
Ich hinterfrage vieles, seitdem Herzenskind in meinem Bauch heranwuchs. Die Traditionen zu Weihnachten gehören dazu.
Es gibt Dinge, die ich selbst als Kind wirklich schön fand und in der Rückschau für mich diese ganz besondere Weihnachtsstimmung ausmachten: Plätzchen backen, Adventskalender, Stiefel putzen, Weihnachtsbeleuchtung, Lebkuchen, Domino-Steine, Apfelsinen, Weihnachtsteller mit Süßigkeiten. Weihnachtsmarkt. Entenbraten mit Klößen, Rotkohl, Erbsen und Möhren. Spaziergang. Bis nach Abendessen warten – dann gab’s Bescherung. So war das bei uns früher.
Ich sah bereits in meiner Kindheit, wieviel meine Eltern schon Monate zuvor vorbereiteten: Mein Vater arbeitete beinahe ohne Unterlass, um die Weihnachtswünsche erfüllen zu können. Meine Mutter plante die vielen Kleinig- und Großigkeiten sowie das Essen, das jedes Jahr ein wahres Festmahl war. Als Kind hat man es gar nicht so sehr geschätzt, was ein reich gedeckter Tisch bereits für ein großes Geschenk darstellt – doch gefreut haben wir uns immer sehr über dieses üppige Mahl.
Als ich selbst zum ersten Mal Mutter wurde, wollte ich vieles davon erhalten, denn es fühlte sich wie eine stille Familientradition an. Auch wenn meine Eltern bereits längst geschieden waren und wir seither Patchwork-Weihnachten feierten, blieben die ein oder anderen Traditionen erhalten. Aber ich durfte als junge Mutter mit eigenem Haushalt spüren: Das kostet auch was. Nicht mal nur monetär, sondern auch persönliche Ressourcen. Nun war ich da in meinen Zwanzigern, hatte noch mehr Energie und Antrieb – doch war ich noch nicht ganz so im Klaren über meine persönlichen Belastungsgrenzen. Kurzum: Ich habe mich in manchen Momenten übernommen. Die erste, richtig bewusste Notbremsung brachte die Therapiezeit meines Himmelskindes mit sich, in der wir aufgrund des Therapieplans zunächst keine großen Pläne machen konnten. Das größte Geschenk: Er war bei uns. Als er schließlich starb, hatte Weihnachten den Zauber von einst verloren.
In den Jahren darauf fielen die Traditionen mehr in den Hintergrund. Auch die Wahrnehmung der Weihnachtszeit veränderte sich. Wo ich einst alles mögliche machen wollte, ließ ich immer mehr sein – und wunderte mich mit jedem Jahr mehr darüber, was ich damals für einen inneren Marathon lief. Ich wollten allen eine Freude machen, meine Dankbarkeit ausdrücken – aber war eigentlich dauerangespannt. Schöne, besinnliche Zeit.

Und dann war da dieses Weihnachten mit Herzenskind im Bauch. Pure Dankbarkeit für dieses kleine Menschlein unter meinem Herzen. Gerne wollte ich mir einen Schleife um den Bauch wickeln. Herzmensch und ich hielten es schon von Beginn unserer Beziehung sehr einfach: Wir schenkten uns nichts zu den Feiertagen – sondern immer dann, wenn uns der Sinn danach stand. Wir beide freuten uns auf das erste gemeinsame Weihnachten mit Herzenskind – das wir mit Augenringen, Erschöpfung, aber Vorfreude auf einen baldigen Umzug zelebrierten. Und gleichzeitig: Schwappte noch einmal Trauer an die Oberfläche, weil mir mit Herzenskind auf dem Schoß begreiflich wurde, was ich bereits verloren hatte.
Wir hielten es mit allen Verwandten und Freunden drumherum recht schnell so: Bitte nichts unangekündigt schenken. Lieber absprechen. Denn: Es sollte nicht so viel werden. Ich wollte diesen kleinen Menschen weitestgehend von diesem konsumgeschwängerten Weihnachtsfest fernhalten, es ein Stück drosseln, bewusster gestalten.
Aber wir leben in dieser Welt – nicht auf dem Mond.
In einer Welt, in der wir per Klick und mit Extra-Euros bereits am gleichen Tag das Objekt der Begierde vor die Haustür geliefert bekommen können. In der ein Überangebot von allem vorhanden ist und die Auswahl einem Kopfzerbrechen bereiten kann. In der es eine Unendlichkeit an Spielzeugen gibt, von der ich in meiner Kindheit noch träumte.
Die Ursprünge von Weihnachten? Sind wohl in vielen Köpfen verloren gegangen und dort scheiden sich die Geister, was denn nun der richtige Ursprung sein soll. So ganz vergleichen kann man es nicht mehr – wie es mal war bei unseren Vorfahren, in unserer Kindheit. Die Welt entwickelt sich weiter – nicht unbedingt zum Positiven, aber irgendwie gehen wir wohl alle mit dem Lauf der Dinge.
Schon einige Jahre führe ich mir die Werte der Weihnachtszeit vor Augen, sobald die dunkle Jahreszeit einkehrt. Dem Wunsch, diese guten Werte durch das ganze Jahr zu tragen, versuche ich immer mehr nachzukommen. Und natürlich fänd ich es schön, wenn mein Herzenskind die altertümlichen Bräuche dieser Zeit verinnerlichen kann. Ist ja auch noch nichts verloren. Wir finden da nun tatsächlich als kleine Familie eine eigene Tradition. Schauen, was uns wichtig ist zu dieser Zeit. Und vor allem: Was unsere Nervensysteme halten können.
Als wir heute morgen erwachten, spürten ich die freudige Aufregung in meinem Kind. Mit dem Adventskalender haben wir also über drei Wochen Vorfreude versüßt – und Spannung aufgebaut. Wir rätselten, ob ein Christkind schon in der Nacht davor käme oder am heiligen Abend. Da lag ganz viel Zauber, Hoffnung und Überraschung im Raum.
Ja, und Spannung.
Freude ist ein großes Gefühl. Auch das muss man halten können – höre ich noch Kathrin Borghoff im Coaching für Hochsensible sagen.
Und ja. So ist es.
Wer sagt Vorfreude ist die schönste Freude, hat vermutlich noch nicht wissentlich ein neurodivergentes Kind begleitet.
Ja, jeder Mensch muss warten lernen. Wird er auch, früher oder später, oder gar nicht. Wer sich schnippisch über die kindliche Unfähigkeit zu Warten äußert – der sollte sich fragen, warum er um das Öffnen einer neuen Kasse bittet, den Schleicher auf der linken Spur mit Lichthupe um Platz nötigt oder aber seine Bestellung noch dringend am gleichen Tag haben muss. Vielleicht, ganz vielleicht, fällt Warten nicht nur kleinen, sondern auch großen Menschen ganz schön schwer.
…
Heute morgen habe ich mich gefragt, ob wir diesen kleinen Menschen wirklich noch bis zum Nachmittag warten lassen sollen – denn er bräuchte dabei konsequente Begleitung, um einen Meltdown zu vermeiden. Also überlegten wir, ob wir es ihm und uns dieses Jahr angenehmer machen können. Denn – oh Wunder – es muss im kommenden Jahr nicht wieder genauso laufen. Da liegt ein ganzes Jahr dazwischen, in dem Herzenskind weiter reift. Und wir auch.
Und so habe ich nicht nur im Vorfeld bei der Planung des Weihnachtsessens und der vielen Klein- und Großigkeiten mit unseren Nervensystemen gearbeitet – was konkret bedeutet: Weniger ist mehr. Ruhe, Ruhe, Ruhe. Ja, so habe ich auch an diesen feierlichen Tagen unsere Nervensysteme im Blick und lasse ganz bewusst fünfe gerade sein. Keine großen Erwartungen, wenige Anforderungen. Genießen. Die Ruhe. Die Dreisamkeit. Die vielen Aufmerksamkeiten von Christkinds Helfern. Das leckere Essen.
Vielleicht halten wir also nicht an starren Traditionen fest, die gar nicht mehr zu uns passen. Vielleicht werden wir es jedes Jahr an unser Befinden anpassen. Vielleicht wird unsere Tradition, dass wir offen bleiben, für das, was jeder so leisten kann und darauf behutsam eingehen. Nächstenliebe und so. War da nicht was in Bezug auf Weihnachten?
