
Als ich vor einigen Tagen mit Herzenskind einen Ausflug machte, fielen mir am Fahrbahnrand Schilder auf, die eine Botschaft für sämtliche Verkehrsteilnehmer vermittelten:
Mein Tempo.. Mein Leben!
Ich halte mich an Geschwindigkeitsbegrenzungen – fahre sogar manchmal lieber etwas langsamer und dennoch angepasst, wenn ich Strecken nicht kenne oder mir die empfohlene Geschwindigkeit persönlich zu schnell vorkommt. Manche Straßen sind so kurvig, eng und unübersichtlich, dass ich lieber einmal mehr vom Gas gehe, um in Ernstfall schnell reagieren zu können.
Ich weiß. Für viele Autofahrer gibt es scheinbar nur Vollgas oder Bremse. Abstandhalten ist eh nur ein Serviervorschlag, genauso wie die vielen Verkehrsschilder, die einen geordneten Straßenverkehr gewährleisten sollen. Ich fahre nicht übervorsichtig, halte mich jedoch an die erlaubten Geschwindigkeiten – und selbst damit scheine ich viele Autofahrer zur Weißglut zu bringen. Mittlerweile nehme ich es gelassen, wenn mir jemand dicht auffährt, obwohl ich den Verkehr mit meiner Fahrweise keinesfalls gefährde oder aufhalte. Bei der nächsten Gelegenheit fahre ich rechts ran und lass den ungeduldigen Menschen vorbeifahren – denn er scheint seine Gründe zu haben, schnell ans Ziel kommen zu wollen. Zumindest rede ich mir das schön. Ich möchte mich einfach nicht mehr darüber ärgern – sondern lieber Abstand von jenen halten, die mit ihrer provokanten, aufdringlichen Fahrweise viel eher Unfälle hervorrufen.
Während meiner Führerschein-Zeit blieb mir vor allem ein Begriff im Gedächtnis: Defensive Fahrweise. Ich muss mit dem Fehlverhalten anderer rechnen und vorausschauend fahren. Ich gehe davon aus, dass nicht nur ich das mal gelernt habe – doch erstaunlicherweise erlebe ich die meisten Autofahrer eher als offensiv in ihrem Fahrverhalten. Wo sich in Pandemie-Zeiten penibelst an Abstand erinnert wurde, habe ich immer häufiger das Gefühl, die Fahrer hinter mir sind scheinbar auf Kuschelkurs getrimmt. Und wenn ich dann noch darüber nachdenke, wie vielleicht genau diese Fahrer den kleinen Menschen unter uns ständig sagen, sie sollen warten und geduldig sein – dann möchte ich manchmal meinen Kopf mit der nächsten Wand bekannt machen.
Als ich die Schilder am Straßenrand sah, dachte ich nicht nur über meine Fahrweise im Straßenverkehr nach. Die Worte erreichten mich auch auf anderen Ebenen. Wie oft schreibe ich seit einigen Jahren nun in meinem Blog davon, dass wir mit unserem Kind ein ganz eigenes Tempo leben. Und während dieser Spruch für den Straßenverkehr natürlich darauf aufmerksam machen soll, dass erhöhtes Tempo mitunter das Ende eines oder mehrerer Leben bedeuten könnte – empfinde ich es dennoch als übertragbar auf das ganze Leben.
Als ich heute wieder mit Herzenskind im Auto unterwegs war, fuhren wir über eine Autobahn, die erstaunlich voll war. Der letzte Ferientag in unserem Bundesland. Außerdem waren unwahrscheinlich viele LKW unterwegs. An manchen Tagen ist besonders viel los. So entschied ich mich auf der Rückfahrt dafür, früher von der Autobahn zu fahren und lieber entspannt über die Landstraße den Heimweg zurückzulegen. Fernab von der Überholspur, die sich komischerweise wieder so staute, obwohl die rechte Spur komplett frei war. Und so genoss ich es, mit Herzenskind unter Bäumen herzufahren und zwischendurch mal wieder anhalten zu können, um den Blick über die Landschaft schweifen zu lassen. Diese Fahrt über die Landstraßen hat mich weniger Energie und Aufmerksamkeit gekostet, als auf der schnelllebigen Autobahn voller gestresster Autofahrer, die sich gegenseitig kaum Platz schenken. Wir kamen vielleicht ein paar Minuten später daheim an, aber dafür war ich von der Fahrt weniger erschöpft. Und wir haben sogar mal bewusst und achtsam den Blick auf die schönen Seiten neben der Straße gerichtet.
Mein Tempo. Mein Leben.
Vielleicht bleibt in der Schnelligkeit viel mehr auf der Strecke, als in einem langsameren Tempo. Ein Leben auf der Überholspur ist für mich jedenfalls nicht erstrebenswert.
