
21:54 Uhr. Ich liege im Bett. Das Zimmer zart erleuchtet im flackernden Schein der Kerze. Beruhigende Klänge versetzen den Raum in eine friedliche Atmosphäre. Ein ereignisreicher Tag liegt hinter uns. Für andere vermutlich ‚Standard‘. Für uns Ausnahme.
Mein Herzenskind war müde, erschöpft und still. Wir kuschelten uns aneinander, schauten gemeinsam etwas und schwiegen. Es gab nichts mehr zu sagen. Doch. ‚Gute Nacht, ich liebe Dich.‘ Kindchen schlief schnell ein. Ich nicht.
Das Erlebte hallt in mir nach. Mein Kopf rekapituliert. Geht nochmal alles durch, was gesagt und getan wurde. Da war so viel Energie und Erschöpfung. Der Vormittag gefüllt mit Rollenspielen, die Herzenskind seit Tagen immer wieder auf die gleiche Weise spielen möchte. Dann gemeinsam Kuchen backen. Suppe kochen. Küche aufräumen. Kind kuscheln und regulieren. Tankstelle sein und selbst den Tank wieder aufladen. Aber wo und wie? Herzmensch unterwegs, wichtiger Termin. Nach dem Mittagessen kam ein Leistungsknick bei mir. Ich brauchte eine Pause – zum Bedauern meines Herzenskindes. Rolleeeeenspiel! ‚Nein, tut mir Leid. Wir verbringen die Zeit gemeinsam, aber auf andere Weise.‘
Dann. 14:30 Uhr. Spielgefährtin für’s Herzenskind kam – nach drei Wochen Pause ist die Freude bei allen groß. Für mich und auch für Herzmensch: Pause. Ein bisschen Verantwortung abgeben. Stille. Wir sprachen nur wenig. Ich hatte eine Idee für diesen Zeitraum, doch Konzentration und Energie reichen dafür nicht mehr. Also genoss ich die Ruhe, spielte ein Rätsel auf dem Tablet. Mehr ging leider nicht und das drückte ein wenig meine Stimmung – doch ich übe mich mehr in Akzeptanz. Dieses Dasitzen, Durchatmen, Nicht-Kümmern.. genau das brauchte mein Nervensystem. Herzenskind kam zwischendurch – kurze Versicherung, ob ich noch da bin.
16:15 Uhr. Herzenskind bat Spielgefährtin nach Hause. Wir schmunzelten, weil wir jedes Mal die Uhr nach ihm stellen können. Dann Schlagabtausch: Nachbarskind kam zum Spielen, da Mutter Unterstützung brauchte. Herzenskind freute sich schon seit zwei Tagen darauf. Die beiden kleinen Menschen wirbelten kichernd durch die Wohnung, versprühten pure Lebensfreude und geballte Energie. Immer wieder kam Herzenskind zu mir und erstattete Bericht, was gerade so Lustiges passierte. Tankstelle! Versicherung! Schon spannend. Nach einer Stunde kippte die Stimmung, es wurde ruppiger, lauter und mehr Reibung entstand. Die beiden liefen nicht mehr auf der gleichen Spur und Herzenskind baute sichtbar mehr Anspannung auf. Immer mehr Grenzen wurden überschritten. Es brauchte etwas klare Führung meinerseits. Doch je länger das Nachbarskind da war, desto deutlicher wurde, wie meine Herzmenschen und ich überreizten. Wir machten das Beste draus. Schafften kurzen Raum für Stille und Trennung, dann fanden wir alle nochmal zusammen. Zwei Erwachsene, zwei Kinder. Ganz viel Lachen und das letzte Mal Energie mobilisieren. Etwas später, als erwartet, holte die Mama ihr Kind ab.
Ich lüftete die Wohnung. Dann endlich Abendessen.
Bei Herzmensch und mir: Luft raus. Die Müdigkeit stand uns ins Gesicht geschrieben. Herzenskind: Rolleeeeenspiel! Nach einem längeren Gespräch ließ ich mich noch auf eine kurze Runde ein, denn offenbar war das für unser Kindchen nochmal wichtig, um den aufregenden Nachmittag abzuschließen. Danach forderte ich Ruhe ein. Runterkommen. Und so schnell, wie die Energie am Nachmittag unter die Decke schoss – so schnell rutschte sie nun bei diesem kleinen Menschen wieder in den Keller. Ausgepowert.
Nachdem mein Herzenskind einschlief, kreisten meine Gedanken. Braucht er nun doch mehr Action im Alltag? Ist er unterfordert? Kann ich ihm genug bieten? … Der kleine Mensch hatte diesen Tag freudig erwartet und am Ende viel Spaß, sodass sogar der Satz beim Abendessen fiel, dass das Nachbarskind nun jeden Tag kommen könnte. Und bei all der Freude darüber, dass mein Kindchen nun so offen geworden ist und diese Kontakte sogar mehr Bereicherung als Belastung für ihn zu sein scheinen – da sehe ich gleichzeitig meine Erschöpfung. Mal wieder. Ich kann mich während der Spielkontakte nicht gänzlich rausnehmen, muss (noch ) als ‚Tankstelle‘ zur Regulation in Reichweite sein. Dafür muss also auch mein Tank annähernd gefüllt sein. Und da er das leider relativ selten und meistens nur für kurze Zeiträume ist, bleibt am Ende nichts anderes übrig, als Spieltreffs mit anderen Kindern in größeren Abständen zu planen. Denn besonders solche Treffen fordern uns beide enorm heraus, weil jüngere oder gleichaltrige Kinder ihre Impulse eben noch nicht so gut regulieren können und das nicht nur bei meinem Herzenskind, sondern auch bei mir zu Verunsicherung und Überforderung führt.
Jetzt könnte man das Thema Gewöhnung anführen. Einfach öfter machen, dann wird das Nervensystem schon damit zurecht kommen. Sicher, ein Stück weit klappt das – doch es braucht wesentlich mehr Zeit dafür. Die Begegnungen mit Menschen und reizvolle Umgebungen sind nie jedes Mal ‚gleich‘. Einige Faktoren sind anders und haben damit einen erheblichen Einfluss auf das Erleben, sodass sich unsere Nervensysteme nicht sicher sein können, was da auf sie zukommt. Das sehen wir vor allem daran, dass die Aufregung vor vermeintlich gewohnten Aktivitäten immer wieder bei uns in großer Nervosität und Anspannung mündet. Wir können uns dann ein Stück Sicherheit schaffen, indem wir einige Abläufe genau wie beim letzten Mal machen: Kindchen möchte dann beispielsweise das Gleiche spielen oder essen, ich plane die Wege auf die gleiche Weise, wie wir sie kennen. Und das alles, um die Überreizung für unsere Nervensysteme im Zaum zu halten. Gelingt natürlich nicht in dem Maße, wie wir es uns wünschen würden, was dazu führt, dass wir nach Aktivitäten mit Menschen und voller Eindrücke eben wieder Raum und Ruhe zur Regeneration benötigen.
Dementsprechend: Jeden Tag das Nachbarskind zum Spielen herholen? Das sehe ich (noch) nicht. Ob mein Herzenskind im Laufe der Jahre das Pensum erfüllen wird, was andere Kinder in seinem Alter jeden Tag leisten, ist ungewiss. Sobald ich merke, dass sein System überladen ist, werde ich ihm die Ruhephasen einräumen und einfordern. Denn es ist ein schmaler Grat zur Überreizung und Überforderung, womit die Kooperation für die kleinsten und einfachsten Dinge des Alltags rapide absinkt. Zeit zur Integration, Zeit für Pausen und Regeneration – das ist etwas, dass wir in unserem Alltag ganz besonders beachten und ernst nehmen müssen, damit unsere autistischen Nervensysteme nicht ausbrennen. Und bei all den Reizen und unendlichen Angeboten, den Dopaminspiegel zu erhöhen, ist es schon eine besondere Herausforderung, sich dem auch mal zu entziehen.
Dieser Nachmittag hallt in mir nach. Sehr sogar. Mein Nervensystem brauchte verhältnismäßig lang, um die Eindrücke zu verarbeiten und runterzufahren. Es ist schön zu sehen, wie mein Kindchen in seinem Tempo reifer wird. Wenn ich sehe, wie gut er solche reizvollen Aktivitäten hinbekommt, frage ich mich meistens sehr zügig, ob er davon mehr bräuchte. Doch es zeigt sich schnell in den kleinen, später in den großen Nuancen, dass es eben nur deswegen möglich ist, weil er viel Ruhe und Freiraum erhält, in der wenige Anforderungen auf ihn einströmen. Dieses gesunde Verhältnis zwischen Aktivität und Entspannung möchte ich meinem Kind gerne mit auf den Weg geben. Spannend, dass ich es dabei selbst noch einmal neu lernen darf.
