Was war zu erst da?

Und dann kommen diese Momente, in denen ich mich frage:

Hab‘ ich’s voll vergurkt?

Habe ich zu oft getragen?

Bin ich zu schnell gesprungen, beim kleinsten Pieps?

Habe ich meinem Herzenskind zu wenig zugetraut?

Habe ich zu viel durchgehen lassen? Zu viele Süßigkeiten, zu häufig Bildschirmmedien?

Habe ich zu selten eine Grenze gezogen?

Habe ich zu wenig Regeln aufgestellt?

(Könnte es sein, dass sich manche Fragen und Aussagen bereits gegenseitig aufheben?)

Dann klopfen die Selbstzweifel an. Dann werden die Stimmen laut, dass ich ganz sicher viele Fehler in den vergangenen Jahren gemacht habe (Memo an mich: Hab ich sowieso, weil ich mach‘ das zum ersten Mal mit diesem kleinen Menschen!).

Ich frage mich dann selbst, was eigentlich zu erst da war: Meine Art zu Begleiten oder das Nervensystem meines Kindes? Vielleicht kann man das auch gar nicht so betrachten. Sicher: Ich war zuerst da. Vor meinem Kind. Ich trage meine Prägungen mit mir herum, denen ich mich ehrlich zuwende, wenn’s nicht mehr für mich passt. Ich habe mein Nervensystem, das über Jahre scheinbar gut in dieser Welt klar kam (Randnotiz: kam es nicht).

Und dann kam mein Kind. Brachte sein ganz eigenes Nervensystem mit. Er war von Geburt an reizoffen bis unter’s Dach. Ich konnte kaum glauben, wie empfindsam so ein kleiner Mensch auf alles reagieren kann. Da war nix mit Erziehung und „Das Kind muss sich nur dran gewöhnen“. Nee, im Gegenteil: ICH durfte mich wohl zunächst mehr an diesen kleinen Menschen gewöhnen, der mich ununterbrochen brauchte und anzapfte, um irgendwie in diesem Leben anzukommen. Und ja: Das kollidierte mit meiner leichten Unfähigkeit, gut für mich zu sorgen – aber wie soll man das auch machen, wenn es keine große Aussicht auf Entlastung gibt? Das war eine so krasse Herausforderung, diese hohe Bedürftigkeit meines Kindes mit meinen Kräften zu vereinbaren – vor allem, wenn der Löwenanteil auf meinen Schultern lag.

Wenn ich so darüber sinniere, wird mir schnell klar: Ich hätte vermutlich irgendwo, irgendwie, irgendwas anders machen können. Sicher schon vor der Schwangerschaft, denn ich habe diesen kleinen Menschen vermutlich ordentlich geprägt. Winzig kleinste Schrauben hätte ich drehen können. Damit ich nicht so ausbrenne. Damit mein Kind vielleicht mehr Grenzen und mehr Möglichkeiten zugleich erfahren hätte. Aber mir wird genauso klar, dass es eben leichter gesagt ist, als getan. Dass ich immer wieder innerlich zwischen den Stühlen stand – als würde das Alte und Gewohnte wegbrechen, während das Neue und Unbekannte bereits Form annimmt.

Ich mache dieses Mutterding zwar nicht zum ersten Mal, aber für dieses Kindchen schon. Meine erste Erfahrung als Mutter fand am Rande der vermeintlichen Normalität statt – eine absolute Grenzerfahrung für mein Nervensystem und für mein Gefühlsleben. Es ist mit nichts vergleichbar – und ich schätze das macht es manchmal auch so schwer. Oder auch nicht? Vielleicht ist ja genau das die Chance für mich. Nach all den Jahren, in denen ich mich dachte, anpassen und es vielen Menschen recht machen zu müssen, hat mir der Weg mit meinem ersten Kind bereits gezeigt: Das klappt einfach nicht. Jedes Leben ist unvergleichlich. Der ganze Einheitsbrei stampft die Vielfalt und Möglichkeiten in den Boden – und am Ende stehen da Menschen, die glauben, gleichzeitig zu viel zu sein und nicht zu genügen. Potenziale gehen verloren. Lebensfreude schwindet. Wenn ich meine Kinder so betrachte, sind das wundervolle kleine Menschen, die mir das Leben vor Augen halten, das ich bereits wieder vergessen und verlernt habe. Und diese Art zu Leben ist voller Freude, voller Kreativität, Leichtigkeit, Möglichkeiten und Liebe. Daran kann doch nichts verkehrt sein.

Es erschreckt mich immer wieder, wie sehr ich geformt wurde. Wie sehr in mir sofort Impulse anspringen, die mein Kind limitieren wollen. Und dann trete ich mir selbst auf die Füße, während ich meine flache Hand mit meiner Stirn bekannt mache – weil ich mittlerweile ziemlich schnell merke, wie doof das ist. Ja, ich präge mein Kind und ich habe da sicher jetzt schon einiges mitgegeben, was nach Auffassung einer Leistungsgesellschaft nicht tragbar ist. Ich habe diesem kleinen Menschen Fülle ermöglicht – vor allem in Hinblick auf emotionale und physische Verfügbarkeit. Ich war so viel da. Und das stößt nicht überall auf Verständnis, wenn ein Leben in Mangel und voller Entbehrungen der Standard zu sein scheint (Leben ist kein Ponyhof, und so).

Aber was resultiert für mich daraus? Ich habe einen Standard im Kopf, der für mich nicht mehr tragbar ist. Doch er führt dazu, dass ich unaufhörlich an mir zweifle, wenn ich mit meinem Kind immer wieder Umwege gehe, statt den geraden Weg, den alle bereits plattgetrampelt haben. Da haben sich Stimmen in meinem Kopf eingepflanzt, die mir nach jeder herausfordernden Situation sagen: Guck mal, Du hast Dein Kind nicht im Griff. Du hast es wieder verkackt.

Ich find’s irre schwer. Wirklich. Einen kleinen Menschen zu begleiten, den man gerne so sein lassen möchte, wie er ist – und das irgendwie in Einklang mit einer Gesellschaft zu bringen, die genau das nicht lebt. Und wenn ich wieder mal bleiernd müde und weinend neben meinem Kindchen sitze, das voller Ideen steckt, einfach nur gemeinsam spielen möchte und noch ein bisschen Zeit braucht, um all diese unausgesprochenen Regeln im Miteinander zu lernen – dann zerreißt es mich so sehr. Weil ich wieder denke, ich bin nicht genug und ich hätte es meinem Kind doch nur schon viel früher so richtig ins Köpfchen pflanzen müssen. Doch ich versuche mich da abzuholen, milde mit mir zu sein und mir selbst zu sagen, dass ich nicht noch mehr hätte tun können – denn ich habe es mehr als versucht. Auf meine Weise.

Und wenn ich dann da so weinend sitze, sehe ich, dass ich mein Kind erreichen kann, weil meine Grenze klar wird. Weil Worte nicht immer ausreichen und es gelebte Gefühle braucht. Mein Kind begegnet mir mit der Empathie, die es selbst unzählige Male erfuhr:

Mama, ich verstehe ja, dass du müde bist. Ich bin auch ganz schön müde heute. Dann ruhen wir uns kurz aus und spielen danach wieder.“

Also irgendwie ist da schon ganz viel Eigenes da, wenn so ein kleiner Mensch geboren wird. Und gleichzeitig findet da viel Prägung und Sozialisation statt. Ich denke, es ist schwer, das voneinander zu trennen und genau zu ermitteln, was jetzt genau zu einem gewissen Verhalten geführt hat, denn alles scheint gleichzeitig da zu sein und sich gegenseitig zu begünstigen. Keine Situation ist wie die andere. Kein Mensch ist wie ein anderer. Und genau das darf ich für mich so viel mehr verinnerlichen, um mich von dem Druck zu befreien, alles immer richtig machen zu wollen.