Mitgefühl

Wenn die eigenen Akkus leer sind, fallen uns viele Dinge schwer. Nach so manchen unruhigen Nächten, ständigem Funktionieren und wenig Ruhezeit geht bei uns immer mehr das Mitgefühl und die Geduld für den anderen verloren. Da reicht es dann gerade so für das eigene Mitgefühl mit sich selbst, das ja essentiell ist, um es auch für andere empfinden zu können, so heißt es immer.

An manchen Tagen macht es mich so traurig für uns, dass wir so am Limit laufen. Dass unsere Belastungsgrenzen schon so überstrapaziert sind. Ich bin immer wieder in Sorge um meine beiden Herzmenschen und schaue, was sie brauchen. Doch es erschöpft mich. Denn ich kann nicht drei Menschen regulieren. Nicht dauerhaft. Ich bin traurig, dass von uns als Paar, aber auch jedem Einzelnen, zur Zeit oft  nicht mehr übrig ist als bloßes Funktionieren. Bricht einer weg, kompensiert der andere und rennt damit auch zielgerichtet in die Erschöpfung hinein. Wir spüren sehr deutlich, wo uns das Netzwerk fehlt, um besonders die kindliche Betreuung öfter aufteilen zu können. Das und die Care-Arbeit daheim ist größtenteils meine Aufgabe – doch generiert das kein Einkommen. Dafür buckelt mein Herzmensch unfassbar viele Wechselschichten, die ihm schon die meiste Energie abzapfen, wodurch für seine Familie und auch für sich selbst nicht mehr viel übrig bleibt.

Gerade jetzt, wo ich angeschlagen bin, sehe ich wieder sehr, wie fragil unser kleines Familiensystem ist. Es kann niemand komplett auffangen, wenn ich ausfalle. Mein Herzmensch ist gezwungen arbeiten zu gehen und mal eben so frei nehmen, damit er hier Zuhause übernehmen kann, kollidiert mit seinem Pflichtgefühl der Arbeit gegenüber. Das bringt ihn oft in eine moralische Zwickmühle, denn so gerne würde er mich mehr unterstützen und die Care-Arbeit aufteilen.

Und so arrangiere ich mich mit unserem Kindchen den Nachmittag lang auf dem Sofa, wo ich fiebernd und mit verstopfter Nase versuche, eine halbwegs angenehme Position zu finden, während mein Herzenskind die Zeit vorm Tablet verbringt. Mehr geht nicht. Anders wäre schön, keine Frage. Doch auch solche Tage gehören dazu und zeigen mir immer wieder, dass dieser kleine Mensch bereits in der Lage ist, Mitgefühl und Rücksicht zu zeigen. Natürlich hätte er lieber mit mir gespielt und es entsteht Reibung, wenn wir ihm erklären wollen, dass es eben gerade nicht geht. Irgendwann hat er dann auch deutlich gesehen und verstanden, wie schlecht es mir ging und konnte den Kompromiss eingehen, dass ein Sofatag ganz wichtig für mich und meine Genesung ist. So nervig Krankheit auch sein kann, so wichtig ist sie auch: Zum einen stärkt sie meinen Körper von innen heraus und zeigt mir dabei noch einmal, dass ich eine zeitlang nicht gut auf mich geachtet habe. Ich bin in der letzten Woche nicht nur sprichwörtlich heiß gelaufen. Zum anderen ist es auch für unser Kind wichtig zu sehen, dass wir als Menschen auch Grenzen haben und in Zeiten von Krankheit nicht so funktionieren, wie gewohnt und deswegen besonders gut auf uns achten dürfen. Unser Kindchen war da ja auch immer sehr intuitiv bisher und hat sich das genommen, was sein kranker Körper brauchte. Da durfte ich mir noch einmal eine Scheibe abschneiden, denn ich habe in der Vergangenheit auch oft versucht, schnell wieder funktionsfähig zu sein und die ganzen Symptome mit Medikamenten unterdrückt. Jetzt wäge ich viel mehr an, was ich aushalten und im Alltag zulassen kann. Natürlich wäre ein komplett ruhiger Tag im Bett mit viel Schlaf das Beste in so einer Phase, um den Infekt vor allem nicht zu verschleppen. Doch ich nehme mir auch so genügend Ruhe, wie möglich.

Gratwanderung. Immer wieder.

Ich wünsche mir sehr, dass unser Handlungsspielraum  auf lange Sicht größer wird. Ein besseres Netzwerk zur Betreuung unseres Kindes und finanziell etwas mehr Sicherheit würden unsere Akkus deutlich aufladen, sodass wieder mehr Energie da ist für all die schönen Dinge – neben dem Funktionieren.

Doch bei all der Anstrengung und den herausforderndem Zeiten spüre ich in meiner kleinen Familie immer etwas ganz tief im Kern: Liebe. Dieses unsichtbare Band, das alles zusammenhält. Und das gibt mir viel Halt und Sicherheit.