Der ewige Unterschied

Ich kenne es nicht anders.

Mein gesamtes, bisheriges Leben.

Mit dem – ja, nennen wir es – Dogma aufgewachsen: Wir unterscheiden uns. Schwarz und weiß. Laut und leise. Es wurde mein innerer Kompass. Der Blick stets darauf gerichtet, was anders am anderen ist. Gemeinsamkeiten? Nicht viele. Wenn, dann nicht so offensichtlich. Es schlich sich über die Jahre das Gefühl in mir ein: Ich muss alles mit dem anderen teilen – obwohl ich nicht wollte. Und so erlebte ich unzählige, vermeintlich harmlose Momente, die sich für mich groß und übergriffig anfühlten – denn aus meinem sollte unser werden, dabei stand nirgends geschrieben, dass darauf ein Anrecht bestand.

Und so fügten sich fortwährend ganz unbemerkt weitere Überzeugungen hinzu, die ganz nah damit verwandt waren: Einer ist klüger. Einer ist vorausschauender. Und der andere ist immer das gegenüberliegende Extrem daneben. Jeder von uns zu irgendwas. Scheinbar.

Nebeneinander. Klappte für mich besser. Miteinander nur selten – auch wenn ich es stets versuchte. Da waren Energien und etwas zwischen den Zeilen. Etwas, das körperlich für mich deutlich spürbar war. Das laut in mir wurde, wenn ich im Außen verstummte. Weil ich etwas ungerecht fand. Unehrlich. Weil ich nicht verstehen konnte, was für den anderen selbstverständlich schien. Da prallten wiederkehrend unterschiedliche Wahrheiten aufeinander – und ich hatte stets das Gefühl, dass meine Wahrheit übergangen wurde. Mit großer Sicherheit kann ich sagen: Es wird auf beiden Seiten so empfunden.

Stets mit dem Gedanken „Ich meine es gut“, wollten wir den anderen zu etwas bewegen, das außerhalb seiner Komfortzone lag. Außerhalb seiner natürlich angelegten, inneren Orientierung. Es krachte. Wieder und wieder. Es folgten Phasen von Funkstille und Rückzug. Ich hatte den Eindruck, dass ich mehr Raum und Zeit benötigte, um mich danach zu sammeln und zu ordnen. Denn jede neue aufreibende Situation erinnerte mich an Momente, die ähnlich waren. Und es zeigte sich fortwährend: Da hat sich im Kern nichts verändert. Die Auslöser waren andere, aber holten stets die gleichen Themen und Überzeugungen an die Oberfläche. Genau da kollidierte es dann. Weil sich unsere Überzeugungen unterschieden. Beim anderen? Rückschau und Verknüpfung von Gemeinsamkeiten der Situationen kaum bis gar nicht möglich. Vergessen oder aktives Ausblenden zum Selbstschutz oder tatsächlich fehlende Perspektivübernahme?

Ich habe immer darunter gelitten. Weil es scheinbar nicht sein sollte. Das Miteinander. Obwohl es erwartet wurde und angeblich normal sein sollte. Denn stets fühlte es sich an, als würde ich mich in einem Minenfeld auf den anderen zubewegen – immer mit der stillen Gewissheit und dennoch in einer Anspannung: Eine verkehrte Bewegung. Ein falsches Wort. Es wird explodieren. Und so bin ich seit vielen Jahren damit beschäftigt, die Splitter der detonierten Minen aus den Wunden zu entfernen, die jede Explosion auf meiner Seele hinterließ. Körper und Geist brauchten jedes Mal Zeit, sich wieder auszurichten – denn die Erschütterungen brachten alles aus dem Gleichgewicht.

Irgendwann wurde ich müde davon. Von den Wiederholungen dessen, was ich eigentlich verhindern wollte, aber nicht konnte. Ich spürte, was es mich kostete. Diese Anspannung. Dieses Lauern. Dieses Evaluieren und Reflektieren im Nachgang. Ich lenkte den Blick mehr auf mich und wie ich mit diesen explosiven Situationen, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach wieder und wieder zutragen würden, besser umgehen könnte. Ich wollte meine begrenzte Lebenszeit nicht mehr darauf verwenden, mich zu ärgern – über etwas oder jemanden.

Und so ging ich in Therapie. Arbeitete auf. Ich kann sagen: Es war wirklich harte Arbeit. Schmerzhaft. Denn da zeigten sich Tatsachen und Wahrheiten, mit denen ich jahrelang lebte – immer einen bitteren Beigeschmack verdauend. Mir wurde klarer, dass wir beide etwas Eigenes mitbrachten und uns gegenseitig oft eher negativ verstärkten in dem, was wir am anderen nicht so ganz akzeptieren konnten. So bewegte ich mich innerlich fortwährend zwischen der Akzeptanz des Anders-Seins und dem Versuch, ein Miteinander zu leben, das sich für mich gut anfühlte. Ich lebte in einer Pendelbewegung zwischen Bedürfnissen und Wünschen, die sich weiterhin voneinander unterschieden. Immer wieder zeigte sich: Da sind große Erwartungen für das Miteinander im Raum, denen ich nicht gerecht werden konnte.

Das Leben bereitete mir eine schwere Aufgabe. Was sich wie meins anfühlte, wurde zu unserem gemacht – dabei erlebte es jeder anders. Ich erlebte immer und immer wie Überschreitung von meinen Grenzen. War ratlos, wie ich meine Sicht der Dinge dem anderen verständlich machen konnte – denn es wurde als persönlicher Angriff empfunden, Abwehr hochgefahren und keine Einsicht gezeigt, dass derjenige selbst Fehler machen könnte. Niemals, wirklich niemals hörte ich eine Entschuldigung. Niemals Worte, die im Ansatz erkennen ließen: Da hinterfragt jemand sein eigenes Verhalten. Nein. Das tat nur ich. Mit schlechtem Gewissen, das mir im Umkehrschluss immer und immer wieder gemacht wurde – statt eigenes Fehlverhalten einzugestehen. Da wurde Verantwortung auf eine Seite geschoben. So fühlte sich für mich nach all den Jahren nichts mehr in Waage an. Ich spürte eine Last, die den anderen gekonnt aus seiner Selbstverantwortung ablöste.

Irgendwann. Erneut eine schwere Aufgabe. Diesmal war der andere näher dran. Direkter betroffen. Mir war klar: Mit dem, was mir meine schwere Aufgaben an Lebensweisheit mit gab, könnte ich haltend und unterstützend da sein. Wusste bereits tief in mir drin, vorahnend, was sich alles auftun würde – denn große Gefühle schlugen stets große Wellen und rissen oft andere mit in die Tiefe, weil nie so richtig gelernt wurde, darin zu  schwimmen. Denn: Ich bin eben so. DAS Totschlagargument. Doch ist es fair, nur einem dieses So-Sein zu gewähren, während alle anderen sich drumherum basteln und Teile von sich selbst aufgeben?

Immer wieder. Neue Erkenntnisse in mir. Sehe Parallelen. Schaue nochmal tiefer. Weil: Ich möchte den anderen verstehen und warum es was mit mir macht. Komme dahin: Es braucht Mitgefühl, aber nicht Mitleid – und da liegt die Diskrepanz zum anderen, der Loyalität daran misst, das doch alle genauso empfinden müssten, wie er. So lerne ich, mich innerlich abzugrenzen und klar zu bleiben. Eine Haltung einzunehmen, die auf Verständnis für das So-Sein aller Beteiligten aufbaut. Möchte mich mehr darauf besinnen, was verbindet und nicht weiterhin, wie es gewohnt war, dahin zu schauen, was unterscheidet. Ich darf einen Weg finden, der sich für mich gut anfühlt, um Miteinander möglich zu machen. Und wenn nicht Miteinander, dann eben Nebeneinander. Ich lerne, das Drama des anderen nicht mehr meine Verantwortung werden zu lassen – auch wenn der andere weiterhin in der Überzeugung lebt, dass es so ist.

Ich lasse los. Stück für Stück. Entscheide mich für den Frieden. Und der beginnt in mir.

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