Zwei Seelen, eine Verbindung, zwei Wege

Da sitzen wir nun. Zwei Seelen, verbunden im Herzen. In Worten, Taten und Gefühlen miteinander verwoben. So fühlt es sich für mich an.

Unsere Seelen haben sich sensible Hüllen gesucht. Du, der so viel mehr fühlt, zeigt und wahrnimmt, als der große Durchschnitt Deines Geschlechts. Du spürst, wenn es der Seele in meiner hochsensiblen Hülle nicht gut geht. Wenn irgendetwas in der Luft liegt und nicht stimmt.


Diesen Beitrag habe ich im Jahr 2021 begonnen zu schreiben. Nachdem ich mich mit Herzmensch im Alltag in einer Situation befand, die uns auch heute fortwährend begegnet.

Da saßen wir – wie heute auch oft – erschöpft nebeneinander, spürten nicht nur die eigene, sondern auch die Kraftlosigkeit des anderen. Zwischen den Worten war die Hilflosigkeit heraus zu hören.

Denn wie oft wollen wir uns gegenseitig entlasten, Räume für Selbstfürsorge halten – aber können nicht. Weil: Aus vielen Gründen.

Immer wieder sehen wir den Kontext. Immer wieder ist das Verständnis da für die eigenen Grenzen und die der anderen Familienmitglieder.

Doch wie sagte Herzmensch: Irgendwo reicht nur Verständnis nicht – weil ich keine konkrete Idee habe, wie man gewisse Situationen lösen kann.

Es kann hilfreich sein, wenn alle Mitglieder der Familie irgendwo eine ähnliche Spezifikation des Nervensystems aufweisen. Kann. Im besten Fall versteht man sich selbst dann durch das Zusammenleben mit den anderen noch besser – und umgekehrt. Das unaufhörliche Spiegeln kann zu innerem Wachstum einladen. Muss aber nicht.

Ich nehme diese Einladungen zur persönlichen Weiterentwicklung aktiv an. Gucke hin. Informiere mich, um meinen Horizont zu erweitern, wenn ich irgendwo nicht weiter komme. Tausche mich aus. Das ist mein Weg. Ich spüre, dass es mich voran bringt. Dass ich mit herausfordernden Situationen, die richtig in mir pieksen, einen anderen Umgang finde.

Doch dann sitze ich vor meinem Herzmensch, mit dem ich mich so oft still verstehe. Wo es keine Worte braucht, weil wir auf irgendeiner Ebene echt gut miteinander schwingen, sodass es wie ein intuitives Miteinander wirkt. …  Ja, und dann sitzen wir einen Moment da, sprechen, hören einander zu. Und nach all den Jahren (klingt, als wären wir Jahrzehnte zusammen) verstehe ich ihn scheinbar trotzdem noch nicht. Weil ich offenbar noch mehr bei mir bin, als bei ihm. Weil ich nicht verstehen kann, warum er das nicht verstehen kann – und umgekehrt. Es liegt nicht am Wollen, sondern am Können.

Da wird mir in manchen Momenten wieder sehr deutlich: Das Zwischenmenschliche ist für uns ein Rätsel, eine Herausforderung und oft echt schwierig. Wo ich einen Weg finde, ein Stück weiterzukommen, wirkt Herzmensch für mich manchmal starr, unverrückbar. Doch das ist mein Weg – nicht seiner. Im Kern geht es darum, dass er etwas anderes braucht, um Situationen lösen zu können, die ihn herausfordern und Leid verursachen. Eine maßgeschneiderte Universalanweisung gibt’s leider nicht. Oder so etwas wie eine Gebrauchsanweisung, wie man solche Situationen löst, in denen man seine eigenen Grenzen klar kommuniziert und sie trotzdem vom Gegenüber nicht akzeptiert werden. Wie toll wäre das, wenn man einfach einen bestimmten Punkt am Körper aktivieren könnte, der die Nerven in dicke Drahtseile umwandelt und jeden mit einer Engelsgeduld noch so schwierige Situationen durchstehen lässt?

Dieses ganzes Unvorhersehbare im sozialen Miteinander ist für Menschen im Autismus-Spektrum besonders herausfordernd. Und oft ruckelt es dann wiederkehrend in beinahe ähnlichen Situationen. Mir hilft es, den Kontext zu betrachten, wenn es in unserem Familienalltag mal knautscht: Wie ausgeschlafen ist jeder? Was ist bei jedem Einzelnen gerade so los (Bsp: Erkältung, Erschöpfung, Periode, Wackelzahn…)? Wie hat Herzmensch die Zeit zuvor gearbeitet? Und so weiter. Dann wird schnell klar: Die Ressourcen reichen manchmal nicht, um alles friedlich zu lösen, geschweige denn überhaupt eine Lösung, einen Kompromiss zu finden. Dann ist keine Kapazität da, um mal die Perspektive zu wechseln. Verständnis bringt mich da schon weiter, weil sich dadurch meine Haltung zu den anderen formt. Eine konkrete Lösung oder eine kreative Idee habe ich manchmal auch nicht, um alle da abzuholen, wo sie gerade stehen – muss ich auch nicht. Und: Manchmal wollen meine beiden Herzmenschen das auch nicht, denn da ist oft auch nur das Bedürfnis, mitzuteilen, wie blöd man das alles findet.

Ja, manchmal sind wir uns bei aller Verbundenheit und dem stillen Verstehen einig, dass wir uns uneinig sind.

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