Nicht mehr, nicht hier

Sobald ich eine Verabredung, ein Zusammenkommen mit anderen Menschen habe, bereite ich schon gewisse Dialogsfetzen in mir vor. Ich rechne mit gewissen Fragen und Gesprächsthemen und möchte mir selbst ein Stück Sicherheit herstellen, dass ich nicht gänzlich unvorbereitet nach Antworten suchen muss – die mir im Nachgang eventuell unangenehm sein könnten.

Besonders im Fall von neuen Bekanntschaften wird ein gewisser Fragenkatalog aufgerollt und abgearbeitet, um den anderen für sich einordnen zu können. Treffe ich neue Eltern, ergeben sich unweigerlich einige, typische Fragen. Auch im Kontext von Hilfen für Herzenskind, stolpere ich immer wieder über genau eine Frage:

Hat er Geschwister?

Ich schwanke dann zwischen:

Nein. Oder: Nicht auf der Erde. Oder: Nicht mehr, nicht hier.

Da ein Teil von mir auf diese Frage immer ehrlich antworten möchte, komme ich innerlich in eine Zwickmühle. Denn immerhin gab es meinen ersten Sohn. Er machte mich bereits zur Mutter, lange vor meinem Herzenskind. Habe Erfahrungen als Mutter vor meinem Herzenskind gesammelt. Ich habe zwei Kinder geboren. Nur habe ich nicht den Alltag einer Mutter mit zwei Kindern. Etwas in mir möchte zeigen: Hey, ich mache das nicht zum ersten Mal, dieses Mutterding. Natürlich, ich mache es zum ersten Mal für mein Herzenskind. Doch ich gehe nicht gänzlich naiv und unerfahren in die Elternschaft.

Aber dann bin ich bei mir.

Was genau ziehen die Menschen für Informationen aus dieser Frage? Geht es dabei um die Einordnung, ob mein Kind mit Geschwistern aufwächst und daraus gewisse Verhaltensweisen erklärbar werden? Geht es um meine Fähigkeit und Kompetenz als Mutter, denn habe ich nur ein Kind und ist dies meine erste Erfahrung der Elternschaft, könnte die Einordnung anders ausfallen, oder?

Ich könnte fragen, welche Erkenntnisse die Menschen für sich aus dieser Frage ziehen. Sie wird so einfach gestellt – ebenso wie die Fragen nach Job und ob weitere Kinder geplant sind. Manchmal sind die Antworten darauf nicht so einfach.

Oder doch?

Ich kann schon einen gewissen Unterschied für mich verzeichnen: Fülle ich Fragebögen aus, die mein Herzenskind betreffen – beispielsweise bei Anträgen für Hilfen – kann ich ganz klar Nein auf die Geschwisterfrage antworten. Denn dabei geht es um mein Herzenskind. Im Jetzt. Diese Information, dass da mal ein Kind war, hat keine Relevanz in diesem Moment.

Komme ich allerdings mit anderen Eltern ins Gespräch, baut sich mit Menschen eine gewisse Basis auf – so spüre ich schon den Wunsch in mir, auch mein erstes Kind zu erwähnen. Mittlerweile spielt die Sorge nicht mehr eine all zu große Rolle, dass ich damit Menschen so schockieren könnte und sie später das Weite suchen. In den meisten Fällen wird es betroffen angenommen, manchmal kommen Fragen. – doch eine Art inneres Ausweichen spüre ich bei den anderen häufiger.

Es spielt im Jetzt oft keine Rolle mehr. Dass mein erstes Kind gestorben ist, hat für die meisten Menschen keine große Relevanz. Das ist okay. 

Und so darf ich bei der Frage nach Geschwistern einfach immer mehr nach meinem Gefühl gehen. Danach, ob es mir in jenem Moment wichtig ist, ihn zu erwähnen und selbst abwägen, ob es eine Relevanz hat.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.