Drei Menschen unter einem Dach.
Eine kleine Familie.
Jeder davon im Autismus-Spektrum.
Drei Individuen. Mit verschiedenen Potentialen, Möglichkeiten und Grenzen. Manches überschneidet sich, es gibt Gemeinsamkeiten.
Aber jeder ist ein ganz eigener Mensch.
..und manchmal passt man mit den anderen Menschen nicht ganz zusammen.
…
Familienalltag ist nicht immer happy-pappy-friedefreudeeierkuchen. Ganz klar. Wo Menschen zusammen kommen, prallen unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Und ich frage mich so oft, wie das Familien mit mehr als drei Familienmitgliedern hinbekommen, ohne dabei komplett durchzudrehen.
Es spielt sich vieles in meinem Kopf ab, was andere als Drama bezeichnen würden. Ich bewerte Situationen anders, ordne sie nach meiner Wahrnehmung ein. Und das unterscheidet sich oft ja schon von den Menschen, mit denen ich meinen Alltag verbringe. Gleichzeitig sehe ich, wo die anderen so ihre Schwierigkeiten haben, aber auch, was ihnen gut gelingt.
Und ich habe schon häufig gesagt: Jeder tut hier, was er kann. Einen wertfreien Blick auf das zu werfen, was die anderen im Familienalltag so machen, fällt manchmal gar nicht so leicht. Irgendwie ist immer eine Wertung dabei, um es für sich selbst einzuordnen. Ich finde es manchmal irre schwierig, das, was sich in meinen Gedanken abspielt, nicht mit meinem Körper zum Ausdruck zu bringen – denn ich weiß, wie empfindsam die Systeme der anderen sind. Wie schnell wir alle auf Wertung anspringen und uns das sehr zu Herzen nehmen.
Ich bin in einem System aufgewachsen, das mich nachhaltig geprägt hat. Und dieses System ist immer noch aktuell da draußen. Leistung, Performance, höher, schneller, weiter. Abliefern – immer. Mittlerweile kommen immer mehr Menschen an den Punkt, zu erkennen, dass ein Mensch das nicht ständig leisten kann. Dass es Pausen braucht. Erholung. Anspannung und Entspannung – eine Balance. Und so ein vermeintlicher Standard, einen Richtwert, eine Linie für alle, gibt’s einfach nicht.
Noch einmal mehr durfte ich das wieder mit unserem Herzenskind erkennen. Von Beginn an. Und seit wir wissen, dass wir alle drei im Autismus-Spektrum liegen, hat sich im Alltag schon einiges getan – ein Bewusstsein für Aktivität und Erholung. Zwischen Anforderung und Fünfe-gerade-sein-lassen.

Aber was macht man, wenn alle irgendwie kurz vorm BurnAut stehen oder teilweise schon drin sind?
…
Was soll ich denn noch alles machen?
…
Dieser Satz fällt hier öfter. Und ich vermute, gedanklich dreht er bei uns dreien auch immer wieder die Runde. Oft frage ich mich: Wenn zwei das sagen und scheinbar nicht mehr können – dann muss doch der dritte irgendwie den Laden am Laufen halten, oder? Weil: Es muss weitergehen. Was macht man, wenn Entlastung und Unterstützung fehlt und man selbst eigentlich kaum noch kann?
Es geht weiter. Irgendwie. Aber es fühlt sich dann zwischenzeitlich wie Abwärtsspirale an. Es geht immer weniger. All die Strukturen können nur mit großem Kraftaufwand aufrechterhalten werden. Es geht immer seltener etwas über den Alltag hinaus. Gleichzeitig hängt der Kopf in Wünschen und Vorstellungen fest, die mit den eigenen Ressourcen nicht vereinbar scheinen.
Wenn da jemand steht und mit Nachdruck sagt „Was soll ich denn noch alles machen?„, springt schon mal schnell im Kopf die Frage „Ernsthaft?“ an. Da weiß man selbst kaum, wo man noch die letzten Energiereserven zusammenkratzen soll und kann gedanklich nicht mehr wertfrei reagieren. Es stehen sich Menschen gegenüber, die am Limit laufen und jedes bisschen ‚mehr‘ lässt das Fass überlaufen. Und wer bekommt nun den Freifahrtschein, seine Weigerung auszuleben?… Keine Ahnung. Wie so oft.
Das Wissen um Autismus-Spektrum hilft hier natürlich weiter – denn es bringt auch Verständnis für die Grenzen des anderen mit. Dann kann man von ausgehen, wenn es so deutlich ausgesprochen wird, dass da eine Grenze erreicht ist und diese respektiert werden muss. Aber die Zwickmühle bleibt trotzdem, denn was der eine nicht (mehr) imstande ist, zu tun, bleibt dann beim anderen hängen – weil manche Dinge nicht aufgeschoben werden können und wichtig sind.
…
Ich versuche Ansprüche und Vorstellungen zu hinterfragen und oftmals auch zu revidieren. Wie oft „Scheiß drauf“ mein Mantra geworden – denn wichtig ist, dass wir als Familie gut durch den Tag kommen. Aber irgendwie wird Weitblick erwartet. Irgendwie soll man immer all die möglichen Konsequenzen im Blick behalten. Vorausschauend denken. Einfach in den Tag hineinleben? Lieber nicht. Fünf-Jahres-Plan bitte! .. und wenn man gerade wieder mit der plötzlichen Endlichkeit eines Lebens konfrontiert wurde, erscheint das alles in einem ganz anderen Licht.
…
Du siehst ganz schön fertig aus. .. Liegt das an dem Todesfall?
Was irgendwie sicher mitfühlend gemeint war, warf bei mir letztlich nur Fragen auf. Darf ich nun zeigen, wie erschöpfend das gerade alles ist – oder soll ich lieber eine Maske auflegen? Dann würde es wieder heißen: Wahnsinn, man sieht’s Dir gar nicht an. … Schon verwirrend, muss ich zugeben. Also bleibt mir wieder nur übrig, mich von den Stimmen im Außen öfter zu distanzieren. Mich mit mir zu verbinden. Aber ganz ehrlich? Was soll ich noch alles machen?
