Die Heimat, das bedeutet: von Zeit zu Zeit eine Minute Rührung, aber doch nicht dauernd. (Jules Renard)
Es stand mal wieder ein Besuch in der Heimat an. Herzenskind und ich wollten uns auf die Reise begeben. Drei Nächte. Wie immer packe ich bereits einen Tag vorher den größten Teil zusammen, damit wir am Abreisetag den Überblick behalten.
Meistens baut sich ganz langsam eine kleine Spannung bei uns auf, wenn wir wissen, dass es bald losgeht. Vorfreude. Nervosität. Vor allem in Hinblick darauf, dass wir auch bloß nichts vergessen. Manch ein Routinebestandteil ist nicht einfach so überall käuflich zu erwerben, weshalb ich einiges daheim einpacke. Schon sind einige Taschen, Beutel und Körbe gefüllt und ich hab das Gefühl, uns steht ein Umzug bevor. Spannend, was wir im Alltag so für unser Wohlbefinden brauchen. Damit unsere Nervensysteme ein Stück Sicherheit spüren.
Oftmals kippt die Stimmung ein wenig, bevor es losgeht. Entweder am Tag zuvor oder unmittelbar vor der Abreise. Mittlerweile kann ich das besser innerlich halten und lege den freudigen Blick auf das, was uns erwartet: Abwechslung. Neue, REIZvolle Umgebung mit genügend Dopaminquellen. Raum für Wachstum. Ich bin mehr und mehr im Vertrauen, dass es gut wird – auch wenn gewisse Umstände anstrengend sind für uns: Andere Betten. Andere Räumlichkeiten. Ein anderer Alltag. Mehr Zeit am Stück unter Menschen. Sprich: Unsere autistischen, sensiblen Systeme haben ordentlich zu tun. Und wenn ich allein mit Herzenskind verreise, bin ich (noch) Nervensystem Nummer eins zur Regulation. Ich muss also gut überlegen, wie viele Tage wir zwei unterwegs sein können, damit wir noch davon profitieren.

Wir kommen früh los, da die Vorfreude des Herzenskindes kaum zu bremsen ist. Ich freue mich, dass wir vormittags starten können, weil meine Konzentration dort meistens gut funktioniert. Gerade für eine lange Autofahrt enorm wichtig. Am Abend zuvor gingen mir noch für einen Moment solch dunkle Gedanken durch den Kopf: Was ist, wenn wir einen schweren Unfall bauen? Beide sterben oder nur einer von uns überlebt? Wie erfahren alle davon?.. Für einen Moment kommt Panik in mir auf, doch ich fange mich schnell – denn es schärft letztlich mein Bewusstsein.
Auf der Fahrt in die Heimat spüre ich, wie bei jeder Reise, dass die ein oder anderen Erinnerungen in mir aufkommen. Ich sehe die Namen der Orte, an denen ich viel Zeit verbracht habe und die die Kapitel meiner Vergangenheit geprägt haben. Ich denke an die Menschen, die dort leben. Mit einigen stehe ich noch in Verbindung und würde sie gerne mal wiedersehen. Mit anderen ist der Kontakt gering oder gar abgebrochen. Mittlerweile piekst es mich nicht mehr so sehr – vor allem der Punkt, dass ich mich verpflichtet fühle, viele Besuche zu machen, sobald ich in der Heimat bin. Ich kann es nicht mehr leisten. Und eigentlich war es schon immer zu viel. Heute weiß ich, warum das so war.
Die anfängliche Aufregung und Freude des Herzenskindes zeigt sich in erhöhter Körpertemperatur und dem Wunsch, Kleidung von sich zu reißen. Am ersten Abend lässt er sich das Tagesgeschehen nicht nur sprichwörtlich durch den Kopf gehen. Während seine Nacht ruhig verläuft, kann ich auf der harten Matratze kaum in den Schlaf finden. Dieser Umstand bleibt auch in den kommenden zwei Nächten bestehen, sodass sich mein Schlafmangel wieder bemerkbar macht. Ich versuche für mich zu sorgen, wo ich kann, bin jedoch non stop zur Regulation gefragt. Kleine Vorhaben werden abgebrochen, als wir merken, dass es uns beide zu viel kostet.
Die Begegnungen tun gut. Bewegen. Und: Pieksen. Fröhlich in kleine Wunden, die wohl doch noch nicht ganz abgeheilt waren. Aber: Ich komme schnell aus dem Gedanken- und Gefühlskarussel heraus, erkenne die wunden Punkte und kann mitfühlend damit umgehen. Wow! Ich spüre schnell, wie viel ich in der vergangenen Jahren an mir gearbeitet habe. Ein bisschen Zuspruch von Herzmensch und einer lieben Freundin hilft mir schließlich, wieder in meine Bahn zu kommen.
Ich erkenne wieder, wie wichtig ein verständnisvolles und nachsichtiges Umfeld für das Wohlbefinden ist. Wenn ich mich zwar hin und wieder erklären muss, aber grundsätzlich eine verständnisvolle Haltung beim Gegenüber zu spüren ist. Über den Schlafmangel und die körperliche Zerknautschtheit kann ich dank der angenehmen zwischenmenschlichen Zeit hinwegsehen. Es tat gut. Es war eine schöne Abwechslung. Und ich durfte wieder viel für mich mitnehmen. Allem voran, dass ich ein gutes Gefühl für mich und mein Kind habe. Und dass ich bei der Planung einer Reise immer wieder darauf vertrauen darf.
Wir kommen erschöpft und auch erfüllt zurück nach Hause. Zwei Tage bleiben wir daheim. Ich sage vorsorglich einen Therapietermin für Herzenskind ab und erhalte ein inniges Dankeschön, dass er noch etwas Pause machen darf. Mit dem Schlaf im gewohnten Bett reguliert sich auch bei mir wieder der Schlafmangel. Die Eindrücke wirken nach, auf allen Ebenen. Es bleibt Dankbarkeit zurück – für alles was jetzt ist in meinem Leben.
Aber am Ende bin ich stolz auf uns, dass wir wieder einmal aus dem Alltag ausgebrochen sind und daran wachsen durften. Wir können das, aber es kostet uns eben auch immer etwas.
