Das lernt er nie

Wenn man jemandem immer alles abnimmt, kann der Mensch es nicht selber lernen.

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, ist es ziemlich hilflos und auf Menschen angewiesen, die es am Leben erhalten und pflegen. Irgendwann kommen Stück für Stück mehr Kompetenzen hinzu, das Kind wird selbständiger, autonomer. Einst wurden gewisse Richtwerte und Anhaltspunkte festgelegt, ab und bis wann Kinder gewisse Fähigkeiten entwickeln sollten. Ausnahmen bestätigen natürlich immer die Regel.

Wie häufig mir in den letzten fünf Jahren Äußerungen begegnet sind, dass mein Kindchen etwas nie lernen wird, wenn ich es nicht genau jetzt dazu bringe.

Wenn das Kind in dem Alter noch mit im Elternbett schläft, wird es nie im eigenen Bett schlafen.

Wenn das Kind in dem Alter noch stillt, wird es sich nie von der Mutter entwöhnen.

Wenn das Kind immer nur alles vorgesetzt bekommt, wird es nie lernen, für sich selbst zu sorgen.

Dieses kleine Wörtchen nie ist ja schon sehr ultimativ. Und wenn man sich ein wenig mit der menschlichen Entwicklung beschäftigt, wird deutlich, dass das Gehirn plastisch und das gesamte Leben lang dazu in der Lage ist, zu lernen und zu wachsen. Dass ein Kind also nie in der Lage sein wird, gewisse Kompetenzen zu lernen, ist meines Erachtens also ein ziemlich haltloses Argument.

Und obwohl mir diese biologische Tatsache bewusst ist, erwische ich mich auch immer mal wieder ganz kurz im Alltag in diesem nie-Gedanken. Mein Herzenskind ist an vielen Stellen noch nicht so selbständig wie Altersgenossen und braucht für tägliche Abläufe Erinnerungen und Unterstützung. Die vermeintlich einfachsten Dinge sind häufig nicht umsetzbar. Auch nicht mit gutem Zuspruch. Es braucht kreative Ansätze um seine Gunst zu gewinnen. Aber vor allem Geduld und Verständnis.

Immer wieder frage ich mich, wie sehr ich dem „ich kann das gerade nicht“ glauben soll. Ist es doch ein „Nicht-Wollen“ und bewusste Vermeidung, um mir auf der Nase herumzutanzen? Da sagt ein sehr großer Teil in mir ganz klar: Nein. Mein Kindchen ist empathisch und hat ein Gefühl für sich und die Anforderungen des täglichen Lebens. Es gibt Tage, da klappen Dinge mit einmal von ganz allein, ohne Widerspruch oder Ablehnung. Sie sind selten, aber zeigen mir, dass es langsam vorwärts geht. Mein Kind zeigt mir in seiner Entwicklung, dass Wachstum nicht linear verläuft und nicht jeder Tag das gleiche Leistungsniveau bereithält. Guten Tag, Überraschung – er ist ein Mensch!

Ich muss darauf vertrauen, dass mein Kind weiter dazulernen wird. Selbständiger wird. Vielleicht nicht so schnell und so sehr, wie ich es mir oft wünsche und für meine Akkus bräuchte. Doch möchte ich ihn auch nicht klein halten – und ihm das Leben zutrauen. Sich immer wieder zu fragen, ob das, was man jeden Tag tut, zu viel oder zu wenig oder einfach genug ist, nimmt Raum ein. Jede Entscheidung, die ich täglich treffe, bringt ihre Konsequenzen mit sich und nicht genau zu wissen, wohin etwas führen wird, verunsichert mich. Doch am Ende kann ich nur jetzt nach meinem besten Gewissen handeln und hoffen, dass es mehr Früchte als Schäden davonträgt.

In einem Gespräch vor einiger Zeit erzählte ich davon, um was ich mir alles so Sorgen in Bezug auf mein Herzenskind mache – und das täglich. Thema Zähneputzen, gesunde Ernährung, Bewegung, Bildschirmmedien, soziale Kontakte.. es sind so viele Bereiche, über die sich Eltern Gedanken machen müssen. So viele Punkte am Tag, die „abgearbeitet“ werden sollten, denn schließlich benötigt das Kind ja noch Erinnerung und Unterstützung, manchmal noch komplette Übernahme. Wenn dann schon ein Punkt am Tag nicht „geschafft“ wurde, zieht sich so ein winziger Nerv in meinem Magen zusammen. Aber dann aktiviere ich zunehmend ein paar Nerven und Muskeln am Auge und drücke sie eben zu. Ich muss mir oft sagen: Ich habe es versucht. Gut genug eben, statt perfekt. Doch irgendwo macht sich da dann doch immer nochmal so eine kleine Stimme im Kopf bemerkbar: Hoffentlich geht das gut. Hoffentlich gibt’s später keine (großen) Probleme. Und das egal, um welches Thema es geht.

Also. Ruhe im Kopf habe ich nie. Die Gedanken, Sorgen, Wünsche und Vorstellungen für mein Herzenskind kreisen unaufhörlich täglich im kleinen Orbit unter meiner Schädeldecke. Kennen alle Eltern, ich weiß. Und da mein autistisches Köpfchen beinahe olympische Höchstleistung im Grübeln zustande bringt, ist es für mich kaum vorstellbar, wie Eltern von mehr als einem Kind nachts noch ruhig schlafen können. Doch ich muss mir immer und immer und immer wieder in Endlosschleife sagen, dass eben jeder Mensch unterschiedliche Resilienzen und Belastungsgrenzen hat – und es nichts über meinen Wert als Mutter oder Mensch aussagt, dass ich bereits mit der Sorge um ein Kind so ausgelastet bin, wie vielleicht andere mit zwei oder mehreren Kindern. Auch hier sind die Vergleiche eben nicht sinnvoll, genauso wie bei Kindern und ihren unterschiedlichen Entwicklungsständen.

Ich könnte jetzt also ganz lapidar dahersagen, dass ich das wohl nie lernen werde, endlich diese Vergleiche zu meinen Ungunsten und die Unsicherheiten abzulegen. Aber ich vertraue darauf, dass ich mit jedem Tag mehr an der Seite meines Herzenskindes immer mehr Abstand davon nehmen werde, denn ich mache gerade nochmal einen enormen Entwicklungssprung durch. Und wie schön ist, mit meinem Kindchen gemeinsam und parallel, jeder im eigenen Tempo, zu springen und zu lernen.