
Da sitze ich nun vor diesem kleinen Tablett. Ein Kakao mit herrlich weichem Schaum und zwei Kekse dazu. Damit beginnt meine Me-Time, wie es mittlerweile überall heißt.
Ich sitze beim Friseur und lasse es mir an diesem Nachmittag richtig gut gehen. Nachdem wir besprochen haben, was in diesen Stunden an meinen Haaren so gemacht werden soll, bereitet mir die Friseurin zur Einstimmung dieses süße Tablett zu. Während sie mir die Farbe aufträgt, unterhalten wir uns und ich nippe immer wieder an diesem warmen Getränk, das meinen Bauch und meine Seele erwärmt.
Ist. Das. Schön.
Ich genieße es. Denn es ist nur für mich.
Während die Farbe einwirkt, lese ich eine Zeitschrift. In Ruhe. Neben mir sind noch zwei andere Kunden im Salon und die Lautstärke hält sich in Grenzen. Ein Blick aus dem Fenster: Ungemütliches Herbstwetter. Der Sturm weht mit aller Kraft die Regentropfen gegen die Fensterscheiben. Wie gut, dass ich gerade hier drin sein darf.
Wir gehen zum Waschbecken, um die Farbe auszuspülen. Und: Ich bekomme, wie jedes Mal, eine wunderbare Kopfmassage. Der Waschraum ist abgetrennt vom Salon. Es läuft ruhige Entspannungsmusik, es ist angenehm beleuchtet – dieser Raum wurde bewusst so gestaltet und unterstreicht jedes Mal das Wellness-Gefühl, wenn ich dort bin.

Im Anschluss schneidet die Friseurin mir so die Haare, wie ich es wünsche. Auch etwas, dass ich viele Jahre nicht kannte, denn immer ging ich unzufrieden nach Hause, weil mir nicht genau zugehört oder aber eben meine Vorstellung nicht in den Kopf des anderen übertragen werden konnte. Erst mit einer lieben Freundin, die mir bis vor einiger Zeit noch die Haare schneiden konnte, durfte ich die Erfahrung sammeln, dass jemand sorgfältig und einfühlsam auf meine Wünsche eingeht. Ich war nun gezwungen, mir nochmal eine neue Anlaufstelle zu suchen und habe großes Glück mit der jungen Frau, denn es harmoniert auf vielen Ebenen zwischen uns. Nach den letzten drei Terminen ging ich jedes Mal sehr zufrieden nach Hause und fühlte mich immer sehr wohl mit meinen Haaren.
Über zwei Stunden war ich im Salon, bis ich die dreißig minütige Heimfahrt antrete. Mittlerweile ist es schon 18 Uhr – allmählich Abendbrotzeit bei uns daheim. Mit meinen beiden Herzmenschen war abgesprochen, dass ich von unterwegs etwas zu Essen mitbringe. Kurzerhand bestelle ich eine riesige Pizza für uns drei, bevor ich das Auto starte. Ich hole auf dem Heimweg die Pizza ab. Etwas später, als gewöhnlich, essen wir drei zu Abend. Die abendliche Routine mit Herzenskind verschiebt sich etwas, doch das ist okay. Dafür kuscheln wir noch im Bett und schauen gemeinsam ein Video, während draußen weiterhin der Sturm tobt.
Ich habe es genossen. Ganz bewusst. Das war ein Tag voller Selbstfürsorge: Am Morgen ein Gespräch mit meiner Therapeutin, am Nachmittag mein Friseurtermin und am Abend habe ich es mir „leicht“gemacht, um uns drei satt zu bekommen. Für kurze Augenblicke habe ich noch daran gedacht, wie es vor einem, zwei oder drei Jahren war. Ich habe immer noch deutlich weniger Zeit für mich, als jene, deren Kinder täglich mehrere Stunden in einer Betreuung sind. Im Verlauf der letzten Jahre wurden aus Momenten für mich allein mehrere Minuten und Stunden. Bei uns dreien wuchs von Mal zu Mal das Vertrauen und die Sicherheit, dass es ohne mich klappt und die Nr.1 zur Regulation für unser Herzenskind auch Pausen machen kann. Mittlerweile bin ich darin ziemlich gut geworden, aus den selteneren, zeitlich begrenzten Momenten viel Kraft herauszuziehen, damit ich wieder gut für meine Familie sorgen kann. Und: Ich gestehe mir die Pausen und Auszeiten mehr zu, ja, ich fordere sie mir ein. Wenn ich dann, nach meiner Me-Time, wieder nach Hause komme, sogar schon mit Sehnsucht nach meinen Herzmenschen, bin ich stolz auf uns. Stolz, dass wir das alle drei hinbekommen. Aber vor allem, das ich es immer besser schaffe, für mich selbst zu sorgen.
