Müssen

Da muss was passieren.

Du willst doch auch mal nur Du sein.

Du willst Dich auch verwirklichen.

Kinder müssen auch mal lernen, dass es sich nicht nur um sie drehen kann.


Ehrlich. Ich verstehe die Intention hinter vielen Aussagen. Mir ist bewusst, dass unser Familienalltag für viele Menschen kaum vorstellbar ist.

Doch wenn man mitten drin ist. Wenn man betroffen ist. Dann ist ein anderer Weg oft gar nicht so einfach.

Und man stelle sich vor: Die meisten Eltern von Kindern mit Behinderungen oder Einschränkungen denken in alle möglichen Richtungen. Da wird ständig abgewogen: Was ist möglich? Was geht? Wieviel wird es alle Beteiligten kosten? Was bringt es am Ende an Erfahrungen?

Dadurch, dass nicht alles so einfach und mal eben geht, ist das lösungs- und bedürfnisorientierte Denken meistens ziemlich fortschrittlich angelegt. Meistens muss im Vorfeld vieles abgewogen und im Nachgang vieles reguliert werden.

Aber ich wiederhole mich.


Ich bin dankbar, wenn sich Menschen um unser Wohlergehen sorgen. Wie tief das Mitgefühl und wie weit der Perspektivwechsel geht, ist dabei so unterschiedlich, wie die Menschen. Und ich habe in den vergangenen Jahren immer mehr für mich verstanden: Ich kann die Perspektive bis zu einem bestimmten Punkt übernehmen, aber niemals so authentisch nachempfinden, wie es sich für einen anderen Menschen anfühlt. Ich kann noch so sehr versuchen, mein Erleben in Worte zu fassen und zu erklären – mein Gegenüber hat eigene Erfahrungen gesammelt, einen eigenen Filter, wodurch es eben nicht genau so ankommt, wie es sich für mich tatsächlich anfühlt. Echt tricky. Und so habe ich mir über die Zeit mehr und mehr abgewöhnt, die berühmten, ungefragten Ratschläge zu geben. Ich übe mich in Geduld und warte ab, ob da wirklich eine andere Perspektive gewünscht ist. Ob mein Beitrag einen Mehrwert für den anderen haben könnte. Denn so oft wollten Menschen einfach nur mal aussprechen, was sie beschäftigt, worin sie gerade verstrickt sind – ohne Belehrungen, ohne Ratschläge. Und am meisten habe ich das wohl durch mein Herzenskind gelernt, denn tatsächlich möchte dieser kleine Mensch seine eigenen, unvoreingenommenen Erfahrungen sammeln und daraus lernen – weil es irgendwie nachhaltiger wirkt, als stumpfe Belehrungen, die ich im Vorfeld ausspreche (absolute Gefahren ausgenommen). Sind wir mal ehrlich: Geht’s nicht auch großen Menschen so? Das tiefe Bedürfnis nach dem eigenen Weg, den eigenen Erfahrungen, liegt wohl allen inne. Fremdbestimmung und -steuerung findet wohl keiner so richtig angenehm.

Also stelle ich mir zunehmend die Frage: Wie weit lasse ich manche Aussagen an mich heran? Ich darf da gewiss unterscheiden und wirklich üben, nicht alles ewig in meinem Kopf durchzukauen. Irgendwie habe ich meinen inneren Kompass und so ein gutes Bauchgefühl für mich und meine beiden Herzmenschen. Das, was für andere nicht tragbar wäre, macht unseren Alltag derzeit aus. Es wird sich alles fügen und finden. Ich bin dran, jeden Tag. Und weil ich meine derzeitige Aufgabe akzeptiere, spüre ich auch keinen ausgeprägten Wunsch nach Selbstverwirklichung – denn das auch noch in unsere Situation hineinzupuzzeln, ist für uns nicht tragbar und letztlich kommt’s ja nur darauf an, oder?