An die Dame, die heute morgen scheinbar die Welt retten musste:
Eventuell warst du gestresst. Unter Zeitdruck. Bist vielleicht ein bisschen zu spät aus dem Haus gekommen und wolltest dennoch versuchen, pünktlich bei deiner Arbeitsstelle anzukommen. Das ist löblich.
Und während so dein Cortisolspiegel auf Anschlag war, signalisierte dir ein kleiner Teil deines Nervensystems: Gefahr! Flucht! Oder doch „auf in den Kampf“? Jedenfalls hatte ich diesen Eindruck, als du mit deinem großen Geländewagen um dein tüchtiges Leben gefahren bist.
Eventuell hast du das irgendwann mal gehört: Im Straßenverkehr sollte man vorausschauend fahren. Das hast du getan. Auf deine Weise. Denn die Schlange an der roten Ampel vor dir war offenbar zu lang und du hattest in deiner Notlage einen grandiosen Einfall, für den dich dein System mit einem ordentlichen Dopaminausstoß belohnte: Reaktionsfreudig, wie du an diesem Morgen warst, bogst du flott auf den daneben liegenden Supermarkt-Parkplatz ab. Entgegen der Hinweise, sich auf dem Parkplatz an entsprechende Geschwindigkeiten und Regeln zu halten, fuhrst du mindestens drei Mal so schnell an parkenden Autos und den glücklicherweise wenigen Passanten vorbei. Zu diesen zählte auch ich. Und mein Kind.
Ich sah dich mit deinem riesigen, modernen, benzin-assimilierenden Kraftfahrzeug L-förmig über den Parkplatz heizen, von dem du schließlich mit Vollgas und quietschenden Reifen links abgebogen bist, um noch schnell die Grünphase für die Rechtsabbieger zu erwischen. Du hattest es geschafft. Du hattest diese lange Schlange an der roten Ampel clever umfahren und bist vor ihnen auf der Straße angekommen, die du mit rund dreißig Sekunden Wartezeit noch befahren hättest.
Ich stand an meinem knapp dreißig Jahre alten Auto und schwankte zwischen Faszination und Fassungslosigkeit. Denn während ich an einem kleinen Punkt wirklich erstaunt darüber war, wie schnell dein Reptiliengehirn an diesem Morgen schaltete, um sich diesen Zeitvorteil zu verschaffen – da war ich gleichzeitig über deine Dreistigkeit, über deine Rücksichtslosigkeit und deinen Egoismus schockiert. Alles in ähnlichen Bruchteilen von Sekunden, wie auch du diese Entscheidung zu deinen Gunsten getroffen hattest.
Und weißt du: Es ist nicht die erste Situation auf einem Parkplatz, die mich dazu anhielt, mein Kind daran zu erinnern, am Auto zu warten. Für mein Kind übernehme ich gerne Verantwortung – denn ich möchte sein Leben schützen. Ich weiß, dass mein Kind in seinem Alter noch nicht den Rundumblick für den Straßenverkehr entwickelt hat. Dass seine Körpergröße ein Risiko ist – denn nicht nur er kann damit nicht alles überblicken, sondern auch Autofahrer können ihn noch übersehen. Aber weißt du, zu was ich gezwungen bin wegen Menschen, die so rücksichtslos und riskant durch den Straßenverkehr fahren? Richtig: Ich übernehme automatisch Verantwortung für ihre Dummheit. Während Menschen, wie du, unbedingt mit mehr Drehzahl durch die Straßen heizen wollen, bin ich dazu angehalten, die Mehr-Umdrehungen in meinem Kopf zu fahren – den ich muss damit rechnen, dass ihr so verantwortungslos umher fahrt.
Würde ich dich damit zur Rede stellen, käme sicher nur lapidar: Ist doch nichts passiert. Dann würde ich dich liebevoll korrigieren und sagen: Es ist noch nichts passiert. Ich frage mich, ob du dein Fahrverhalten erst änderst, wenn du wirklich mal einen Menschen überfahren hast – denn mit deinem riesigen Fahrzeug wäre das keine Schwierigkeit.
Heute Morgen wurde wieder mal deutlich, dass man das Wörtchen „umfahren“ auf zwei Arten verstehen kann: Während du dachtest, es ist total clever mit deiner geschickten Fahrweise eine Wartezeit an der Ampel zu umfahren – kannst du mit deiner Fahrweise wirklich jemanden oder etwas umfahren. Aber das sind ja nur Kleinigkeiten. Und an denen hältst du dich sicher nicht so lange auf, wie ich. Ebenso wenig, wie dich ein Bußgeldbescheid für die Überschreitung der Geschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften interessiert, der hoffentlich nach diesem morgendlichen Fluchtversuch als Andenken in deinem Briefkasten landet, weil rund 100 Meter nach der Rechtsabbiegerspur eine Radar-Anlage aufgestellt war. Die paar Euro, wirst du dir in deinem überteuerten Benzinschlucker denken. Was kostet schon die Welt? Ich kann’s mir leisten. Dann hoffe ich für dich, dass du dir niemals das Schmerzensgeld für ein angefahrenes Kind leisten musst. Oder aber für die überfahrene, ältere Dame, die es nicht mehr rechtzeitig über die Straße schaffte, als du es mal wieder eilig zu deiner Arbeit hattest.
Ich übertreibe? Vielleicht. Aber ich gefährde mit meinen Theorien keine Menschen. Du hingegen, mit deinem praktischen Fahrstil, schon. Für dich ist es „ein Kick für den Augenblick“. Für jemanden anders wird es irgendwann zum letzten Augenblick, bevor er aus dem Leben gekickt wird.
