Schneeflocken

Sechsuhrdreißig. Ich stehe auf. Herzenskind schläft noch tief und fest – es war spät gestern Abend. Nach meiner Morgenroutine im Bad lüfte ich die Wohnung. Eiskalte Luft zieht durch die Öffnungen herein und ich sehe, dass wieder ein paar zarte Schneeflocken vom Himmel fallen. Auf dem Dachfenster entdecke ich schließlich die winzigen Schneesterne und mein Herz beginnt freudig zu schlagen. Fühlt sich für einen Moment wie Kindheit an, als ich mich damals über jeden kleinsten Schneestern erfreute, der auf meiner Kleidung landete und für einen Augenblick zu bestaunen war, bis er allmählich begann zu schmelzen. Geht mir heute noch so.

Kein Schneestern gleicht dem anderen.  Dieser Satz ist in meinem Gedächtnis festgefroren.

Festgefroren.

An diesem Morgen empfinde ich vieles als starr. Unbeweglich. Muss mich innerlich abgrenzen, denn es betrifft gar nicht so richtig mein Leben. Ich sehe es nur, wenn ich aus dem Fenster blicke.

Eigentlich haben die Kinder zwei Tage schulfrei. Doch der Junge muss trotzdem in den Hort. Oder will? Hat er eine Wahl?Eltern müssen arbeiten, haben keine Zeit. Vielleicht geht’s ihm im Hort ja doch ganz gut. Aber frei hat er dennoch nicht. Er muss raus. In eine andere Umgebung aus Fremdbestimmung.

Ich versuche mich innerlich abzugrenzen. Nicht meine Baustelle. Und dennoch. Es trifft mich. Aber warum? Weil ich gerade jeden Weg nach draußen abwäge. Es kostet Kraft. Alles im Vorfeld zu planen, genau zu überlegen, was Herzenskind und ich gemeinsam bewältigen können. Die Natur zeigt: Es ist Winter. Der Mensch sagt: Du musst trotzdem funktionieren. Und dazwischen stehe ich. Mit dem Gefühl im Winter, mit dem Verstand eines Menschen und versuche da einen guten Mittelweg zu finden. Da uns beiden alle Wege nach draußen zur Zeit viel Energie absaugen und ich den Alltag alleine bewältige, nutze ich Hilfsangebote: Entgegen meiner eigentlichen Überzeugung, bestelle ich zur Zeit oft. Lebensmittel. Kleidung. Alles, was gebraucht wird, müssen mir andere Menschen gerade vor die Haustür tragen – weil jeder Weg vor die Tür wahnsinnig erschöpft. Auch wenn sie nur ihre Arbeit machen, denke ich trotzdem an die Lieferanten, die bei diesem Wetter weiterhin ihr Pensum erfüllen müssen.

Es geht auf Kosten der anderen. So ist Gemeinschaft wohl auch. Gewinn und Verlust zugleich. Ich versuche die unfreundlichen Stimmen in mir zu ignorieren, die mir sagen wollen, ich müsste mich doch nur mal mehr zusammen reißen. Ich weiß, dass andere das alles scheinbar mühelos hinbekommen. Aber die haben andere Nervensysteme. Andere Ressourcen. Und da wird mir dieser Tage wieder mal sehr bewusst, wo meine, unsere unsichtbare Behinderung liegt – im Kontext dieser Gesellschaft.

Ich denke an die Schneeflocken. Keine gleicht der anderen.

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