Versagerin

Luschenmutter, geht es durch meinen Kopf.

Immer wieder betitele ich mich selbst mit Begriffen, die ich zu keiner anderen Mutter sagen würde. Verrückt, oder?

Es gab im letzten Jahr immer wieder Begegnungen, die mich an meiner Haltung zu meinem Kind und zum Leben zweifeln ließen. Weil es eben alle so machen. Immer wieder sage ich, dass ich Dinge anders mache. Ich sehe vieles anders. Ich habe tiefe Überzeugungen, wie ich mein Kind begleiten möchte. Und reagiere im Stressmoment genau so, wie ich es nicht will.

Ich habe so manches Mal wenig Kraft und Geduld, mein Kind von etwas zu überzeugen, was ich jetzt gerade als sinnvoll für ihn erachte. Da begegnet mir krasse Gegenwehr, Ablehnung. Manche würden es als Trotz bezeichnen – ich sehe da das gesunde Bedürfnis nach Autonomie und Selbstwirksamkeit. Es liegt dann an mir, es mit sinnvollen Erklärungen für mein Kind plausibel und nachvollziehbar darzustellen. Denn es muss für ihn Sinn ergeben. Verständlich! Doch so manches Mal fehlt mir die Energie. So manches Mal möchte ich auch, dass er einfach nur macht. Ich spüre dann die Ungeduld in mir. Ich weiß, wieviel Macht ich hätte und mein Kind einfach zu etwas zwingen könnte. Unter Druck, unter Tränen. Unter Bauchschmerzen und gebrochenem Herzen. Warum sollte ich das tun? Wenn Situationen aus meiner Sicht schwieriger verlaufen und mein Kind nicht direkt bereit ist, mitzumachen, überlege ich zum einen, wie ich seine Gunst bekommen kann oder zum anderen, ob es wirklich sein muss. Das verbraucht mehr Ressourcen, als den kurzen Weg des Zwangs zu gehen. Das sind viele viele Gedankenschleifen am Tag, die ich extra drehe, weil ich das Zusammenleben mit Menschen so komplex finde und es nicht richtig finde, mein „Richtig“ anderen aufzuzwingen. Kompromisse finden braucht viel Zeit, Geduld und Verständnis für alle Beteiligten.

Doch dann bin ich in diesen Situationen. In denen andere Konsequenz von mir erwarten. In denen andere Eltern ohne Mitgefühl ihre Kinder zu etwas zwingen. In denen einem weinenden Kind kein Trost geschenkt und es ignoriert wird. In denen ich auf etwas verzichte, weil es uns beide in dem Moment zu viel kostet – und es sinnvoller wäre es später oder gar nicht zu machen. Dann denke ich wieder: Luschenmutter. Ich bin für dieses Mutterding offenbar zu sensibel. Packe mein Kind zu sehr in Watte. Bewerte alles viel zu dramatisch. Handele viel zu sehr aus meiner Angst heraus. Nicht mal die einfachsten Sachen bekomme ich hin.

Immer wieder lese und höre ich, dass ich die Expertin für mein Kind bin. Dass ich mein Kind am Besten kenne und einschätzen kann. Und ich mich bloß nicht von Meinungen anderer verunsichern lassen soll. Aber scheiße – das ist so schwer für mich. Immerhin habe ich mich jahrelang an den Werten und Normen orientiert, die ich heute sehr infrage stelle und kaum noch mit mir vereinbaren kann. Ich stehe innerlich auf einer Wippe und je nachdem, wo ich gedanklich mehr Gewicht drauf lege, kippt es. Es geht ständig hin und her in meinem Kopf. Und da fällt es dann besonders schwer, der sichere Hafen für’s eigene Kind zu sein. Sich in der Mutterschaft innerlich aufzuräumen und neu auszurichten ist wirklich eine krasse Nummer!

Wenn wir in unserem Alltag leben, habe ich mich mit vielen Dingen arrangiert. Wir finden immer wieder Wege, wie wir Situationen friedvoll und entspannt lösen können. Tausche ich mich dann aus oder soll unseren Alltag vor Menschen reflektieren, die weitreichende Entscheidungen für uns treffen müssen, begegnet mir entweder großes Erstaunen, weil sich andere kaum vorstellen können, dauerhaft so nah am Kind zu sein – oder es wird mir mit einem verständnislosen Lächeln begegnet, dass ja alle Kinder so sind und daran nichts intensiv zu werten ist. Alles eine Sache der Wertung. Doch genau das verunsichert mich zur Zeit immer wieder.

Liege ich mit meiner Einschätzung über mein Kind und unseren Alltag richtig? Dramatisiere oder untertreibe ich meine Darstellung? Ich verliere mich zwischenzeitlich so sehr in den Reaktionen von anderen Menschen, dass ich die Verbindung zu meinem Bauchgefühl kaum noch spüre. Immer mal wieder gehen mir die Worte durch den Kopf: Anderen geht es viel schlechter. Es gibt pflegende Eltern, die von meinem Alltag träumen. Heuchlerin.

Und dann merke ich es. Wie krass Mutterschaft von außen kommentiert, bewertet und kritisiert wird. Wie sehr das zur eigenen Wahrheit werden kann, wenn man sich nicht genug davor schützt. Die Erschöpfung von Müttern ist kein Geheimnis – doch wird sie immer wieder relativiert und abgewertet.

Gibst Du Dein Kind nicht in die Betreuung? Selbst Schuld! Kein Wunder, dass Du ausbrennst. Aber bitte übertreib nicht, denn Immerhin sind alle Kinder so! Mach doch bitte gleich zwei oder mehr Kinder, denn ein Kind ist kein Kind. Und halte mal den Ball flach, denn Du gehst ja nicht mal „richtig“ arbeiten. Deswegen darfst Du Dich eigentlich gar nicht beschweren.

Ach ja.. ich könnte ewig so weitermachen.

Also. Wie ich es als Mutter mache, mache ich es für’s Außen sowieso verkehrt.

Wenn ich jetzt aber in meinem Alltag so erschöpfe und Unterstützung benötige, damit ich auf lange Sicht für mein Kind sorgen kann. Wenn ich mein Kind nicht einfach so in eine klassische Betreuung bringen kann, weil es definitiv davon Schaden nehmen wird. Wenn ich mich auf den Weg mache, Hilfe suche und dabei merke, dass mein Erleben offenbar nicht so schlimm zu sein scheint – denn trotz bestätigter Diagnosen ist der Hilfebedarf nicht gerechtfertigt. Dann frage ich mich eben wirklich, ob meine Einschätzung, mein Erleben, meine Wahrnehmung übertrieben ist. Doch ich weiß auch, dass es Instanzen gibt, bei denen ich mehr oder weniger Gehör und Anerkennung finde.

Denn darum geht es mir: Die Anerkennung dessen, was wir hier täglich tun. Unser Kind mit seinem sensiblen Nervensystem zu sehen, zu begleiten und zu stärken, um in dieser Gesellschaft bestehen zu können. Ich sehe jetzt, mit Mitte dreißig, wie sehr ich geprägt wurde. Wie sehr ich auf Leistung und Funktionieren ausgerichtet wurde – und jetzt da sitze, an mir zweifle, weil ich erkenne, dass ich das gar nicht mehr schaffe. Doch das eben genau das, was ich hier jeden Tag tue, dennoch Höchstleistung ist und Anerkennung finden darf. Aber vielleicht muss ich mir diese noch viel mehr selbst entgegen bringen. Mich in Zeiten von Selbstzweifeln (Hallo PMS!) mit Menschen zu umgeben, die mich von außen stärken und die lauten Stimmen in mir leiser werden lassen. Auch ich brauche Nervensysteme, an denen ich mich regulieren darf, wenn ich es selbst nicht schaffe – und seit einigen Wochen wird mir nochmal sehr bewusst, wie oft ich dysreguliere, allein durch die hormonellen Schwankungen des Monat und durch schlechten Schlaf. Meine Konzentration ist an so vielen Tagen unterirdisch für mein Empfinden und ich bin froh, wenn ich die Tagesstruktur halten kann. Ich darf Unterstützung hinzuholen, doch fürchte ich gleichzeitig, dass mich jene Instanzen als vollkommen unfähig oder im Gegenteil als Lügnerin, die total übertreibt, darstellen. Wie gegensätzlich kann es sein?

Es ist für mich ein schmaler Grat. Eine moralische Zwickmühle. Man kann Hilfe bekommen, wenn man etwas nicht kann. Doch wenn es noch irgendwie allein geht, reicht es nicht aus und man fällt durch’s Raster. Wie unfähig sind wir also wirklich? Wieviel können wir wirklich nicht, um Hilfe von außen zu rechtfertigen?

Aber frag mich nicht, ob ich es kann – sondern frag mich, was es mich kostet. Und am Ende des Tages ist der Preis immer zu hoch gewesen.