vor Augen. Ich war motiviert. Angetrieben. Wollte mündlich und schriftlich ordentliche Leistungen abliefern. Aber mein Kopf? Ständig wo anders. Immer wieder zusammenreißen. Das hier ist wichtig. Ständig das Analysieren von Verhalten der Lehrer und Mitschüler. Wiederkehrend die Herausforderungen im privaten Umfeld – familiär, finanziell. Eine Operation. Etliche Umzüge. Nebenjobs. Es war irre viel für mein System. Im Laufe des letzten Schuljahres zeichnete sich ab: Der Schnitt würde nicht reichen für’s Medizinstudium. Eine Alternative musste her. Ich bewarb mich für unzählige Ausbildungsplätze im Gesundheitswesen. Für viele war ich überqualifiziert. Für manche fehlte Berufserfahrung (ich lache heute noch darüber). Ich ackerte ohne Unterlass. Nahm schließlich noch Nachhilfe in Mathe, um irgendwie die Abiturprüfungen zu schaffen. Diese waren schließlich keine Glanzleistung und zeugten davon, wie ausgebrannt und überfordert ich war. Als klar war, dass ich mein heißersehntes Medizinstudium nicht beginnen könnte, resignierte ein Teil in mir.
Zweikommafünf. Unglaublich, dass ich noch einen so vorzeigbaren Abischnitt erarbeitet habe – bei all dem, was neben Schule noch so lief. Ich war dennoch stolz und dachte viele Jahre: Das zeugt von einem Stück Intelligenz. Heute? Blicke ich anders darauf. Mit meinem Schlafmangel- und Carearbeit-zermatschten Gehirn empfinde ich mich nach all den Jahren kaum noch als Allgemeinbildungs-intelligent. Selbst das ganze Wissen meines Krankenpflege-Examens, das ich mir für einen sehr guten Abschluss meiner Ausbildung ins Gehirn maltretierte, liegt in den Tiefen meiner Gehirnwindungen verborgen und verstaubt ohne Unterlass. Intelligenz und IQ betrachte ich heute aus einer anderen Perspektive.
Ich blicke auf meine Zeugnisse und sehe heute, wie ausgeprägt meine Fähigkeit zur Anpassung war. Wie sehr ich bestrebt war, gute Leistungen abzuliefern, Anforderungen zu erfüllen – bloß keinen Ärger machen, denn das fühlte sich sicher an. In meinem System hat sich abgespeichert: Ich bin nur wertvoll und habe keinen Stress mit den Menschen, wenn ich Leistungen bringe. Wenn ich Erwartungen und Anforderungen mit Bravour erfülle.
Bekomm‘ das mal wieder raus.
Vielleicht sollte ich die Zeugnisse verbrennen und schaffe damit einen bewussten Abschied von diesem großen Lebensabschnitt, der mich emotional so nachhaltig geprägt und letztlich nichts von dem übrig gelassen hat, was sich die Erfinder dabei gedacht haben. Heute, jetzt, darf ich vieles noch einmal neu lernen. Wiederholen und auffrischen, wenn ich mein Kind auf seinem Weg der Bildung begleite. Vielleicht bleibt dann etwas mehr hängen.
