Jahresende

Wenn das Jahr sich neigt

T+M: Daniel Wanke / Julia Schwab


Wenn das Jahr sich neigt,
seine kalte Schulter zeigt,
alles still wird, still wird.


Wenn das Jahr vergeht
und der Wind auf Norden dreht.
Alles still wird und verstummt.


Wenn das Jahr vergeht,
kahl und leblos vor mir steht,
alles kalt wird, kalt wird.


Wenn das Jahr zerrinnt,
mich mit Einsamkeit umspinnt.
Alles kalt wird und erstarrt.


Wenn das Jahr zerrinnt
und das Neue bald beginnt,
alles wartet, wartet.


Wenn das Jahr sich neigt
und dein Stern sich langsam zeigt,
licht und ewig, warm und hell.


Der letzte Monat in diesem Jahr beginnt. Während wir daheim bereits alles weihnachtlich geschmückt haben, es uns gemütlich machen und seltener unter Menschen gehen – da läuft das vergangene Jahr noch einmal Revue in mir.

Zunächst einmal: Wie schnell ging das bitte?

War nicht gerade erst Januar und ich habe ganz aufgeregt mein erstes Buch veröffentlicht? Meine Lebensgeschichte, die ich über neun Monate geschrieben und viele viele Male Korrektur gelesen hatte, fand Anfang Januar ihren Abschluss und wurde schließlich Ende Januar auf den Büchermarkt losgelassen. Das war vielleicht aufregend für mich. Ein großer Traum ging damit in Erfüllung. Und weil es mir so Spaß machte, ein Buch zu gestalten, setzte ich mich kurzerhand an einen zweites, kleines Büchlein: Die Texte waren schon da und wurden von mir zu einer Sammlung zusammengefasst, um meinem verstorbenen Kind ein kleines Andenken zu schenken.

Ich hatte mir insgeheim einiges erhofft. Meldete mich erneut in den sozialen Netzwerken an, versuchte Werbung zu machen. Beschäftigte mich in den kleinen Lücken im Alltag mit Möglichkeiten, wie ich auf meine Bücher aufmerksam machen könnte. Ich wurde echt mutig, sprach einfach Menschen an, schrieb allerlei E-Mails. Tolle Begegnungen und Gespräche ergaben sich hierbei, wovon ich hoffe, dass einiges weiterhin Bestand haben wird. Da stehen noch Türen offen. Möglichkeiten. Ideen. Alles zu seiner Zeit.

Diese Reise mit meinen Büchern war lehrreich für mich: Es zeigte mir, wie gerne ich etwas für mich tun möchte. Dass auch ich mich wohl irgendwo verwirklichen will. Doch ich durfte eben auch erkennen, dass meine Zeit jetzt noch nicht vollumfänglich dafür gekommen ist – und das ist okay. Dass ich das alles geschafft habe, aus eigener Kraft, hat mich sehr stolz gemacht. Und ich durfte sehen, wie sehr ich meinen zarten ADHS-Anteil zügeln darf – denn der sprintet oft ungeduldig nach vorne und kann kaum warten, wenn eine Idee auf der Seele brennt. Das Manuskript meiner Autobiographie überarbeitete ich im Frühjahr schließlich nochmal umfänglich, denn so ganz zufrieden war ich doch nicht mehr. Als schließlich drei Zusagen von Verlagen eintrudelten und ich die Kosten sah, die damit verbunden sind, wurde ich noch einmal mehr dazu eingeladen, eine Neuveröffentlichung zu überdenken. Letztlich wurde mir klar: Die Biographie geht im Januar erstmal vom Markt. Damit fühle ich mich vorerst wohler.

Unser Herzenskind nahm weiterhin den meisten Raum im Alltag ein. Der Schulstart rückte näher und der kleine Mensch freute sich sogar allmählich darauf. Zum Frühjahr und Sommer hin konnten wir wieder sehen, wo das winterliche Schneckenhaus verlassen und sich neu ausprobiert wurde. Plötzlich war alleine spielen mit den Nachbarskindern drin oder sogar kurze Ausflüge allein mit vertrauten Erwachsenen waren beinahe widerstandslos möglich. Da wuchs jemand wieder über sich hinaus, überraschte uns regelmäßig mit Fortschritten – und ich konnte immer mehr im Vertrauen ankommen, dass der Schulstart an der ausgewählten Förderschule klappen würde.

Die zweite Jahreshälfte ab August stellte nicht nur mich, sondern uns alle dann nochmal sehr auf die Probe. Natürlich war ich irgendwo emotionaler Wackelpudding, als die Einschulung des Herzenskindes genau einen Tag nach dem zehnten Todestag meines Himmelskindes stattfand. Ich sortierte mich, so gut ich konnte. Doch am Tag der Einschulungsfeier legte sich nicht nur etwas Sorge über den bevorstehenden, ersten Schultag über mein Gemüt – denn das war für Herzenskind alles enorm überwältigend. Nein, auch die Sorge um meinen Schwager füllte die Gedanken, da er sich bereits mit Beschwerden unklaren Ursprungs im Krankenhaus befand. Am Abend des ersten Schultages meines Herzenskindes wurde mein Schwager schließlich nach einer Notoperation mit einem schrecklichen Befund ins künstliche Koma gelegt. Der Schock darüber sitzt immer noch tief.

Von da an war ich innerlich zerrissen: Einerseits wollte und musste ich alle Kraft und guten Gedanken für mein Herzenskind mobilisieren, um ihn täglich morgens zu diesem noch unbekannten Ort zu bewegen. Es wurde deutlich, dass die Schule sich irgendwo eine etwas schnellere Eingewöhnung wünschen würde – und dass mein Herzenskind mich dafür allerdings dringend brauchte. Die genehmigte Schulbegleitung wurde leider drei Tage vor Einschulung seitens der Schule abgelehnt mit dem wohl gemeinten Blick auf unser Kind „Er schafft das auch ohne“. Ich stand zwischen den Stühlen, wollte aber besonders für die Bedürfnisse meines Kindes einstehen. Meltdowns beim kleinen Menschen nahmen zu – meistens schon morgens, bevor wir überhaupt losfahren konnten. Es wurde ein enormer Kraftakt, überhaupt bei der Schule anzukommen, geschweige denn hineinzugehen.

Und dann nebenbei immer auch die Gedanken bei meinem Schwager. Bei meiner Schwester, die täglich an seinem Bett auf Intensivstation saß und um sein junges Leben bangte. Die Hoffnung auf Heilung gaben wir alle nicht auf und dass das alles nur ein Schrecken ist, der schnell vorübergehen würde. Während ich in der Schule auf dem Flur saß und als Backup für mein Herzenskind fungierte, versuchte ich auch für meine Schwester und meine Familie in der Ferne verfügbar zu sein. Es war mir einfach nicht möglich, diese unglückliche Situation auszublenden – wie auch?

Und so brachte der September schließlich eine traurige Wende: Das junge Leben meines Schwagers endete mit zarten 32 Jahren, nachdem der Krebs ebenso aggressiv wuchs, wie zehn Jahre zuvor bei meinem Sohn. Die akute, frische Trauer fühlte sich nur all zu bekannt an – wenn auch anders, weil ich nicht so nah dran war, wie bei meinem Himmelskind. Aber dieser plötzliche Tod hat alle in ihren Grundmauern nochmal ordentlich erschüttert, allem voran meine Schwester, die mit gerade mal 39 Jahren verwitwet in der gemeinsamen Wohnung der beiden zurückbleibt. Meine Gedanken sind seither täglich bei ihr, denn diese Umstellung ist riesengroß und auf meine Weise kann ich nachvollziehen, wie groß die Lücke ist, die jemand hinterlässt, mit dem man jeden Tag verbracht hat.

Der Tod meines Schwagers hat auch unser Herzenskind tief bewegt. Ich konnte sehen, wie er allmählich begriff, dass ein Mensch nicht mehr wieder kommt – und dass auch seinen engsten Vertrauten sowas passieren könnte. Allem voran bei mir hatte er große Trennungsängste entwickelt. Sogar wenn mein Herzmensch zur Arbeit fuhr, fragte der kleine Mensch immer wieder, wo Papa war. Und Schule? Daran war nicht mehr zu denken. Mein Herzenskind nach kurzer Zeit seit seiner Einschulung in einem autistischen Burnout zu sehen, brach mir beinahe das Herz, denn mit einmal ging nicht mehr viel. Jede kleinste Anforderung war zu groß und wurde verweigert. Haus verlassen? Kaum möglich.

Und nun? Dezember. Das Jahr steuert dem Ende entgegen. Ich denke an alle um mich herum, die in diesem Jahr ein anderes Weihnachten erleben werden, weil sie jemanden verloren haben. Die auf ein neues Jahr zusteuern mit der Gewissheit: Es wird nicht mehr, wie es war. Es wird ganz anders. Da kommen vermutlich jetzt schon Fragen auf: Wie soll das nur gehen? Ich habe mir diese Fragen auch oft gestellt, nachdem mein Sohn starb. Und auch jetzt stelle ich mir erneut diese Frage, wenn auch in einem anderen Kontext: Denn ein Fahrplan für die kommenden Monate ist da. Ein neuer Schulversuch fürs Herzenskind wird vorbereitet. Doch ich frage mich, ob er in zwei Monaten mehr bereit sein wird, als jetzt. Denn jetzt sieht’s noch mau aus mit der Motivation. Aber: Das ist okay. Jetzt ist jetzt. Jetzt ist Weihnachtszeit. Nicht nur Herzenskind, sondern wir alle dürfen dieses Jahr sacken lassen. Mit schmerzhaften Gewissheiten leben lernen. Stück für Stück. Jeder auf seine Weise, in unterschiedlichem Tempo. Und manches braucht einfach mehr Zeit, mehr Raum, bis es irgendwie im eigenen System angekommen ist. Wenn ich so an mein Himmelskind denke, wird mir klar: So richtig kommt’s wohl nie an. Ich werde wohl immer ein Stück untröstlich bleiben – in der Weihnachtszeit ganz besonders.✨