Scheitern

Ich hab’s verkackt, sagt die eine Stimme.

Es ist nichts verloren, sagt die andere Stimme.


Scheitern, Fehler machen – es gehört zum Leben dazu. Fehler sind, anders buchstabiert, Helfer und ermöglichen Lernprozesse. Ist mir schon irgendwo bewusst und ich nehme allmählich eine andere Haltung gegenüber meinen Fehlhandlungen ein. Schließlich ist niemand perfekt und es sollte auch nicht das Ziel des Lebens sein. Dennoch merke ich meine Prägungen und meinen autistischen Selbstanspruch, die mir immer mal wieder hineingrätschen. In mir hat sich etwas abgespeichert, das mir im Grunde nicht mehr dienlich ist und mir nur Anspannung und Stress beschert: Wenn ich einen Fehler mache, passiert etwas Schlimmes. Die Konsequenzen könnten verheerend sein. Und ich bleibe zurück mit dem Gefühl, was richtig Schlimmes angestellt zu haben. Früher hing der Haussegen schief. Dem Frust und Ärger daheim konnte ich kaum aus dem Weg gehen. Und so war es oft. Diese Grundstimmung hat sich eingebrannt. Doch glücklicherweise habe ich in den vergangenen Jahren dank meiner Therapie immer mehr für mich lernen dürfen, das nichts wirklich Schlimmes passiert, wenn ich einen Fehler mache. Nach dem Motto: Davon geht die Welt nicht unter.

Nun hatte ich wieder so einen Moment, der diese tiefen Gefühle in mir ausgelöst hat. Und dabei ging es nicht nur um mich, sondern auch um mein Kind. Die Rückmeldung und Einschätzung einer ‚Fachperson‘ zu bekommen, die nun eine Bindung zu meinem Herzenskind aufbaut, hat natürlich schon mehr Wirkung, als von Menschen, die uns nur in einer Momentaufnahme erleben und ihre Meinung ungefragt kundtun. Im Gespräch erörtern wir Ziele für die gemeinsame Zusammenarbeit und bei mir entsteht der Eindruck, dass die ‚Fachperson‘ in Sorge ist, unser Herzenskind könnte mit seinen derzeitigen Verhaltensweisen später ein paar Schwierigkeiten bekommen. Und klar: Gedanken habe ich mir dazu auch schon häufig gemacht. Habe versucht, Schrauben zu drehen, konsequenter zu sein. Mir ist bewusst, dass ich als Vorbild und liebevolle Führung fungiere. Dass ich mein Kind im Autismus-Spektrum oft eher abholen und überzeugen muss, sein eigenes Potential zu erkennen und zu leben. Aber wie ich das am besten mache? Ganz ehrlich. Oft habe ich keinen blassen Schimmer. Ich ziehe mir also direkt den Schuh an, den viele Eltern von Kindern im Autismus-Spektrum vorgesetzt bekommen: Ich hab die Erziehung meines Kindes vergurkt.

Gut, dass wir nun jemanden mit im Boot haben, der uns dabei mit kreativen und wertvollen Impulsen unterstützen wird, denke ich so bei mir. Aber bis ich diese Worte aussprechen kann, gehe ich erstmal durch die emotionale Achterbahnfahrt meiner Prägungen. Denn zunächst springt die rote Lampe meines Selbstwertes an:

Na toll, ich hab’s voll verkackt. Ich wollte meinem Kind Zeit geben, sich in seinem Tempo zu entwickeln. Bin auf die Bedürfnisse eingegangen. Hab jeden Tag mit allen Bedürfnissen, Möglichkeiten und Grenzen jongliert. Und nun? Jetzt steht da mein Kindchen und wird offenbar nicht klar kommen, sobald es in die Schule geht. Gut gemacht. Nicht.

Ich sehe erstmal nur, wo ich gescheitert bin. Ich sehe, wo sich meine persönlichen Grenzen und Schwierigkeiten scheinbar ungünstig auf mein Kind ausgewirkt haben. Reue und Scham keimen für einen Moment auf. Das Gefühl, dieses Mutterding doch nicht so hinzubekommen. Im Kopfkino wurde ein Kurzfilm aus dem Genre ‚Drama‘ angeworfen.

Aber diesen Film schalte ich nun schneller aus. Ich habe keine Lust auf diese Kino-Vorstellung, die ich schon so oft gesehen und durchgefühlt habe. Ich verlasse das Kino und stelle mir vor, in ein Repair-Cafe zu gehen. Nein, mein Kindchen ist nicht ‚kaputt‘. Ich muss es nicht reparieren. Aber ich brauche nochmal etwas Hilfe und ein paar Schrauben, die an gewissen Stellen eingesetzt sicher gute Fortschritte bringen werden. Mein Herzenskind wird gewisse Fähigkeiten und Umgangsformen lernen (müssen), um in einer Gruppe von Menschen gut zurecht zu kommen. Und das wird er auch. Ich vertraue ihm. Wir gehen täglich einen schmalen Grat zwischen Fordern und Überforderung. Zwischen Anspannung und Entspannung. Ein Kind im Autismus-Spektrum überwiegend alleine zu begleiten, wenn man selbst auch im autistischen Spektrum liegt und sich zusätzlich mit den Auswirkungen von ADHS arrangiert – statt mich dafür fertig zu machen, was alles nicht klappt, sollte ich mich öfter dafür anerkennen, was alles gut läuft.

Es ist nichts verloren. Ganz genau. Auch wenn mein Kind gerade noch gewisse Schwierigkeiten im sozialen Miteinander hat, bedeutet das nicht, dass es immer so sein wird. Ja, der Grundgedanke, einem Kind so früh wie möglich gewisse Dinge nahe zu bringen, hat schon seine Berechtigung. Dennoch sehe ich, wieviel von den kleinen Menschen hierzulande verlangt wird. Wieviel sie lernen und können sollen – ohne Rücksicht auf individuelle Möglichkeiten und Grenzen. Dazwischen stehen wir, haben stets geschaut, wo die Interessen und Fähigkeiten unseres Kindes liegen, sind darauf eingegangen und haben ganz nebenbei eine liebevolle Bindung zu diesem kleinen Menschen aufgebaut. Vergleichswerte waren kaum vorhanden, kein Druck, kein Anspruch. Jetzt rückt das große Thema Schule näher und schon wird deutlich, was so ein kleiner Mensch schon alles mitbringen soll und können muss.

Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu begleiten. Das Dorf hatten wir lange Zeit nicht und auch jetzt können wir noch lange nicht davon sprechen, dass unser Kind viel Zeit mit anderen Menschen, außer uns Eltern, verbringt. Aber da ist nun ein Netzwerk, das uns stützt und bereichert. Es braucht für alle Beteiligten eine gewisse Zeit der Gewöhnung und Vertrauensfindung. Es ist also ein großer Schritt aus der Komfortzone heraus, immer mehr Menschen in unseren Kreis hineinzulassen. Dementsprechend: Wir sind gerade sehr mutig. Es verändert sich wieder einiges und das darf langsam integriert werden. Ich nehme diese Schritte auf dem Weg in neue Lebensabschnitte ganz bewusst wahr, schaue hin und spüre rein, was es mit mir und meinen Herzmenschen macht. Die Verunsicherung darf sein. Die Skepsis darf sein. Alles darf sein.

Was auch da ist? Dankbarkeit. Und wie. Trotz der Gefühle von Scham und des Scheiterns – ich bin dankbar für die Hilfe. Ich bin dankbar für die Erkenntnisse, die sich bereits nach so kurzer Zeit ergeben. Ich bin dankbar, dass sich Raum für Wachstum eröffnet, den wir mitgestalten können, aber für den ich nicht mehr komplett allein verantwortlich bin. Wir werden auch weiterhin scheitern – gemeinsam, allein. Aber wir können uns sicher sein, dass Menschen an unserer Seite sind, die uns halten und stützen.